Ausgabe 
3.9.1904
 
Einzelbild herunterladen

« 523

Ver Abwesenheit der Hauswirte wurde natürlich deren selt­sames Verhalten besprochen. Daß sie zuerst nach allen Windrichtungen Einladungen ergehen ließen, und dann die Ueberraschten spielten, mußte doch irgend einen Grund haben, den sie wohl absichtlich noch geheim! hielten.

Ich vermute", meinte endlich der Oberst,daß es sich wahrscheinlich um eine Aussöhnung mit dem Pfarrer handelt. Jedenfalls wird er kurz vor Tisch erscheinen, und dann wird auch die Aufklärung erfolgen."

Wenn nur Fräulein Erna hier wäre", setzte Vlados hinzu,sie wurde uns gewiß nicht lange im Ungewissen lassen."

Sie, Sie", drohte ihm der Obersh init wohlwollendem Schmunzeln,sollten Sie von der Mein.em wirklich noch nicht eingewerht sein?"

Gott bewahre", beteuerte Vlados,ich habe das gnädige Fräulein überhaupt schon feit drei Tagen nicht gesehen. Aber wenn der Herr Oberst befehlen, will ich sie sofort; suchen gehen", und ohne erst eine Antwort abzuwarten, begleitet von dem herzlichen Gelächter der Umstehendes die ihm unter feierlichen Höflichkeitsbezeugungen den Weg frei gaben, enteilte er nach dem Park. Im selben Augen­blick trat Frau von Höchstfeld ein, und sofort nichts Gutes ahnend, erkundigte sie sich mit nur schwer bewahrter äußer­licher Ruhe nach der Ursache dieser allgemeinen Heiterkeit.

Die Herrschaften amüsierten sich über den Eifer unseres zukünftigen Radetzky, der es sich nicht verwehren ließ, per­sönlich den Aufklärungsdienst zu übernehmen", entgegnete ihr der Oberst lächelnd.

Frau von Höchstfeld sah ihn vollkommen verständnis­los an, worauf er notgedrungen etwas verständlicher wer­den - mußte.

Er ging die Knospe vom edlen Stamme suchen", sagte er galant.

Sagen Sie nur vom knorrigen Ast", verbesserte ihn im Hereintreten der Major.

Pardon, ich sprach von Ihrer Frau Gemahlin", be­lehrte ihn der Oberst-aber selbst wenn ich dabei an Sie gedacht hätte, würde ich wohl schwerlich solch ein un­artiges Gleichnis gewählt haben."

(Fortsetzung folgt.)

Aeiseplaudsreien.

(Nachdruck verboten.)

Nach Konstanz! Alles schon dagewese»! Der Hnsfenstein. Meersburg und sein Kirchhof.

Ueber T r i b e r g und Donaueschingen bin ich jilngst nach Konstanz gefahren. Diese Schwarzwaldbahn en sind die entzückendsten Reiserouten für verliebtes Volk, Hoch?- zeitsreisende, .Brautpärchen usw., denn sowohl auf dieser Strecke, wie auch auf der durch das H ö l l e n t a l, die in Freiburg mündet, nehmen die Tunnels kein Ende. Und was für Tunnels! Man kann bis 100 bissen, und immer noch umschwebt die Glück­lichen jene köstliche Finsternis, durch die der strengste Blick alt- jüngferlichien Entrüstung nicht zu dringen vermag. Wer endlich gehts doch aus den Bergen heraus ins flache Land. Vor der Station Singen taucht noch einmal eine mächtige Masse aus der Ebene. Das ist der steilaufragende Phenolithkegel, den die Verliebten mit ganz besorckerer Sympathie begrüßen, .sofern sie in den Aventuren, die uns Dr. .Joseph Viktor v. Scheffel ge­sungen, nicht ganz unbewandert sind. Er heißt der Hohen­twiel nnd man zeigt nocki Heute auf ihm die Gemächer der s^vnen Herzogin Hedwig und die Reste des Ekkehärdturmes. Von dem besteigbaren Trümmerwerk des ehemaligen Kirchturms grüßt das trunkene Auge den ausblitzenden Spiegel des Boden­sees und die leuchtenden Gipfel der Schweizer Alpen. Auch die Türme von Konstanz ragen.auf. Tie alte Bischofsstadt macht einen höchst angenehmen Eindruck. Mit den Resten einer großen Vergangenheit mischt sich modernes Bauwerk zu einem sehr anziehenden Stadtbilde. Und die Vergangenheit Konstanz' Reicht weit zurück. .Es ist ursprünglich ein römisches Kastell und hat in seinen Mauern später viele Kaiser und Köni^, .darunter Karl den Großen und Friedrich Barbarossa, gesehn. Auch das Hotel, Has uns aufnimmt, hat seine Geschichte. Man ist in Paris augenblicklich damit beschäftigt, eines der jüngst ver­lassenen Klöster in ein Hotel umzuwandeln. In Konstanz haben das kluge Leute schon viel früher fertig gebracht. Ben .Akiba behält eben immer Recht. Es ist nämlich ein altes Dominikaner­kloster dieses Jnselhotel, und hat als Gefangenen einst den un- glücklichen Reformator Böhmens, Johann Huh, beherbergt. Der romanische Kveuzgaug, jn dem die frommen Väter vor Zeiten andächtig gewandelt, .umschließt heute einen sauber angelegten Ziergarten für Rast haltende Globetrotter, im Reiektorium tun

sich unwürdige Laien an den schönen Blaufelchen, den zarten Bvdenseesifchen gütlich und die weltlichsten Champagnerpfropfen knallen! ...

