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Samstag den 4. Juni.
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(Nachdruck verboten.)
Irühlingsstürme.
Roman von Paul Oskar Höcker.
(Fortsetzung.)
Sechstes Kapitel.
Weihnacht rückte heran, und Fränzes kleine Feriengäste trafen auf Sakuthen ein. Das gab nun wieder eine Helle, fröhliche Note. Die beiden wilden Rangen stellten das ganze Haus auf den Kopf. Dieter Lotz wurde es bisweilen ein bißchen zu viel des Trubels. Wer Zupitza duldete diesmal keine Klage.
„Lieber Freund", sagte er, indem er ihm beschwichtigend auf die Schulter klopfte, „vor allem lassen Sie's Ihre Frau nicht merken, wenn die Jungens Sie stören. Denn glauben Sie mir: Frau Franze ist der schwierigste Patient hier im Hause."
Erschrocken blickte der Gelähmte auf. „Was fehlt ihr, Doktor?"
„Dasselbe, was Ihnen fehlt, und was Sie so verzweifelt mit Ihrem Schicksal hadern macht: Luft, Bewegung, Marschieren, Tanzen und Schlittschuhlaufen."
Dieter nickte trübe. „Ja, ja, sie zwingt sich fast zum selben Krankenstubenleben, wie ich es führe- Ach, Doktor, wenn mir's nicht so hundsmiserabel ginge, wenn id). sie nicht brauchte... Ich sehe doch selbst, wie blaß und matt sie geworden ist!"
„Ja, und nun nehmen Sie mal an, Sie stehen eines Tages gesund und munter wieder auf — und dann wird sie sich, legen müssen!"
Immer öfter, immer dringlicher machte Zupitza dem Mauken derlei Vorstellungen, wenn er mit ihm allein war-
Sie sannen und berieten dann beide, wie sie Fränze mit List oder durchs Ueberredung dazu bringen könnten, sich selbst mehr Freiheit zu gönnen-
Das lenkte Dieter noch mehr, als der Doktor gehofft hatte, von seinem eigenen Leiden ab- So verliefen auch die Vorbereitungen für die Feiertage ohne Mißklang-
Wenn Zupitza abends zu Besuch, kam, gab es jetzt weder Lektüre noch Musik- Das Fest ward hier oben in bestimmten patriarchalischen Formen gefeiert, an denen Nicht gerüttelt werden durfte, wenn man's mit dem litauischen Hauspersonal nicht verderben wollte. Es galt, viele große und kleine Wünsche zu erraten und zu erfüllen. Und natürlich mußten Marzipan uich Pfefferkuchen gebacken werden. Auch der übliche Milchpunsch ward gebraut. In der Küche und auf der Diele duftete es nach Rosenöl, Zitronen, Mandeln und Arrak-
Für den ersten Feiertag war Zupitza gleich Pratje und anderen näheren Freunden zu Tisch nach Sakuthen gebeten.
Der Jubel der Kinder über die reichen Geschenke erfüllte das Haus, auch Dieter zwang sich, trotz gesteigerter, Schmerzen, zur Teilnahme an der allgemeinen Feststimmung- „Und was Ihnen das Christkind beschert, Fran Fränze?" fragte Zupitza die Hausfrau. Ihre strahlenden Blicke folgten dem lustigen Spiel' der beiden Knaben, die jauchzend um den Tannenbaum herumtollten.
Verträumt atmete sie den Duft der Marechall Niel-RoseN ein, die er ihr in losem Strauße gebracht hatte-
„Sie wissen es doch Doktor", sagte sie leise- „Ferien hat es mir gebracht-"
Dieter Lotz hatte sich nach langen Vorbereitungen mit Stojentin und den Werkführern endlich, dazu bereit erklärt, an Stelle der bisherigen Tagelohnarbert vom ersten Januar ab im Akkord arbeiten zu lassen- Das war Zu- pitzaö hauptsächliches Verdienst Mau brauchte künftighin nicht mehr so ängstlich die leidige Polizei auf dem Werke auszuüben: das bedeutete besonders für Fränze eine große Entlastung. Umsomehr, als Lotz ihr am gestrigen Wend auch die Anstellung eines zweiten Schreibers in Aussicht gestellt hatte.
„Natürlich sind Sie mir nun bitterböse, Frau Fränze?'- freiste cT-
„Vielleicht- Denn ich werde ja nicht wissen, was ich mit all der Freiheit anfangen soll."
„Zunächst einmal tüchtig Schlittschuhlaufen. Die Jungens an die Hand nehmen und draußen die Wintersonne anlachen- Lockt Sie das nicht?"
Sie wandte sich dem Fenster zu, durch das in breiter Bahn das volle weiße Sonnenlicht hereinsiel. Ihre Brust hob sich in einem tiefen Atemzug. „Ach, lieber Freund, gewiß lockt's. Ich habe ja solche Sehnsucht nach der Sonne. Die Arme möcht' ich ausbreiten. . . Und wenn mark Schwingen hätte - . ." Ein wehmütiges Lächeln huschte über ihr Antlitz und machte den temperamentvollen Aufschwung; rasch wieder ermatten. „Wer Sie kennen doch die Sage vom armen Ikarus- Nicht, Doktors
Solang die Kinder auf Sakuthen weilten, genoß Fränzq jedoch die ihr neue Freiheit mit fast leidenschaftlicher Hingebung. Zupitza ward sogar ein wenig eifersüchtig, denn sie war die Ferien über kaum mehr für ihn zu haben-
Der Mnter, der richtige, starre, ostpreußische Winter, hatte kurz vor dem Fest seinen Einzug gehalten- Schmale Eiskrüsten hatten sich schon um die Mitte des Weihnachtsmonats rund um das Delta angesetzt, sie wuchsen von Tag zu Tag, weit übers Haff hin bedeckte bald eine weißlichgrüne gläserne Borke die dunkle Flut, und als am Neu- jahrsmorgen die Fähre über den Kärpafiestrom in Bewegung gesetzt werden sollte, war auch die Rinne im Eis, die man bisher mit der Axt freigehalten hatte, über Nacht so fest zugefroren, daß ein Wiederausbrechen ausgeschlossen war- Nun ging der ganze Verkehr flott übers Eis. Das Giller Delta hatte seinen Jnselcharakter völlig verloren- Es war mit dem Festlande verwachsen-


