Ausgabe 
3.10.1904
 
Einzelbild herunterladen

586

lieb." ,^Ia, teil* Haben uns lieb!" jauchzte Jutta schon wieder mit strahlendem Blick.Ich kann Linsen und Bohnen essen, wenn's sein muß, auch Kartoffeln und Heriug. Ich kann in verschossenen Kleidern gehen und mit gewaschenen Handschuhen, wenn wir Nur zusammen sind!"Mein süßes, kleines Ting." Harro schlang den Arm um seine Frau und küßte sie heiß und lang.

Jude»! klopfte es an die Tür, abermals trat der Bursche herein, auf silbernem Teller einen Brief, lilafarben mit silbernem Monogramm und starkem Duft. Undeinfach entzückend", rief Jutta, sobald sie Einblick von dem Schreiben genommen.Die Greditz fordert auf für den Zirkus heute abeud. Tas Regiment wird da sein!"Tiber Jutta, wir wollen ja sparen" warf Harro ein. Jutta wurde ein wenig blaß.Absagen hier. Es geht wirklich nicht", meinte sie dann.Greditz ist Tein Rittmeister, das Regiment kommt zusammen.". Harro drehte an seinem Schnurrbart. Der Rittmeister, namentlich seine Frau, würden es übel nehmen. Sich ausschließen war immer fatal. Außerdem verfügte der Zirkus über prachtvolles Material, schöne Pferde, famose Reiter und Reiterinnen. Stärker drehte Harro an seinem Bart. Dessen Spitzen standen jetzt steif in die Höhe, während er selbst Leutnant von Urau immer bedrückter auf und ab ging.Wir können ja gar nicht absagen, Schatz." Jutta trat zu dem Gatten und hing sich kosend an seinen Arm.Ich schreibe an Mama, sie wird uns helfen. Sagt sie doch stets, daß wir unsere Fugend genießen sollen und glücklich sein."Ja, schreibe an Mama", stimmte er nun fröhlich hei. Im Grunde fand er es doch auch in der -Ord­nung, daß man bei aller zukünftigen Enthaltsamkeit we­nigstens seinem Stande Rechnung tragen müsse.Und schreibe, auch an Frau von Greditz, daß wir uns die Ehre geben, von der Partie zu sein, hübsch, höflich Jutta, sie ist die Frau meines Vorgesetzten. Ich muß noch einmal in die Kaserne. Also, lebe wohl, Schatz. Um sieben Uhr bin ich wieder da. Um acht Uhr geht ja wohl die Ge­schichte los."

Harro griff zur Mütze. Jutta begleitete ihn bis an die Tür, winkte ihm nochmals einen Abschied auch von dem Balkon. Dann trat sie in Has Zimmer zurück, raffte die mißliebigen Papiere, samt dem jüngsten darunter, zu­sammen, sperrte sie in den Fächern des eleganten Nippes von Mahagoni ein, und setzte sich selbst an den Schpeib- tisch für ein Billet an Frau von Greditz. Dann ging sie, ihre Toilette zu inspizieren. Und da es sich zeigte, daß an hem rosa Musselin, das ihr so gut stand, die Spitzen um dem Hals nnb Aermel etwas schusselig aussahen, sich auch die dazu gehörigen Handschuhe bei näherer Besichtigung! nicht als ganz tadellos erwiesen, so wurde der Bursche Mit dem Billet an Frau von Greditz zugleich beordert, die Taille nebenan in dem Putzgeschäst garnieren zu lassen und ein paar neue Handschuhe mitzubringen. Harro liebte, daß seine Frau elegant war, und sie, ach, sie wollte ihm doch gefallen! Der Abend gestaltete sich sehr nett. Tie Leistungen der Truppe waren vortrefflich. Und da man sich so gut amüsiert hatte, in so brillanter Stimmung war, wäre es undenkbar gewesen, nicht zusammen zu bleiben und ohne ein heiteres Souper auseinanderzugehen.

Spät in der Nacht kamen Urans nach Hause. Der Spaß hatte ziemlich viel Geld gekostet, das für solche Ausgaben nicht länger eingerichtete Budget empfindlich getroffen. Momentan aber sorgten sie nicht darum. Frau von Greditz soupierte nicht ohne Sekt. Harro !v-ar ihr Nachbar gewesen. Der Sekt, feinste Marke, hatte seine Lebensgeister angenehm erhöht. Die Auszeichnung seiner Rittmeisterin, um deren Gunst sich jeder bemühte, begann endlich doch seiner männ­lichen Eitelkeit zu schmeicheln, das Wohlwollen seines Ritt­meisters, der jedem dankbar war, wenn er seine Frau in gute Laune brachte, gab ihm eine gewisse frohe Zuversicht. Er hatte alle Fatalitäten vergessen, sah die Welt an, wie es einem lustigen Reitersmann am leichtesten fällt. Auch Jutta hatte wieder alle entzückt, und war ihrerseits entzückt von allem. Selig sanken sich die jungen Gatten auch heute in die Arme. Sie liebten sich immer mehr.

