Ausgabe 
4.3.1904
 
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Ich konnte ihm nicht helfen.

Habe ich ihn getötet?

Ich konnte auch mir nicht helfen.

Es muß gräßlich gewesen sein, dieses' letzte, allerletzte Warten.

*

Ich lese jetzt täglich die auswärtigen Depeschen.

Jeden Tag erwarte ich, es in der Zeitung zu lesen:

Aus Arascati depeschiert man uns, daß" und so weiter.

Ich lese nichts . . . Seltsam! Ich hatte mich in die Vorstellung bereits so eingelebt, daß ich beinahe ent­täuscht bin.

Graut Dir's vor mir?

Könnte ich wenigstens das eine Noch fühlen: Grauen vor mir selbst!

Aber alles in mir bleibt still und tot, still und tot. Dina!

*

Die Königin hat mich zu ihrer bunte d'honneur er­nennen lassen. Die Sache erregt Aufsehen. Denn die Aus­zeichnung ist bei meiner Jugend etwas sehr Ungewöhnliches. Zum Glück brauche ich meinen Dienst erst im Mai anzu­treten, wo hoffentlich auch mein junger exotischer Prinz Nach Rom kommt.

Nach dieser Ernennung zu urteilen, scheint mein Ruf im Quirinal makellos zu sein.

Um so schlimmer für mich!

*

SeinFrühling" hat im Nationaltheater trotz der Neri Fiasko gemacht.

Er soll sehr krank sein: gemütskrank unheilbar.

Aus Cola Campanas letzten Aufzeichnungen. Es war seltsam!

Ich war schon einmal von Rom aus durch die Campagna geritten: sehr früh am Morgen, der ausgehenden Sonne entgegen; und hatte die Welt hinter mir gelassen.

Und jetzt alles wiederum so.

Ich erinnere mich daß damals Frühling gewesen . . . Frühling! Ich kam geradenwegs aus dem Frühling.

Aus meinem Frühling!

Kaum erblüht, war er bereits verdorrt.

Das Publikum betrachtete sich die welken Blüten durch das Opernglas und ging nach Hause.

Und ich ging nach Hause . . .

Ringsum ödes braunes Land. Ringsum Ruinen, Gräber, Gestorbenes!

Um mich und in mir.

Das ist nun einmal so.

Als über dem Berge Cavo die Sonne aufging, konnte ich weitoffenen Auges hineinschauen.

Habt ihr das gewußt: wem sie das Herz zermalmten, dessen Auge kann in die Sonne schauen.

Jetzt bin ich gegen alles gefeit.

*

Am Wege stand ein.-, großer marmorner Römersarg. Ein blühender Hollunderbaum streckte seine Aeste darüber. Bei dem Sarge saß eine fremde bleiche Frau im Witwen­kleid.

Sie wartete aus jemand.

Die fremde Frau führte mich in das leuchtende Haus und alles war so, wie es immer gewesen.

Ich fragte die fremde Fran, warum sie ein schwarzes Kleid trüge?

Es sähe nach Begräbnis aus!

Ta ging sie aus dem Zimmer, kam bald wieder, hatte ein helles Kleid an und lächelte.

Mittags schüttete sie frische Blumen über den Tisch.

Jetzt leben wir so dahin . . . Nur, daß die fremde Frau jetzt immer lächelt.

*

Ich bin in meinem Frühlingszimmer, sitze an meinem Tisch unter dem Sterbenden und will schreiben arbeiten dichten.

Ich muß arbeiten und dichten.

Sonst kann ich nicht mehr leben! Und wenn ich nicht Mehr leben kann, muß ich sterben. Und wenn ich sterben muß, sehe ich das Weib mit den weißen Lilien nicht mehr wieder. Und wenn ich sie nicht wiedersehe, finde ich auch im Grabe keine Ruhe.

Aber ich habe in meinem Kopf ein Heer von Ameisen. Cie durchbohren mein Gehirn, zernagen es, fressen es.

Aber dichten muß ich!

Manchen Tag kann ich einige Worte schreiben. Zu einem einzigen Worte brauche ich oft eine ganze Stunde, bis ich es aus meinem duttkeln Gehirn auf das weiße Papier bringe.

Dabei höre ich zu, wie die Ameisen in meinem Gehirn bohren, nagen, fressen.

Es knirscht leise.

*

Immerfort kommt die frentde Frau zu mir und legt mir ihre Hände auf die Stirn. Dann hören die Ameisen sogleich auf zu nagen.

Dann wird es still.

Ich verrate es jedoch nicht. Lieber lasse ich mein Ge­hirn fressen und bleibe allein.

*

Einmal ging ich spazieren.

Ich kam zu den Cypressen und setzte mich an den Teich. Vor mir lag ein bedrucktes Papier. Ich sah immerfort, immerfort daraufhin: die schwarzen Buchstaben wimmelten und krochen durcheinander wie die Ameisen.

Und dann las ich. . .

Das Papier war eine römische Zeitung und in der Zeitung stand eine Kritik über ein Stück des Grafen Cola Campana. Es war ein schlechtes Stück, das verdient hätte, ausgehöhnt zu werden. Aber der Autor war einst ein be­rühmter Mann gewesen war jetzt ein alter Mann ge­worden. Darum war man so rücksichtsvoll, das schlechte Stück schweigend zu den Toten zu werfen. Uebrigens ging jetzt der alte Mann, der einst ein berühmter Mann war, in der Villa Falconieri langsam, aber sicher einer geistigen Nacht entgegen.

Einer geistigen Nacht entgegen gehen das also be­deuten in meinem Kopse die Ameisen?

Jetzt weiß ich's!

Euch allen, die ihr im Lichte der Sonne wandelt, sage ich: es tut weh, wenn man langsam, aber sicher einer: geistigen Nacht entgegen geht. Darum:

Hütet euch!

*

Ich werde mich jetzt scharf beobachten, werde es genau verzeichnen: wie der Tag weiter und weiter hinter mir zurückbleibt, wie die lange Nacht beginnt, wie es dunkler und dunkler wird

Ganz dunkel!

*

Ob das bereits die Abenddämmerung ist?

Wenn ich Lust habe, auf Händen und Füßen zu kriechen und zu brüllen wie ein Tier!

Mein Kopf ist ein zertrümmertes Gefäß, durch welches der Wind weht.

Es stürmt und braust in meinem zertrümmerten Hirst und ist bitter kalt.

*

Ich schreibe Briefe immerfort, immerfort Briefe!

Und habe ich hunderttausendmal hunderttausend Briefe geschrieben, stelle ich mich damit ans offene Fenster und lasse die hunderttausendmal hunderttausend Briefe expedierest, Wie lustig sie flattern!

Und sie find doch so traurig!

In einigen Briesen steht:

Warum hast Du mir das angetan? "

Und in anderen: ... 1 !.

Ich warte!"

Und wiederum in anderen:

Aus Mitleid!"

Tie Ameisen, die Ameisen! Der eisig kalte Wind, der durch mein leeres Haupt bläst!

Mich friert.

*

Unter meinen Fenstern liegt der kühle dunkle Hof. Er ist von meinen Briefen ganz weiß, als hätte es Blüten ge­schneit. Marias Rosenstrauch knospet und blüht. Die lichten Ranken wachsen und wachsen. Wie schlanke weiche zärtliche Frauenarme umschlingen sie die Mauern. Sie umschlingest die Hallen, das ganze Haus.

Wie es leuchtet l

Und eine leise, süße Kinderstimme erzählt liebliche Märchen.