Ausgabe 
3.12.1904
 
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bfirfntffc bet großstädtischen Kinderpflege sehr erwünscht kommen, »veil man nunmehr die Möglichkeit hat, auch von der Wohnung entfernt gelegene Erholungsplätze aufzusuchen.

* Sie hat so große Eile. Aus Pest erzählt das dortige Polit. Volksbl."; Eine alte Tame winkt dem Kondukteur eines Omnibusses auf der Andrassystraße, er möge halten. Tas ge­schieht prompt.Nun leben Sie tvohl, Frau Grünberger", sagt die alte Dame zu der sie begleitenden Freundin.Ich schreibe Ihnen und lasse Sie wissen wie es mir gefallt, sobald ich einige Tage dort gewesen bin. Sie haben ja meine Adresse, nicht wahr? 9?ein? Ach, ich war der Meinung, daß ich sie Ihnen gegeben hätte. Ich habe sie in meinem Arbeitsbeutel hier, zwischen meinem Taschentuch und meinen Schlüsseln. Ich werde sie gleich finden, einen Augenblick! Es ist besser, daß Sie sie gleich mitnehmen, sonst können Sie mir ja nicht schreiben. Hier ist sie nein, das ist ein Rezept für meinen Husten. Ach, sehen Sie wohl, jetzt habe ich sic! Nun werden Sie doch nicht vergessen, mir zu schreiben, nicht wahr? Und wenn Sie Frau Steiner sehen, grüßen Sie sic, bitte, von mir. Sie ist eine reizende Frau, nicht wahr? Aber daß die einen solchen brutalen Manu ge­heiratet hat, ist einfach unglaublich! Aber so geht es überall in der Welt! Meiner armen Schwester Marie ist cs ebenso er­gangen; die war so sanft wie ein Lamm geradeso wie ich sagte niemals ein böses Wort tat nie Unrecht und konnte sich mit jedem Menschen vertragen. Nun sehen Sie doch ein­mal die Unverschämtheit des Kondukteurs, der Mensch ist wahr­haftig abgefahren, ohne mich mitzunehmeu. Nun muß ich noch zehn Minuten warten, bis der nächste Wagen kommt, und ich habe so große Gle!"

Literarisches.

Es ist eine der modernsten Bestrebungen nnsercr Tage, einen geläuterten Geschmack in die breiteren Schichten des Volkes zn tragen, um sie einem höheren Kunstverständnis entgegenführen zu können. In Verbindung mit den Fortschritten der Reproduk­tionstechnik verdanken wir diese Erziehung zur Kunst in erster Linie den Künstlern, die mit Feder und Stift als Illustratoren die Kunst auch in die Häuser trugen, in die der exklusivere Pinsel wohl kaum gekommen wäre. Tie Namen Julius Diez, Adolf Münzer, Richard Scholz Hans Thoma, Heinrich Lefler, Joses Urban, Arpad Schmidhammer sind heute in aller Munde, und wer hätte bei Nennung eines dieser Namen nicht die Empfindung, einem Bekannten gegenüberzustehen? Wenn nun die Firma Josef Scholz in Mainz es unternommen hat, zur Illustration einer Serie Biärchenerzählungen und Malbücher diese Künstler zu gewinnen, die uns hinaufgeleiteten zu den Höhen einer form­vollendeten reinen Schönheit, so wurde dadurch der Anfang ge­macht, dem Kinde bereits dasjenige Verständnis für künstlerische Auffasimg und Form beizubriugeil, das ihm später eine vor­treffliche Grundlage abgeben wird, auch die Natur selbst mit den Augen des Künstlers zu sehen nnd zu genießen. Die typischen Eigenschaften der illustrierten Künstler sprechen auch aus den Bilderbüchern heraus wieder ihre altgewohnte Sprache. Tas Marienlind", gezeichnet Pon Urban und Lefler, in seinen fein nuancierten Farbtönen und seinen rythmischen Linienkompositionen, die derber zugreifendc, dabei aber hochphantastische Art von Julius Diez (Dornröschen"), die realistische Ausfassung, in der Richard Scholz unsHänsel und Gretel" bringt, die in geradezu be­rauschender Wirkung zusammenströmenden Farbtöne Adolf Mün­zers (Aschenputtel), die drollignaive Zeichnung von Arpad Schmid­hammer zuRotkäppchen", sodann die Malbücher mit Land­schaften von Altmeister Haus Thoma, die, den kindlichen Fähigkeiten und der ungelenken Hand der Kleinen durchaus an­gepaßt, doch Blätter sind, die auf den Ehrentitelkünstlerisch^ unbestritten Anspruch machen können; die Malbücher mit Märchen­darstellung von Richard Scholz und den humoristischen Bildern von Arpad Schmidhammer, die mit einem begleitenden Text die Illustration in die Hände des Kindes legen und so der Phan­tasie und der Auffassung desselben fruchtbringende Tätigkeit geben. Alle diese Werke sind künstlerische Leistungen, so eigen­artig und von so weittragender Bedeutung, daß wir der Firma zu dem glücklichen Wurfe, den sie mit Herausgabe desDeutschen Bilderbuchs" und desDeutschen Malbuchs" gemacht hat, nur gratulieren können. Der Preis ist zudem ein so niedriger (das Deutsche Bilderbuch", das Buch 1 Mk., dasDeutsche Malbuch", das Hest 40 Pf.), daß es seinem Zwecke entsprechend, künstlerische Erziehung in weiteste Kreise zu tragen, vollständig gerecht werden dürfte.