f$m anderen Tage wurde der fatalen Geschichte nicht weiter gedacht, Mama würde die Sache schon in Ordnung bringen. Mama mußte ihnen eben eine höhere Zulage gebens die anderen hatten alle mehr. Ja, Mama, meinte Harro heute schon, hätte ihre Tochter gar nicht an einen Ka­valleristen verheiraten können- wenn sie nicht das nötige Kleingeld dazu gehabt hätte. Dann kam das Gehalt, wirk­

lich 5,50 Mark heraus, wofür sich das junge Paar in der jetzigen Stimmung einen Spaß machte. Dann auch! die Zulage. Harro eguipierte sich für das Manöver, erneuerte sein Zivil, in dem er später auf Besuch zu den beider­seitigen Eltern gehen wollte. Jutta schaffte sich ein paar neue Toiletten an; man sollte doch zu Hanse nicht denken, daß sie immer mit einem Fähnchen im Keller gesessen habe. Harro legte sich noch eine hübsche Summe für das Manöver zu, denn im Manöver brauchte man stets Geld. Selbstverständlich wurden auch einige Rechnungen bezahlt, und man erschien sich groß in Ordnung und Generosität. Daun rückte Harro unter klingendem Spiel mit seinem Regimente aus. Jutta dampfte glückselig mit dem Zuge in die Heimat zu der besten aller Mütter, die für die Zukunft schon Rat schaffen würde.

Das Manöver war vorüber. Es war alles nach Wunsch gegangen, sie hatten meist vorzügliche Quartiere gehabt, sich auch hin und wieder recht gut unterhalten. Am Schluß bei dem großen Avancement war der Unterleutnant v. Urau zum Oberleutnant befördert, was, wenn auch keinen großen Unterschied in seinen Einnahmen ergab, doch immer eine Staffel weiter zum Ziel bedeutete. Ter Urlaub bei den Eltern hatte sich dann gleichfalls für beide Gatten sehr nett gestaltet. Freilich zuletzt die Sache mußte doch ausgefochten werden, war ps zu etwas bewegteren Szenen gekommen. Frau von Stammen war ziemlich er­schrocken bei dem Aufschluß über die wirtschaftlichen Ver­hältnisse des jungen Paares gewesen, sodaß sie sofort Papa Kommandierenden in Kenntnis setzte. Als diesem aber Harro mit gutem Gewissen versicherte, daß die größten Rechnungen beglichen seien, schien er sich zu beruhigen und nicht gewillt, sich weiter um den hierdurch herbeigeführteu Ausfall in der Jahreseinnahme der jungen Leute zu kümmern. Frau vou Stammen hatte deshalb die Sorge für sie übernommen, da Harros Water vou vornherein er­klärt Halle, daß auf ihn nicht zu rechnen sei. Mama aber ging die Sache dann doch näher, als sich Harro und Jutta gedacht hatten. Selbstverständlich blieb ihr augenblicklich nichts anderes übrig, als den Ausfall auszugleichen, denn die jungen Leute konnten doch nicht an den Fingern saugen, wie sie dem Kommandierenden ziemlich drastisch erklärte. Worauf der natürlich mir im Stillen meinte, er habe die Bildung der Baronin doch höher taxiert, sich dafür aber nun recht vernehmlich äußerte, daß, wenn die junge Frau etwas besser wirtschaften gelernt hätte, alles das ivohl hätte vermieden werden können. Selbstverständlich mußte hier die zärtlichste der Mütter für die Tochter ein» springen. Sie führte also die kostspielige Lebensweise des Schwiegersohnes in das Treffen.Aber, Mama!" Harro trat für sich selbst in die Schranken.Sie wissen eben nicht, was Kavallerie ist!"

Die arme Frau schwieg, wie beschämt ob ihrer Un­kenntnis. Jutta weinte sich rote Augen, Harro steckte sich eine Zigarre an und paffte schnell hintereinander dunkle Wolken in das Zimmer. Der Kommandierende empfahl sich kürz. Es war eben sehr ungemütlich Da kam glück­licherweise ei» Besuch, beit man nicht abweisen konnte, Leutnant Berg, der für den anderen Tag zu einer Land­partie einlud. Und da Schwester Rose Marie, die mittler­weile für die von dem Schauplatz der kleinen Residenz abgetretene Jutta eingetreten war, auch etwas vom Leben haben wollte, so sägte Mama selbstverständlich für die Partie zu, auch, für Harro und Jutta, die gern mal wieder alte Bekannte sahen. Der Leutnant blieb dann für den Abend da, wobei man sehr gut für alle weiteren fatalen Aus­einandersetzungen fortkam, und die letzten Tage in dep Heimat sich wieder ganz nett anließeu.

Mama wollte überhaupt ihr Möglichstes tun. Sie ver­sprach Toiletten, Frühstücks- und andere Eßkörbe ins Haus' zu schenken, nur auf eine bestimmte Erhöhung der Zulage konnte sie sich nicht einlassen. Rose Marte war Miene, Juttas Beispiel, hinsichtlich; der Leutnantsheirat, zu folgen. Dann kam Lilli an die Reihe. Und was desm einen recht ist, ist dem anderen billig. Drei Haushalte aber konnte die Mutter nicht aus solchem Fuß ernähren. Daß man so viel brauchen würde, hatte sie auch; nie gedacht. Denn, lieber Hiniimel, wie sie und Papa angefangen hätten sie .kaum den dritten Teil von der Einnahme der jungest Urans gehabt. Freilich hatte die gute Frau, einzig von dem! Streben' befangen, ihre Kinder glücklich!, d. h. sobald als möglich verheiratet zu sehen, auch nicht daran gedacht, daß