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den Herren der Garnison nicht gut ausweichen, da aber seit dem unglückseligen Ereignis alle ostentativ ihre Besuche auf Dolina eingestellt hatten, so wußte er wirklich nicht, wie er sich gegen sie verhalten sollte.
Seine urspriingliche Absicht, mit höflichem Gruß an ihnen vorüberZuschrciten, wurde durch ihr überaus herzliches Entgegenkommeu vereitelt, und obgleich inan nie eine Anspielung auf das Vorgefallene machte, so wurde er daran doch beim Abschiednehmen insofern erinnert, als man sich stets der Familie nur im allgemeinen empfehlen ließ, während doch früher die Herren, wenigstens die älteren von ihnen, immer noch einen Extragruß fiir den Vater übrig hatten.
Der einzige, der nach wie vor auf Dolina vorsprach, war Vladoj, was man ihn:, trotzdem ja der wahre Grund seiner Anhänglichkeit bekannt war, dennoch sehr verübelte. Daß er hierfür auf Dolina durch besondere Herzlichkeit entschädigt wurde, konnte er sich aber auch nicht rühmen.
Herr von Höchstfeld ahnte zwar in seiner Arglosigkeit nichts von dem geheimen Magnet, der ihn Herzog, da sich aber die anderen fernhielten, so witterte er in ihm einen Spion aus denr feindlichen Lager und suchte ihm durch äußerste Zugeknöpftheit das Wiederkommen zu verleiden. Iran von Höchstfelds Benehmen glich auf ein Haar dem ihres Gatten, nur daß sie damit den Zweck verfolgte, ihm zu verstehen zu geben, daß er sich vergebliche Illusionen mache. — Und Erna, um derentwillen er sich doch dieser wenig angenehmen Behandlung aussetzte, gab ihm zwar nach wie vor Rendezvous, wohl aber nur zu dem einzigen Zweck, ihn dabei mit ihrer Eifersucht zu quälen. Seit ihr die Jünglinge von den sitzengebliebenen Bräuten erzählt hatten, fühlte sie sich nicht mehr ganz sicher und allen einen Beteuerungen und Schwüren begegnete sie mit einem keptischen Lächeln, das ihn nach ünd nach zur Verzweis- üng brachte.
Wenn er nicht hätte befürchten müssen, dadurch einen heillosen Skandal herauszubeschwören, so würde er wohl die edlen Zwillinge bei den Ohren genommen haben, aber die sichere Voraussicht, daß es dann mit dem Geheimnis fiir immer zu Ende gewesen wäre, zwang ihn leider, von seinem Vorhaben abzusrehen.
Ausgeschoben war indes nicht ausgehoben, und er lauerte nur cntf den günstigen Moment, sie unter einem anderen Vorwand und womöglich unter Billigrmg der ganzen Gesellschaft zu strafen.
Und dieser Augenblick sollte viel ftüher eintreten, als er zu hoffen wagte.
Dinko und Mirko grübelten schon lange darüber nach, wie sie eine Versöhnung der Familien bewerkstelligen konnten. Ihr Papa hatte zwar vorgehabt, trotz Herrn von Höchstfelds Verzichtes, ihm persönlich! sein höchstes'Bedauern auszusprechen, da aber mittlerweile des Pfarrers Beleidigung stattgefunden hatte, so setzte er natürlich keinen Fuß mehr nach Dolina. — Es kostete ihm schon Ueberwind- ung, seiner Fran und den Kindern den weiteren Verkehr zu erlauben, und nur weil ihn Frau von Höchstseld und die Kleine darüber dauerte, und es ihn speziell ärgerte, den jungen Mann, dem er wirklich aus ganzem Herzen zugetan war, unter dem Boykott seiner Angehörigen leiden zu sehen, hatte er schließlich den Bitten der Sämigen nachgegeben.
Daß damit Papas Nachgiebigkeit ihre Grenze erreicht hatte, wußten sie bestimmt, ebenso genau war ihnen aber auch bekannt, daß Herr von Höchftfeld nicht den ersten Schritt zur Versöhnung tun würde.
Die beiden feindlichen Pol« trotzdem zusammen- zubringen, war somit ein Kunststück, das schon des Schweißes der Edlen wert war.
Nun handelte es sich nur Koch um das Wie!
Sie überlegten hin und her, entwarfen und verwarfen Hunderte von Plänen und kamen trotz allen Denkens dem Mele nicht näher.
Endlich glaubten sie es zu haben.
Ljubiza ritt seit einiger Zeit viel häufiger als ftüher aus und sonderbarer Weise immer in derselben Richtung. Mit dem Spürsinn der Jugend witterten sie die Währheft und legten sich fortan aus die Lauer. Es dauerte auch nicht lange, bcs sie sich! von der Richtigkeit ihrer Ver- muftmg überzeugt hatten, und' Mn waren sie ganz Feuer und Flamme.
Bisher hatte sie nur der Egoismus geleitet, da kt-
sich sagten, daß alle ihre Hoffnungen' auf Erna vergeblich seien, solange die beiderseittgen Familien nicht in vollem Frieden und ehrlicher Eintracht lebten, jetzt aber, wo sie sich als heimliche Beschützer des Glückes ihrer Schwester fühlen durften, bekanr ihr Werk erst die höhere Weihe.
Ihr Plan stand bald fest. Alle Eventualftäten wurden haarscharf erwogen, und wenn sich die Ausführung trotzdem von Tag zu Tag verzögerte, so war daran weniger ihr guter Wille, als ihre mangelhafte Orthographie schuld.
Nach heißem Ringen und vielfachen! Zurateziehen des Wörterbuches kamen sie damit aber doch zustande, unb1 eines schönen Tages erhielt die ganze Gesellschaft — mit Ausnahme der Höchstfeldschen und Stepenazschen Familien, die ja überrascht tverden sollten, folgende gedruckte Einladung :
„Für morgen, den 21. d. M. erlauben wir uns, Sie und Ihre werten Angehöriger! zu einer intimen Familienfeier höflichst einzuladen.
Erwin von Höchstfeld und Gemahlin."
Darob natürlich allgemeines Kopfschütteln und Ueber- legen, ob man der Einladung Folge leisten solle?
Wenn die Zeit dazu nicht zu kurz gewesen wäre, so hätte man sich bei Stepenaz' erkundigt, wie sie sich verhielten, aber daran war nicht mehr zu denken, und da eine direkte Ablehnung doch nicht wohl gut anging, die?' Neugierde, um was es sich handle, auch zu groß war, so jagte am nächsten Tage ein Fuhrwerk nach! dem andern nach Dolina.
Schon bei den zuerst anlangenden, festlich gekleideten Gästen sahen sich Herr und Frau von Höchstfeld voller Verwunderung an, als aber deren immer mehr und inehr eintrasen und von allen die gleiche Frage wiederholt wurde — „Zu was man denn gratulieren dürfe?" — dn verwandelte sich ihre Verwunderung in höchste Entrüstung, und Herr von Höchstseld mußte seine ganze weltmännische Erziehung zusammennehmen, um sie nicht samt und sonders zum Hause hinauszukomplimentteren.
IM ersten Moment des Alleinseins sagte er zu seiner Frau: „Hier kann es sich nur um zwei Möglichkeiten handeln. Entweder sie stecken alle untereinander im Komplott und wollen uns einen Possen spielen, oder aber sie sind gleich uns düpiert. Doch! gleichviel, ob es hier einen oder mehrere Schuldige gibt, die richttge Antwort auf diese Büberei soll dem oder den Betteffenden jedenfalls nicht erspart bleiben und wenn es blutige Schädel geben sollte
„Großer Gott, so rege Dich doch nicht noch! mehr aus", bat ihn seine Frau verzweifelt, „rate mir lieber, was ich den vielen Menschen vorsetzen soll?"
„Nichts", brummte er, „dann sind wir sie am aller- schnellsten los."
„Aber Erwin, wenn Du nur einen Moment vernünftig Mit Dir reden ließest."
„So setze ihnen weiche Eier, harte Eier, Rühreier und Eier auf Butter vor", riet er ihr in einer Anwandlung von Galgenhumor, „Du hast ja darin schon eine gewisse Uebung."
„Mach' Dich nur noch, über mich lustig", klagte siL „Anstatt mir an die Hand zu gehen und mir. . ."
„Ich begreife gar nicht, was Du noch willst", fiel er ihr bärbeißig ins Wort, „so verwertest Du doch Deine überschüssigen Eier aM schnellsten und kannst, zufrieden sein."
Ihn Mit einem Blick tiefster Indignation strafend, liest sie ihn stehen und eilte nach der Küche, um mft Köchin Rat zu pflegen. Da eine Herbeischasfung von Fleisch äb- solnt nicht mehr möglich war, so mußten eben Hos und Keller herh alten, und gleich darauf begann, unter ihrer persönlichen Kontrolle, eine furchtbare Massenschlächtereil aus dem Geflügelhof, worauf sie streng darauf achtete^ daß die ältesten Jahrgänge zuerst an die Reihe kamen. „Wer gnädige Frsau", hielt ihr die Köchin vor, „zu den Backhnhnern Müssen wir! doch! wenigstens welche von den jungen nehmen."
„Nichts da", entschied Frau von Höchstseld, „kochen Sie sie vorher, dann werden sie schon weiche werden — bei uns Macht man es überhaupt nie anders."
„Und bei uns ißt niemand ein solches Futter", trotzte! die uM ihr RenomMe besorgte Beherrscherin der Küchp. Schweren Herzens gab endlich Frau von Höchstfeld nach und kehrte, nachdem sie in aller Eile auch! noch Toilette gemocht hatte, zu den Gästen die sich mittlerweile um noch einige Familien vermehrt hatten — zurück. Während