Björnstjerne Björnson, Da gl and, Schauspiel in vier Akten. _ Deutsche Originalausgabe. Geh. 3 Mk. Bon Albert Sangen, in München. Gleichzeitig mit der norwegischen Ausgabe erscheint auch die deutsche Originalausgabe von Björnst­jerne Björnsons neuem vieraktrgem SchauspielTagland". In diesem Schauspiel wandelt Björnson nicht auf den Bahnen seiner letzten großen Gedankendrameii. Er tut einen festen und glück­lichen Griff ins Leben und schildert uns den ewigen Kampf zwischen Alten und Jungen, zwischen der aussteigenden und der absterbenden Generation, zwischen Vater und Sohn. Tas ist ein Kampf, der

sich int Leben jedes Menschen abspiclt, ein lebendig menschliches und kein philosophisches Problem. Und charakteristisch für die ungebrochene Frische und Kraft des Lichters, der die Siebzig überschritten hat, ist es, daß er sich, ohne in Ungerechtigkeit gegen das Alter zu verfallen, mit seiner ganzen Sympathie auf die Seite der Jugend und des Fortschritts stellt, obwohl er weiß, daß die Jungen, wenn auch sie einmal alt geworden sind, sich ihren Söhnen ebenso hennncitd in den Weg stellen werden, wie einst ihre Väter ihnen selbst. Tie Menschen, zwischen denen sich der Konflikt abspiclt, haben nichts Ergrübeltes und sind nicht Träger von Ideen, sondern die Ideen, die sie vertreten, er­wachsen organisch aus ihrer inneren menschlichen Natur. Mens check sind cs voll Blut und Lebe» und insbesondere ein paar Frauen­gestalten hat Björnson hier wieder geschaffen, denen so leicht kein anderer lebender Tichter Ebenbürtiges an die Seite stellen kamt.Tagland" ist ein Stück, das Björnsons berühnttem Fallissement wohl am nächsten steht, und wird sich sicher gleich jedem Schauspiel auch die deutsche Bühne in schnellstem Sieges­lauf erobern.

