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Es kann der Beste nicht in Frieden leben leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Es können aber anch die besten Vorsätze ins Schwanken geraten und anderes dazu, wenn cs einem guten Freunde gefällt. Es liegt ein kleines Menschenalter zurück. Wir beiden flotten Burschen der Carola-Ru-erta kamen von einem Ausfluge nach Bonn mit dem Rheindampfer zurück und trafen gegen 7 Uhr abends in Bingen an. Nie iverde ich diesen Anblick vergessen: die Sonne ging gerade unter, vor uns rechts der Mäuseturm, links vor uns der Niederwald, ein bläulicher Abendduft umwob das Ganze, und wachehaltend schaute die Germania hinüber dahin, wo die Lebensspenderin entschwand. Es war ein Abschluß unserer Rheinfahrt, so packend und stimmungsvoll, daß wir, keines Wortes fähig, in die tomrdervolle Landschaft hinausschauten, bis das Anlegen des Dampfers uns aus unseren Träumen riß. Aber ein Wglanz der Stimmung blieb in unseren Herzen, als wir anr Abend int Garten eines niedlichen sauberen Hotels cm Rheine saßen und Bingens köst- lichste Weine langsam genießend probierten: Kempter Berg, Scharlachberger Auslese und Kreszenzen der Stadt Bingen. Und gut und Tein waren die Weine, denn von Jammer am nächsten Tage keine Spur. Sv tauchen die längst verflossenen Jugendjahre mit ihrer jugendlichen Begejsterungs- und ihrer jugendlichen Trinkfähigkeit wieder vor mir auf, indes ich den süßen Anlaß dieser Erinnerungen in stillem Behagen schlürfe, allen guten Vorsätzen zum Trotz. Tenn den Genossen jener ftohen Jugendzeit führte just in diesen Tagen sein Weg wieder über Bingen, und als Zeichen des Gedenkens ließ er mir da vier Flaschen Most aus den besten Lagen der Stadt Bingen zugehen — ein Göttertrank — zwar scheußlich von Ansehen, wie aller Most, aber von einer Süße — den alten Griechengöttern müßte ihr Nektar dagegeir als ein gemeiner Surius erscheinen. Und das ist der Grund, Ihnen von diesem rein privaten Genuß Kunde zu geben, weil ich den Most so schwach an Sätrre fand, daß es gewiß St die Ihrer Leser, die säureschwache Weine trinken, müssen von tert ist, zu hören, wie der diesjährige Herbst in Bingen einen jo milden, köstlichen Tropfen beschert. Ergebens! Ihr Dr.
* Die nördlichste Landzunge des Deutschen Reichs, die Kurische Nehrung, ine bis zum Jahre 1826 die Poststraße nach Rußland war, und über deren öde Sandftächen auch die Königin Luise trofc. schwerer Krankheit mit ihren Söhnen im Unglücksjahre Preitßens in einer Chaise die Flucht nach Memel antreten mußte, war kürzlich der Schauplatz erregter Unruhen der, dortigen notleidenden Fischerbevölkerung, zu deren Unstützung die preußische Regierung letzt Notstandsbauten angeordnet hat. Noch vor 50 Jahren sind ganze Ortschaftert auf der Kuri- schen Nehrung durch wandernde Sanddünen verschüttet worden. Tas ist jetzt anders geworden. Die ftüher kahlen Sandberge, deren Eindruck noch der berühmte E. T. A. Hoffmann in einer seiner düsteren Novellen $u einer recht abschreckenden Schilderung verwertet hat, sind letzt durch Fangzäune, Faschinen und Waldungen festbelegt. Trotzdem sind die einzelnen Törfer der Nehrung nur rate Reihe von Inseln int Sandmeere, und da diese Oasen zugleich zwischen Haff und Ostsee liegen, verkehren die Bewohner hauptsächlich zu Wasser miteinander. Nur wenn die Sturme den Fischern die Fahrt auf dem Haff nicht gestatten oder dieses zu gefrieren beginnt, wählen sie den Weg zu Lande, wo der über die Triebsandflächen dahinschreitende Wanderer oft auch stundenlang das einzige lebende Wesen ist. Auf der ganzen Nehrung gibt es keine Bienen und keine Störche, teilte Schlangen, Eidechsen und Ratten. Durch diese Sandwüste, in der Waldplantage von Nidden und von Peralk, dem damals armseligsten aller Nehrungsdörfer, ist im Frühjahr 1800 ein einst viel ge-- nomter Schrtiftsteller, gewandelt. August von Kotzebue schreibt in dem „merkwürdigsten Jahr meines Lebens": „Als wir die Saudwüsten am Kurischeu Haff durchzogen und in Nidden einen ganzen Tag auf Pferde warten mußten, nützte ich diese sonst langweiligen Stunden, mich von meiner Familie weg auf einen Sandhügel unter die Tannen zu stehlen und für mich und jedes niemer drei Kinder einige Reime auf diesen frohen Tag zu machen". Kotzebue soll hier das Lied gedichtet haben: „Es kann ja nicht immer, so bleiben, hier unter dem wechselnden Mond". Aber auch die Kurische, Nehrung, selbst hat einen Dichter hervorgebracht, einen Mann wie Professor Rhesa, der sich vom wißbegierigen Gänsejungen zu hohm Ehrenämtern auffchwang, der durch seine erste Sammlung litauischer Volkslieder Goethe zu der Aenßer- ung bewog, daß dadurch abermals einer seiner Wünsche erfüllt worden fei. Von der Misere seiner kurischen Heimat war Rhesa noch als Professor in Königsberg tief ergriffen, so wenn er einen «Äj dem Sandpfluge kämpfenden Weidenbaum besingt:
„Tn alter Baum, du kämpfft noch mit den Winden, Ein Eremit in dieser Wüste Sand,
Doch bald auch wird dein mildes Haupt verschwinden, Und nichts sagt mir, ivo meine Heimat stand."