Zur Stadt hinaus durch das Schintztor geht es zum Huh- denkmal oder Hnsfenstein, wie die Konstanzer sagen. .Es ist ei« mächtiger, erratischer Block, ganz von Epheu umsponnen, und er liegt aus demBrühl" an der Stelle, wo Huh und später sein Freund Hieronymus 1415 und 1416 verbrannt worden fein sollen. Auch das Haus, in dem Huß gewohnt hat, und seiner­zeit gefangen genommen worden ist, .zeigt man uns in dep Hussenstraße. Einen herrlich, erhaltenen Hof im Spätrenaissance-. Stil finden wir hinter dem städtischen Kanzleigcbäude am Ober­markt. Auch der alte Rheintorturm erfreut das Auge der Seute, die Freude am Alten haben. Nun aber erst der See mit seinem prachtvollen grünen Alpenwasser! Schier unermeßlich zieht er sich hin; Fischerkähne erscheinen auf ihm wie Nußschälchen, .und schmucke, stattliche Dampfer kommen aus der Ferne herangczogen,; Konstanz liegt dort, wo der Rhein den eigentlichen Bodensee verläßt und sich in den Zeller- oder Untersee ergießt. Der Ver­kehr ist hier doppelt .lebhaft. Und da fünf verschiedene Staaten, nämlich außer Bayern, Württemberg und Baden noch Oesterreich und die Schweiz am Besitz des SeeS beteiligt sind, auch überaus interessant. .

Ich besteige eines der Schiffe, die nach der Mainau, dem Sommersitz des Großherzogs von Baden, fahren und schwelge in den Schönheiten dieses sonnigen Parkes mit seinen köstlichen Ausblicken. .Dann tveibt's mich hinüber an die Stätten, wo Deutschlands große Dichterin einst geweilt, nach Meersburg. Es ist ein unbedeutender Uferplatz mit ein paar großen aber stillen Gasthöfen, hinter denen sich die kleine Stadt steil aus­baut. Man steigt am becmemsten auf Treppen empor zum Markt­platz und dem uralten Schloß, jn denk einst her Schwager der Annette Droste-Hülshoff der als Germanist mit Ehrer» genannte Freiherr von L a ß b e r g gehaust hat. Wie der Wohn­sitz eines Wikingerkönigs reckt es sich auf, trutzig und fest, abs geschlossen von aller Welt. Ws einem alten Märchen scheint es hierher gezaubert zu sein. .Kein Wunder, daß die von feudalen Anschauungen nie frei gewordene Westfalin sich hier besonders wohl gefühlt hat. Noch um etliches Höher hinauf durch trauüen- schwere Weinberge, führt mich der Weg zu dem alten Kirchhof, in dem Annette ihren letzten Traum träumt. Weit hinten i» der Ecke des Totenfeldes, das schon mancher Generation dient, liegen die Gräber der.Familie Laßberg. Dort ruht auch i intet einem einfachen Denkstein, was sterblich war an der Dichterin. Mch ein anderes' Grab lenkt die Blicke auf sich; ein massiger dreikantiger Marmorblock, der geheimnisvolle Zeichen, nach 'Art der Freimaurer trägt. Er deckt die Ruhestätte eines Mannes) der in seinen Erdentagen viel von sich reden gemacht hat, hier als Prophet gepriesen, dort als Charlatan geächtet. Es ist das Grab des Magnetiseurs Mehner der in Meersburg gestorben ist. Eine schöne Sitte pflegen übrigens die Meersburger, die in so durchgängig geübter Weise mir noch nirgends begegnet ist. Ich sah viele alte Grabsteine, aus' dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, mit Inschriften, als seien sie gestern erst ein­gemeißelt worden. .Ueberall war die nachbessernde und ergänzende Hand pietätvoller Kinder und Kindeskinder tätig gewesen, um das' Andenken Heimgegangener Vorfahren vor den verwitternden Einflüssen der .großen Bernichterin Zeit zu schützen. Stumm schritt ich durch die einförmigen Gräberreihen dem Ausgange zu. Der Spiegel des' lleberlinger Sees blinkte auf im Mittags- sonnenschein, und ein leiser Hauch von den halbreifen Trauben des Seeweins kam, vom Winde herübergetragen aus den un- zähligen Weingärten ringsiim. Träumst Du von solch goldemn Herbsttagen, wie ich sie noch durchwandeln darf, Annette Droste? Ruh' in Frieden! Die Stätte ist gut, .die Du Dir bereitet hast. Auf..diesem Friedhof am See ehrt man die Toten. Man wird auch Deiner hier niemals vergessen. .<. A. R,

Are lyrische Preiskonkurrenz

in unserer Nr. 127 hatte folgendes Ergebnis:

Das GedichtIch denke Dein im Morgenlicht" erhielt si'mfmcv die Nr. I, 15mal die Nr. II und 22mal die Nr. HI.

Das GedichtIch denke Dein, hab ich vom deutschen Liede ein Buch zur Hand" erhielt 23mal die Nr. I, 9mal die Nr. II und llmcti die Nr. III.

Das GedichtIch denke Dein, wenn mir der Sonne Schimm«^ erhielt llmal die Nr. I, 17mal die Nr. II und 9mal die Nr. HI.

Demnach hat also das GedichtIch denke Dein, hab ich vom deutschen Liede ein Buch zur Hand" am meisten gefallen, und unter den 23 Einsendern, deren Stimmen sich auf dieses Gedicht als das von ihnen am besten befundene vereinten, müssen nun also die Preise verteilt werden.

Den ersten Preis (Jerd. Avenarius' prächtigesHaus­buch deutscher Lyrik") erhält Herr F. Rübe in Gießen. Er schreibt:

Sämtlichen Gedichten ist nicht abzusprechen, daß die Gedankest poöstevoll. zur Tarstellmkg gebracht worden sind, allein es hätte