Ausgabe 
3.9.1904
 
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bei.verschiedenen Gedichten noch einiger Feilung bedürft, um sie brucfreit fn die Welt gehen zn Ioffen; denn einige Bilder darin sind nicht richtig ausgemalt, so in dem GedichtIch denke dein im Morgenlicht des Maien"; hier lauscht der Donner und rauscht der Zephyr, während jener grollt und dieser höchstens säuselt; ferner schwirrt die Lerche nicht bei des Abends Gluten, sondern sie schlaft um diese Tageszeit. Bei dem GedichtIch denke dein, wenn mir der Sonne" ist der letzte Vers nicht ganz glücklich aus­gefallen. (So? Wir finden, daß gerade die letzte Strophe die höchste Leidenschaft atmet. Denken Sie sich nur den Ausruf am Schlüsse:O wärst dir da!" in Musik gesetzt.- Könnte der Komponist sich eine schönere Steigerung der Gefühle wünschen, als diesen innigen Sehnsuchtsruf? Klingen dagegen die beiden anderen nicht matt aus? D. Red.) Demnach dürfte dem Gedicht Ich denke dein, hab ich vom deutschen Liede" der erste Preis znerkannt werden, dem GedichteIch denke dein/ wenn mir der Sonne" der zweite und dem noch übrigen Gedicht der dritte Preis.

Den zweiten Preis (AmmannKlänge vom Rhein") erhält Herr Aug. Dickork, der in ein paar lustigen Reimen die drei Gedichte kritisierte.

Den dritten Preis (Sosnosky,Die deutsche Lyrik im 19. Jahrhundert") haben wir Herrn cand. jur. Bnrk- hard Thon zugesprochen, obwohl er sein sehr wohl- begrindetes Urteil nicht, wie es im Ausfchreiben hieß, durch Postkarte, sondern durch einen drei Seiten langen Brief zum Ausdruck gebracht hat. 4)och blieb uns keine Wahl, da die meisten Einsender überhaupt auf die Begründung ihres Urteils verzichteten.

Und nun wollen 'wir unseren Lesern und Lösern der Preisfrage ein Geheimnis verraten, das nur für sehr wenige sein solches ist, nämlich:

Das nur fünfmal an erster Stelle, dagegen 22mal zuletzt genannte, tatsächlich recht schwache Gedicht hat Theodor Körner zum Verfasser. Das zweite Poäm, das den meisten Beifall gefunden hat, dichtete, recht geschickt und augenscheinlich nicht ohne ursprüngliche lyrische Begabung, ein Herr aus Gießen Scherzes halber nach berühmten Mustern, und ihm unterlag Herr Johann Wolfgang v. Goethe, dem die Weltlitteratur sonst eine gewisse Bedeutung als Lyriker nicht abzusprechen pflegt l l Ja, niemand anderes als Goethe ist der Dichter vonIch denke Dein, wenn mir der Sonne Schinimer vom Meere strahlt." Herr Ph. G. aus Heuchelheim, der offenbar nicht wußte, daß er es hier mit dem Dichterfürsten zu tun hatte und dem wir den ersten Preis zugesprochen hätten, wenn sich auf Goethe's Lied der meiste Beifall geeint hätte, schreibt uns sehr richtig:

Dieses Gedicht ist meisterhaft in der Stimmung und wnnder- poll leichtflüssig im Takt gehalten.

Aus diesen wenigen Worten spricht das rechte lyrisch­musikalische Gefühl.

Ein Herr aus Seligenstadt, der als Nichtabonnent außer Konkurrenz steht, urteilt überIch denk an Dich, hab ich vom deutschen Liede ein Buch zur Hand" folgendermaßen:

Sprachliche und poetische Härten sind nicht vorhanden. Die Situation ist eine einheitliche, der Gedankengang vollzieht sich leicht und ungezwungen. Es findet ein Fortschritt, eine Steigerung statt in der Darstellung des innigen Gedankens. Eine besonders lyrische Schönheit ist darin zu sehen, daß da, wo der Höhepunkt des Ge- iiihles erreicht ist, auch die Festigkeit und Entschiedenheit des Wollens zum Ausdruck kommt."

Wir müssen gestehen, daß wir dies uneingeschränkte Lob nicht unterschreiben können. Wir finden in diesem Gedichte, im Gegensatz zu dem Goetheschen, keinen Fortschritt, keine Steigerung, sondern ganz im Gegenteil ein stetes Sichgleich- bleiben des Gefühles, das uns anfangs recht prosaischmit einem Buche in der Hand" entgegentritt, während Goethe von vornherein in schönen landschaftlichen Bildern schwelgt.

Anstoß hat hier und da in deni Goetheschen Gedichte das Bild von dem sich hebenden Staube erregt und es ist wiederholt mißverstanden worden. Wie man in des Himmels Wolken alle möglichen Gestalten sehen kann, so auch in solchen aus Staub. Und in eine Staubwolke hüllt sich wohl oft das nahende Roß des Geliebten. Es ist dabei sehr zu beachten, daß das Goethesche Gedicht die AufschriftNähe des Ge- iebten" trägt, daß der Dichter also Mädchenphantasien zum Ausdruck zu bringen beabsichtigte.