* Der „Kl ub der jnngenMädchen inHosen"gab unlängst den Zeitungen interessanten Gesprächsstoff — natürlich den amerikanischen Zeitungen; denn es braucht ivohl kaum gesagt zu werden, daß ein solcher Klub nur in Amerika blühen.
wachsen und gedeihen kann. Ter „Klub der jungen Mädchen in Hosen" ist keine neue Gründung; er besteht schon seit mehreren Jahren und soll die körperliche und geistige Entwicklung strebsamer junger Tarnen fördern helfen. Vor kurzem veranstaltete der Klub ein großes gymnastisches Fest, dem mehr als 1000 Personen beiwohnten. Unter den Gästen befand sich auch Bischof Greer, der den jungen Damen in Hosen seinen Segen gab. Ein blaues Turnhemd, blaue Hosen, schwarze Strümpfe und eine kleine Mütze, die keck aufs Ohr gesetzt wird, bilden die Uniform der Klubmitglieder. In den Klub ausgenommen werden schon Mädchen von vier Jahren, aber älter als zwanzig Jahre darf kein Klubmitglied fein; wer dieses hohe Lebensalter erreicht hat, wird ans den Listen gestrichen, weil mit zwanzig Jahren die körperliche und geiftiae Erziehung der Damen beendet ist. Es wird auch nicht jedes Mädchen ausgenommen; Bewerberinnen müssen sich einer ausgezeichneten Gesundheit erfreuen und den besten Kreisen angehören. Tie blauen Hosen üben aber eine solche Anziehungskraft aus, daß sich zur Aufnahme alles meldet, was nur irgend über stramme Gentry-Beine verfügt.
* Ueber die alten Griechen erfahren wir von der Seminaristin Frl. Lisbeth X. in ihrem Aufsatze — vielleicht als ein Resultat persönlicher Forschung — folgendes: „Tie alten Griechen waren das gebildetste Volk des Altertums. Ihre Errungenschaften auf dem Gebiete der Kunst als auch der Wissenschaft bilden die Grundlagen unserer heutigen Bildung. Auch was die sittliche Kultur anbelangt, standen die Griechen' auf sehr hoher Stufe: Jeder Grieche hatte nur eine Frau, und das nannte man Monotonie."
Literarisches.
;— Der Frauen-Ka len der für das Jahr 1905, herausgegebeu vom Verein Frauen-Erwerb, ist im Verlag von Karl FuAe, Köln a. Rh., erschienen. Tas kleine Buch, 180 Setten stark und reich illustriert, ist eine empfehlenswerte Gabe für die gesamte deutsche Frauenwelt. Tas Kalendarium ist durch geräumigen Platz für Nottzen und Geburtstagsdaten, sowie durch Kontoseüen für die Einnahmen und Ausgaben jeden Monats ergänzt, während der daran angeschlossene „Küchenkalender" eine Ueberftcht über alles gibt, was die jeweilige Jahreszeit bringt. Bei dieser Rubrik ist Raum zum Einschreiben selbst erprobter Rezepte freigelassen. Leitartikel, wie die hier gewählten: a) Tie Aufgabe der deutschen Frau im nationalen Leben von Alice Stuerkow, b) Der Frauenerwerb in den Augen des Mannes, scheinen besonders geeignet, dem Buch warme Anerkennung zu sichern. Tie Pflicht der Frauen in bezug auf Haus und Familie, besonders in bezug auf die Erziehung der Kinder ist hier stark betont. Eine fachwissenschaftliche, aber populär gehaltene Abhandlung über den sozialen Fortschritt der deutschen Frau trt ihrer Rechtsstellung im Bürgerlichen Gesetzbuche von Dr. jur. Priester gibt der Frauenwelt die Möglichkeit, das Buch in Rechtsfällen als Nachschlagewerk zu gebrauchen. Im belletristischen Teil finden wir neben vorzüglichen Skizzen, Novellen (z. B. E. .Veth, „Satt") und Gedichten noch die Spezialinterefsen der Frauen in bezug auf Zimmereinrichtung, Mode, Sport, Kunst- Handarbeiten, Gesundheits- und Schönheitspflege berücksichtigt.
— Im Verlag von W. Spemann in Berlin und Stuttgart erschien der bekannte schöne Kunst-Kalender, den diese Firma seit einigen Jahren herausgibt. Er bietet wieder für jeden Tag des Jahres ent gutes Bild als künstlerischen Eindruck nebst kurzer Beschreibung, sowie Verse, Aphorismen und Taten aus der Welt der Künste.
Worträtsel.
(Nachdruck verboten).
Das Erste weißt Du gut zu machen, Obwohl Du doch kein Erstes hast. Und Feste giebst Du sondergleichen, Und ladest alle Welt zu Gast.
Du trägst als Ganzer Dich aufs Feinste, Als großer zweiter gilst Du gern.
Und wunderbar ist Deine Pose, Dein Frack mit Band und Ordensstern.
Wie blickst Du stolz! Doch sieh, da rauschet Die imposante Gattin her!
gort ist Dein Stolz: in Deinem Ersten ist Du das Zweite nimmermehr.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung der Zahlenpyramide in vor. Nr.r A A s Ass
Nase Agnes
Redaktion: Augu st Goetz. — Rotationsdruck und Berlaa der Brühl'kchen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lana«, Meße».