Aus demdeutschenSagenschatz. Tie Nibelungen. Lohengrin. König Rother. Gudrun. Wolfdietrich. Für die Ju­gend neu erzählt von A. Oskar K l a u ß m a n n. Mit 6 Bunt- bildern. Oktav. Eleg. geb. 4 Mk. Was die Jugeitderinner- ungett dem Einzelnen sind, bedeuten die Sagen dem Volke. Und wie jeder freudig immer wieder weilt im Zauber dieser Er­innerungen, so drängt es ein Volk, das gesund national zu denken und zu empfinden vermag, immer wieder den starken Geist und frischen Hauch seiner Sagen auf sich wirken zu lassen. Für die Jugend ist der Sagenschatz ein Gesundbrunnen, der sie kräftigt gegen krankhaftes Grübeln und weichliche Sentimentalität. Ter deutschen Jugend kann nicht oft genug unser herrlicher nationaler Sagenschatz in ansprechender jyorm dargeboten werden.

Eilhard, F., Ein Schock Weihnachtsnüsse mit zugehörigemNußknacker/' für Kinder und Erwachsene. Preis 1 Mk. Verlag von Walther Fiedler. Leipzig. Ter Verfasser eilt, hochgestellter Staatsbeamter hat in einer Reihe niedlicher, flüssiger, scharfpointierter, dabei doch leicht zu erratender neuer Rätsel", uns ein Schatzkästlein beschert. Jung und Alt werden mit Vergnügen auf diesemSchock" Nüssen unter dem Weihnachts­baum herumbeißen.

Tie Union, Deutsche Verlags-Gesellschafts Stuttgart, erfreut in jedem Jahr unsere Kinder durch neue Weih­nachtsbücher. Ihre Kränzchen-Bibliothek ist für Mädchen be­stimmt. Auch der Heuer vorliegende Band ist mit einem Voll­bild und zahlreichen Text-Illustrationen versehen und kostet eleg. geb. 3 Mk. Tas Format ist handlich und der Baud gut ausgestattet. Baronin vonVietinghoff hat Backfisch- chens Lehr- und Wanderjahr anmutig, spannend und lehrreich zugleich in dem diesmaligen Wcihnachtsbaude geschil­dert. Es ist eine wirkungsvolle Erzählung, die unseren netten kleinen Backfischchen zum Feste viele Freude machen wird.

Fürs Haus.

Unter dem Beirat erfahrener Mitarbeiterinnen wird in diesem Blatt (es kostet monatlich 50 Pf.) das Hauswesen in feiner ganzen Vielgestaltigkeit eingehend besprochen. Küche, Wäsche-B -- Handlung, Zimmerschmuck finden ebenso Erörterung wie die gesellige Unterhaltung, Gesundheitspflege, Kindererziehung, Heb­ung der Dienstboten usw. Eine Probenummer erhält man in jeder Buchhandlung, sowie auch durch die GeschäftsstelleFürs Haus" zu Berlin SW.

Im Föhrenwald.

Hier hat in heilger Majestät

Natur dem Ernst ein Heim gegeben. Hier grünt der Föhre düstres Leben, Ob Zephyr oder Schneesturm weht.

Dem schwer geprüften Menschenkind

Ist dies der Ort, um Trost zu suchen.

Hier blüht kein wechselnd Laub der Buchen.

Stets schwarz verhüllt die Kiefer sinnt.

____________ Adolf Metz.

Bolkslieder-Rätscl.

(Nachdruck verboten.)

Es liegt vor dem Tore ein stilles Haus, wie du schon weißt. Ich sehn' mich nach der Zeit, meint fern int Grund viel goldene Sternlein stehen und Hans umher schleicht. Noch ist die Heimat, der ich mich so ergeben, im Forst. Am Brunnen schieß du den Hirsch. Blühende Wecker sind da. Ich hab alle wilden Vögel. Leb denn wohl.

Wenn obige Worte ohne Berücksichtigung der Interpunktion anders zusammengeslellt werden, so ergeben sie den Anfang von 10 bekannten Bolksliedern.

Auflösung in nächster Nummer.

Redaktion: August Goetz. Rotationsdruck und Verlaa der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R.Lanae. Gieße«.