Montag den 4. Sutt
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(Nachdruck verboten.)
Aie Jenchopolaune.
Aus den Erlebnissen eines russischen Gerichtsarztes.
Von E. v. Trojanowsky.
(Fortsetzung.)
Der Arzt antwortet nichts, schüttelt ihm nur lächelnd die Hand.
Beide Herren stehen am offenen Fenster, dem Schwalbenpaar zuschauend, das mit allerlei winzigem 9te= montematerial im Schnabel in das oben am Fenstersims befindliche Nest hineinschlüpft und sich dann wieder hinausschwingt zu neuer Suche. Ein kleines, barfüßiges Mädchen draußen schlägt mit einigen frischabgerissenen Faulbaumzweigen nach vorübersummenden Fliegen. Der Untersuchungsrichter, ein großer Kinderfreund, ruft die Kleine zum Fenster. Gegen einen silbernen Zehner empfängt er von ihr die wenigen Zweiglein mit den kaum geöffneten Blütenknospen, voll schwachen Bittermandelngeruchs. Eine andere barfüßige Kleine spielt mit einem Sträußchen Apfel- Laumblüten. Als sie bemerkt, daß die Herren am Fenster für die Faulbaumzweige Geld gegeben, trippelt sie eilends heran, ihr Sträußchen anbietend. Die Herren geben auch diesem blauäugigen Kraus köpf ein kleines Geldstück, ihr Sträußchen aber nehmen sie nicht. Der Untersuchungsrichter bemerkt der Kleinen, daß sie solche Blüten nicht abreißen dürfe, daß sie eigentlich soeben Aepfel gestohlen, — und gibt dem draußen stehenden Ssotzki mit möglichst sanftem Tone und lustigem Augenzwinkern den Befehl, die kleine Sünderin zu arretieren. Obgleich der Ssotzki, den Scherz des Untersuchungsrichters verstehend, sich von seinem Platze am Hoftor nicht rührt, ist die kleine dralle Dirne durch die wenigen Worte des fremden Herrn doch so erschreckt worden, daß sie mit lautem Geschrei sich zur eiligsten Flucht wendet, und um so schneller läuft, je lauter das urkräftige Lachen der „Jerichoposaune" zu ihr herüberschallt.
Da meldet der an der Zimmertür stehende Ssotzki, daß der a lte Mann und sein Sohn wieder um Einlaß bitten. Sie treten ein.
„Euer Wohlgeboren", sagt der Alte, „mein Sohn und sein Weib haben mich um Verzeihung gebeten, haben mir — heilig versprochen, fortab besser mit mir umzugehen. Da will ich denn — diesmal dem Sohne noch- verzeihen. Wegen der paar Schläge, die er mir versetzt hat, kann ich — ihn doch nicht nach Sibirien treiben. Er bleibt doch immer mein leiblich Kind, und", der Alte wischt sich die Tränen aus den Augen, „wie lange habe ich. denn! noch zu leben?"
Der Untersuchungsrichter unterbricht ihn, sich brüsk zu dem verlegen dastehenden jungen Bauern wendend: >,Und Du, infamer Kerl", apostrophiert er ihn mit allem
ihm zu Gebote stehenden Nachdruck, „Du wärst auf em Haar am vorigen Mittwoch zum Vatermörder geworden! Der Schädel Deines Vaters ist nicht mehr so dick und so stark wie der Deine. Ich soll Dir alsp jetzt glauben,, daß Du Dein Versprechen auch wirklich halten, mit Deinen plumpen Fäusten dem alten gebrechlichen Manne nicht mehr zu Leibe gehen ivtrst? Sieh mir einmal voll irt die Augen, — kannst Du das mit gutem Gewisses versprechen? Nun gut, ich will Dir diesmal glauben! —i Brichst Du aber doch Dein Wort, kommt Dein Alter wieder klagen über Dich, dann ist's aus mit allem Verzeihen! Dann kommst Du, Erztaugenichts, in das allerentfernteste, aller kälteste Sibirien, auf das allerdunkelste, allerschrecklichste Bergwerk! Merke Dir das, mein Sohn! Und jetzt", mit leichtem Druck auf die Schulter dreht er ihn in die Richtung gegen das oben in der Zimmerecke befindliche Erlöser-Heiligenbild, „bekreuzige Dich als guter Christ vor dem Bilde da — so", die Hand des Untersuchungsrichters lastet noch schwerer als anfangs auf seiner Schulter, sodaß der robuste Mensch unter ihrem Drucke in die Kniee sinkt, „kniee nieder vor Deinem Vater, mein Bester, so! Berühre dreimal mit der Stirn den Boden, so! bitte den Alten recht herzlich, er möge Dir verzeihen, er möchte Glauben schenken Deinem Versprechen, daß Du ihn fortab nie mehr beleidigen, nie mehr schlagen wirst, so! Und jetzt bitte auch' ich, von mir aus, daß Dein Vater Dir dieses' letzte Mal noch, verzeihen wolle, — na ja, Alterchen, so ist's !"
Der Alte hebt den Knieenden auf, Vater und Sohn küssen einander dreimal, der Friede ist geschlossen.
Erst gegen das Ende seiner Ansprache hatte die Stimme des Untersuchungsrichters etwas ruhiger und' milder geklungen. Im Anfang seiner Philippika hatte er noch gewaltiger gedonnert als bei seiner Ermahnung des' Weibes, abermals ohne die geringste Rücksicht auf alle die unfreiwilligen Zeugen im Nebenzimmer, im Flur ünd' draußen vor den offenen Fenstern. Während dieser letzten Philippika war draußen auf einem Dreigespann ein höherer Militär mit Generalsabzeichen vorgesahren. Wohl nicht das erstemal hier durchreisend, war er von der Treppe direkt auf die ins vordere Passagierzimmer führende, vonk Ssotzki bewachte Tür zugeschritten, und war dann verwun- ■ dert stehen geblieben, als der Ssotzki rapportierte: „Eure Exzellenz, heute kann man nicht da hinein! Der Untersuchungsrichter verhört da!" Als nun der General gleichzeitig die gewaltige, laut scheltende Stimme des Untersuchungsrichters vernahm, fügte er sich sofort in die Situation, machte schmunzelnd kehrt, und schritt zur zweiten Tür, die in das Hintere Passagierzimmer führte.
Die andern auf heute angesetzten Sachen, in denen der Arzt auch mehr oder weniger zu tun gehabt hatte, waren schon in den frühen Vormittagsstunden beendet worden, ohne daß es seitens des Untersuchungsrichters zu besonderen Vermittlungsversuchen oder Friedensstift-