Nehmen wir alles in allem t

In diesem überaus scherzhaften Ergebnis liegt ein tiefer Sinn, der manchen überraschen, manchen nachdenklich stimmen wird. Vielleicht wird es diesen oder doch jenen veranlassen, sich in die unerreichbare Lyrik Goethe's fortan tiefer zu ver­senken, als er es bisher getan hat. Soll der Schatz, den das deutsche Volk in den Gedichten seiner Klassiker besitzt, nicht endlich gehoben werden?

Ooetyes Krau.

In der Beilage zurMünchener Allgemeinen Zeitung" ver­öffentlicht Professor L. Geiger Briefe von CHristine Rein- Ha r d, .geborene Reimarus, der geisfrollen Gattin des fran­zösischen Diplomaten Karl Friedrich Reinhard, .über ihren Ver­kehr mit Goethe. ,JN einem dieser an ihre Mutter gerichteten! Briefe aus Karlsbad, .5. .Juli 1807, berichtet sie über eine Asußerung Goethe's über seine Frau: Der Herzog Hat uns sehr liebenswürdig ausgefordert, Weimar auf unserer Reiseroute zu sehen. ..Goethe lud uns gleichfalls ein und sagte bei der Gelegenheit meinem Mann, .er wolle ihm seine Frait vorstellen. Er fügte hinzu:Ich.will sie Ihnen schildern, aber nicht in Gegenwart Ihrer Gattin, die ist eine zu aristokratische Natur. Für meine Frau sind meine Werke tote Buchstaben; sie Hat keine Zeile davon gelesen; die geistige Welt existiert nicht für sie. Sie ist eine vortreffliche Wtrtschafterien, meine Häuslichkeit, die sie ganz allein leitet, ist ihr Königreich. Sie liebt Putz und Theater, jtnb ist .dann völlig umgewandelt. Meine Gesellschaft hat sicher einen Einfluß aus ihren Verstand ausgeübt, und das Theater ihren Jdeenkreis erweitert." Ihr eigenes Urteil über Goethes Gattin spricht Frau Reinhard in einem Briefe aus Weimar, ,9. August, aus:Ich hatte mir fest .vorgenommen, die Bekanntschaft von Goethes Fran zu machen, um ihm zu beweisen, daß meine Natur nicht so exklusiv sei, wie er vermutete. Zu Gunsten seiner Frau ist, obgleich Goethe eine hervorragende Stellung einnimmt, obgleich alles von ihm abhängt und man überall seinen Geschmack spürt, keine. Ab­weichung von der (Stilette gemacht worden. Ter Zutritt zu Hose ist ihr nicht gestattet, und wenige Personen überschreiten ihre Pforte außer den Fremden, die stets begierig sind, das Heiligtum dieses Mannes ohne gleichen zu Überschreiten. Tas Äeußere von Frau v. Goethe ist gewöhnlich, um nicht zu sagen, gemein. Aber sie sieht so ans, .als wenn sie einen guten Charakter hätte. .Sie hat auf mich einen weniger anti­pathischen Eindruck gemacht, als sonst Frauen machen, die in die Gesellschaft kommen, nachdem sie lange Zeit eine niedrige Stellung eingenommen haben. Sie drängte uns gutmütig, eine Mittagseinladung bei ihr anzunehmen. .Goethes Wohnung ist ein wahrhafter Museupalast in italienischem Stil eingerichtet. Auf jedem Treppenabsatz sind Nischen angebracht, .in denen Sta­tuen stehen. Am Fußboden des ersten Salons ist in Mosaik das WortSalve" zu lesen. Man meint in einen Tempel einzutreten, .aber die darin wohnende Gottheit hat nichts Aethe- rjsches. Wollte ich 'sie Ihnen genau charakterisieren, so könnte ich .sie nur mit der Kammerfrau vergleichen, die ich nach Italien mitnahm. .Ihre Person, ihre Manieren und Beweg­ungen sind durchaus die einer gewandten Kammerftau. Auch ihr Bildungsgrad steht, nicht höher... Es ist seltsam, daß ein Mann von so erhabenem Wesen, der das Schöne verehrt, in seinen Wohnräumen keine mittelmäßigen Kunstgeaenstände duldet, eine so gewöhnliche Frau zu seiner Lebensgefährtin ge­macht hat, ,daß er, der in Kunstgegenständen so schwer zu befriedigen ist, in Gefühlssachen so bescheiden war. Diese Selt­samkeit, dieser Mangel au Logik, stimmen jedoch mit dem Eindruck überein, beit der Dichter mir machte, so oft es sich über sein äußeres Leben handelte."

Kreuzrütsel.

Nachdruck verboten.

1 3 Ungeziefer. 4 2 Bezeichnung für Art. 1 4 Körperteil. 2 4 Natur­erscheinung. 3 4 Waffe. 2 3 Bezeichnung für einen bestimmten Vortrag.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in vor. Nr.:

Rose Rosse Karosse - Russe.

Redaktion: Paul Witiko. Rotationsdruck und Verlag der B r ü b l' leben Universitäts-Buck- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen«