Ausgabe 
4.6.1904
 
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Und binnen weniger Nächte brachte der Frost dss Delta auch mit der Nehrung in Verbindung. Wv bisher Dampf­schiffe die tiefe Flut durchschnitten hatten, breitete sich eine unabsehbare Eisfläche aus, über die lustig die Schlitten dahinjagten.

Die Jugend von Gill schnallte Schlittschuhe unter die Sohlen und tummelte sich auf dem breiten Rücken des Karpaßstromes, die Erwachsenen folgten bald ihrem Bei­spiel, dann kamen sogar große Gesellschaften im Schlitten aus der Kreisstadt au, die an dem sportlichen Vergnügen teilnahmen, um im Anschluß daran imLöwen" zu tanzen und ungeahnte Punschmengen zu vertilgen. Es ging in der ganzen Gegend viel lebhafter, geselliger und lustiger her als im Sommer.

Ein paarmal brachte Zupitza auch wirklich Frau Fränze dazu, daß sie sich mit ihren kleinen Gästen den Giller Herr­schaften aus größeren Schlittenpartien anschloß. Sie kam jedesmal munter und mit geröteten Wangen heim- Lotz sagte: Erfrischend wie ein lieber Besuch.

Wer die Herrlichkeit auf dem blitzblanken, von der klaren, kalten Wintersonne beschienenen Eise dauerte nicht laug. Anfang Januar gingen unendliche Schneemassen nieder und überzogen die ganze Niederung mit einem weißen, weiten, unabsehbar weiten Leichentuch, das alles Lebeu zu ersticken drohte, das kaum mehr eilt ahnendes Unterscheiden zuließ, wo früher Strom, wo Land, wo Haff uud wo Meer gewesen war- Schnee, Schnee, Schnee, wohin das Auge blickte-

Die kleinen Feriengüste waren nach Insterburg abge­zogen, und es ward wieder einsam, recht einsam auf dem Werk. Die Sakuthenen bekamen in ihrer Abgeschiedenheit, seitdem der Schnee meterhoch rund um die Gehöfte lag, sehr wenig andere Künde von draußen als durch die Zeitung. Und selbst die Post blieb manchmal aus. Die dickverschneite Straße lockte nur selten die Giller Bekannten zu einer Schlittenfahrt nach dem Werk- Der Doktor war der einzige, der sie aus ihrer Einsamkeit erlöste oder sw teilte, wenn der Zustand des Kranken keine Zerstreuung huließ, wenn die Hauptzeit des Besuches damit hinging, ihn zu trösten.

Zupitza führte in diesen Wochen einen wahren Kampf.

Er nahm jede Gelegenheit wahr, um Fräuze aus dem Hause wegzuholen. Als die Kasinogesellschast eine Ressource ansagte, setzte er's bei Dieter durch, daß er sie zur Teil­nahme au dem Fest überredete. Sie schloß sich also an Schmals an-

Wer befriedigt schien sie von diesemAusflug in die Welt" doch nicht-

Zupitza hatte einer weiten Fahrt übers Haff halber, die sehr dringlich war, erst um Mitternacht im Tanzsaal des Löwen" eintreffen können- Da war Frau Lotz mit ihren Bekannten aber 'schon gegangen-

, Andern Tags, als er sie beim Abschied danach fragte, meinte sie: ,^Jch bin zu ernst, zu schwerfällig, vielleicht auch zu alt geworden für solche Vergnügungen- Nein, Doktor, verordnen Sie mir keine Feste mehr."

Es klang fast Kummer aus ihren Worten. Zupitza zuckte es durch den Sinn: vielleicht hatte sie unter Gamerings Galanterien zu leiden gehabt, vielleicht hatte sie sich über Zudringlichkeiten, Anspielungen ärgern müssen- Das Blut stieg ihm in die Schläfen: starke Eifersucht peinigte ihn.

Sie standen im halbdunklen Korridor einander dicht gegenüber. Beide dämpften die Stimmen, damit Meter sie -rinnen int Zimmer nicht hörte-

Hat man Sie gekränkt, Frau Fränze?"

Noch nicht", sagte sie langsam, mit eigener Betonung.

Betroffen blickte er ihr ins Auge.Womit quälen Sie sich nur wieder?"

Sie wich ihm aus.Ja, sehen Sie, lieber Freund, Sie haben mir eben mehr Freiheit verschafft, als ich vertragen kann-"

//Tag für. Tag zwei Stunden." Nun nahm er ihre beiden Hände in die seinen.Frau Fränze, muß man Sie nicht tüchtig auslachen, tote? Spazierenlaufen sollen Sie, sich müde laufen, das Blut aufpeitschen, sich heiß laufen tnt Wintersturm draußen- Es tut Ihnen ja so not, Sie wissen es gar nicht- Und liegt denn nicht auch darin ein eigener Zauber? Seine Kräfte messen, auftrumpfen gegen irgendwas- und wenn's auch nur Sturm und Schnee ist?"

Er hatte auf seinen Schlittenfahrten selbst oft nicht geringe Strapazen durchzumachen. Auf den mühsam ge­

bahnten, von Schneefällen immer wieder verschütteten Wegen über Land gab's oftmals kaum ein Vorwärts- kommen mehr. Dann galt es, häufig genug bei sinkender Nacht und starrem Frost, den Schlitten zu verlassen und ktlometerlange Strecken zu Fuß zurückzulegen. Ein Wirren ins Moor, ein Wstürzen in die tieferliegenden Kanalgräben, deren Ränder sich im alles nivellierenden Schnee kaum abhoben, bildete die stete Gefahr bei jeder solchen Ex­kursion. Wer Zupitza, der ein Fanatiker der Arbeit war, fand in seiner Pflichterfüllung gerade unter so strapaziösen Begleitumständen am ersten Befriedigung.

Ich kann mich Dieters wegen ja doch nicht weit von Hause fortwagen", sagte sie.Da kommt's also immer auf dieselben Märsche hinaus- Ueberall Schnee, vom Haff der unerbittliche, schneidende Wind, und immer der gleiche ein­same Weg von Sakuthen nach Gill, von Gill nach dem Werk."

Wer die Gedanken können doch schweifen, Frau Fränze?" Sagten Sie das damals nicht selbst?"

Ach ja, gewiß, sie schweifen. Weit, o so weit. Aber ins Trostlose unaufhaltsam." Sie seufzte.Als ich noch mehr Arbeit halte, war mir's Wohler."

Er fühlte es jetzt: sie war wirklich gealtert in den paar Wintertoochen. Sichtbar. Es ergriff ihn tief.

Wieder versuchte er, wie schon ost, ihr zu beweisen, wie not ihr's tue, sich innerlich mehr frei zu machen. Er stellte ihr vor, wieviel Schmerzen, wieviel Not, Jammer und Elend es unter dem armseligen Volk draußen auf dem Moor gebe: int Vergleich damit habe Dieter in all seinem Unglück doch noch ein goldenes Los-

Oft findet so ein unglücklicher Kranker in der Kolonie da drüben nicht einmal die notdürftigste Pflege, er ver­kommt, verendet wie ein wildes Tier. Und hier ist so viel sorgende Liebe um den einen bemüht ja, ein Gesunder opfert sich für den Sterbenden auf. Frau Fränze, das ist eine ungerechte Verteilung. Und schließlich erbittert es mich geradezu gegen ihn, der es duldet-"

Sie schrak zusammen: man hörte Dieter, den es beun­ruhigte, daß Fränze noch nicht kam, klingeln und rufen- Da sie sich hastig nach der Tür umwandte, nickte Zupitza fast trotzig und schritt dem Ausgang zu.

Doktor", rief sie ihm in gedämpftem Tone nach, selbst wieder unschlüssig,so sollen Sie nicht von mir gehen!" Ach, Sie wissen ja nicht, wie es an mir zerrt-"

Es gebricht Ihnen an Mut, Frau Fränze-" Vielleicht nur am Mut zur Grausamkeit-" Nun sah er sie mit großen Augen an-Gut, nennen Sie's Grausamkeit- Wer Sie müssen sie jetzt besitzen. Sonst gehen Sie mit zu Grunde. Rettungslos, Frau Fränze. Und Sie hätten doch, noch Forderungen an die Welt."

Die Tränen standen ihr in den Augen- Sie schüttelte verzagt den Kopf.Nein, nein, ich habe keine Forderungen mehr."

So hat die Welt Forderungen an Sie!" Damit brach er das Gespräch ab und ging.

(Fortsetzung folgt.)

Können unsre Augen leuchten?

Von Dr. Hans Fröhlich.

Nachdruck verboten.

Schon seit den ältesten Zeiten hat man die Beobachtung ge­macht, daß die Augen der nächtlichen Raubtiere und vor allem die der Katzen in der Dunkelheit leuchten. Aristoteles erwähnt sogar ein Augenleuchent bei den Fischen. Andere Forscher wieder sahen es bei Hyänen, Wölfen, Ziegen, Schafen, Pferden, Raubvögeln. Frühzeitig bemächtigten sich Märchen und Gespenstergeschichten dieses Phänomens und erzählten von fabelhaften Tieren, deren Augen Funken sprühen, in vollkommen dunkeln Räumen gleich glühenden Kohlen funkeln und mit ihren Lichtstrahlen alles er­hellen. Man betrachtete das Augenleuchten meist als eine Phos­phoreszenz-Erscheinung,ähnlich wie bei den Johanniskäfern und auf denselben Gründen beruhend". Im Innern des Auges sollte ein lichtsprühender Stoff sein, der das Licht auch in absoluter Dunkelheit erzeuge. Hierbei spiele hauptsächlich der Erregungs­zustand des Tieres eine große Rolle: die Gemütsstimmung, die Seele strahle aus den Augen. Buffon sagte:Das Licht der Katzenaugen zeigt sich vorzüglich, wenn sie in einer lauernden Stell­ung sitzen, wenn sie über etwas Ungewöhnliches stutzen und wenn sie gereizt werden; in diesem Falle schießt es stoßweise hervor." Noch im Jahre 1809 schrieb Dr. Dessaignes in seiner sogar von der Akademie preisgekrönten Arbeit über die Phosphoreszenz: