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(Nachdruck verboten.)
WLla Jakconieri.
Von Richard Voß.
Zweiter Band.
(Fortsetzung.)
Ich bin jetzt genau orientiert!
Was man „Liebe" nennt, ist nichts anderes als eine Erkrankung gewisser Organe. Man nimmt an, daß jeder Mensch früher oder später von dieser Krankheit befallen wird. Viele erkranken an diesem notwendigen Nebel sogar verschiedenemal — wie man ja auch den Tvphus mehreremal haben kann. Bei einigen tritt die Krankheit sehr leicht auf, andere sterben daran. Wiederum andere erkranken sehr schwer, bleiben aber am Leben. Sind sie dann nach glücklich, überstandener Rekonvalescenz wieder gesund, so begreifen sie gar nicht, daß sie krank gewesen sein sollen.
Ich begreife es gar nicht!
In meiner Krankheit — ich gehöre zu den Frauen, die infolge ihrer ganzen Organisation nur einmal von dem Nebel befallen werden können — hatte ich die seltsame Phantasie: meine Seele müßte geliebt werden.
Das war ein bedenkliches Krankheitssymptom.
Wäre es möglich — was eben nicht möglich ist! — und ich könnte jemals wieder rückfällig werden, würde ich um keinen Preis wünschen, daß meine Seele geliebt würde; sondern nur —
Das wird aus einem, wenn ein Experiment mißglückt.
*
Seine Briefe!
Ich weiß nicht, ob jemals solche Briefe geschrieben, solche Briefe jemals so gelesen wurden?!
Ich studiere mich selbst, was ich dabei denke und fühle.
Ich denke sehr wenig dabei und fühle — nichts.
Es ist mir selbst unheimlich; aber es ist so.
Höchstens, daß ich die Betrachtung anstelle: „Das also ist nun wirkliche große Leidenschaft? Allerdings ist es die Leidenschaft eines Poeten, folglich die Krankheit eines unnormalen Gehirns!"
Es ist von der Regel jene eine Ausnahme, die gestattet wird.
Auch das ist sehr eigentümlich: er muß mich doch uu- aussprechlich verächtlich finden; und — trotzdem liebt er mich ,u naussprechlich . . .
Der Mann kann also lieben und verachten zugleich !
Welcher Mann kann das?
Der echte Mann gewiß nicht !
Mein junger exotischer Prinz — um nur ein Beispiel zu nennen — würde die Frau, die er verachtet, sicher auch verschmähen.
Das gefällt mir!
Es ist kein Zweifel mehr: er geht an seiner Leidenschaft zu Grunde.
So unmännlich!
Seinen Briefen nach, könnte ich den Tag genau berechnen, an dem er zu Grunde gehen wird.
Uebrigens lese ich die Briefe gar nicht mehr. Es könnte doch möglich sein, daß ich durch irgend eine Nachricht — durch eine ganz bestimmte Nachricht — erregt würde. Und ich will mich nicht erregen lassen. Meine gespenstische Ge- fühlslosigkeit fängt an, mir lieb und immer lieber zu werden.
Um Gottes willen, nur keine Empfindung!
. Ich hatte meinen Roman wie jede Frau von Welch mein Roman ist zu Ende und — es ist gut, daß er zu Ende ist.
*
Seinen heutig.'n Brief erbrach ich zufällig.
Er enthielt nur e.u einziges Wort:
„Lebewohl!"
Gott sei Dank!
*
Ich bin eine gründe mondaine; aber ich habe mir vorgenommen, noch mehr zu werdeu. Ich will la plus grande mondaine werden. Zch will eine Kunst daraus machen und in dieser Kunst eine Meisterschaft erreichen.
Es ist schließlich auch ein Ziel, das der Mühe wert ist.
Wie man mich beneiden wird!
*
„Lebewohl!"
Das ist Abschied.
Ob er sich töten wird?
Vielleicht liegt das Pistol bereits neben ihm . . . Aber er zaudert, er wartet.
Er wartet auf ein Wort von mir.
Ein einziges Wort ^on mir würde ihn retten.
Und das Pistol liegr schon neben ihm —
„Viviane, Viviane! Es kostet Dich nur ein einziges Wort!"
Nein!
Und er greift nach dem Pistol.
Soll ich —
Nein! Nein!
Er setzt das Pistol gegen seine Schläfe. . .
Nicht doch! Er wartet noch immer! Er wartet mit Todesangst. Mit Todesangst, nicht wegen des Sterbens, sondern wegen etwas viel Gräßlicherem: daß er so sterben soll! um aues betrogen. . .
Soll ich schreiben — depeschieren?
Es kostet mich nur ein einziges Wort:
„Lebe!"
Nein! Nein! Nein!
Er drückt los . . .
Tot! Er ist tot!


