Ausgabe 
3.8.1904
 
Einzelbild herunterladen

48®

Werden, so steht sicherer Tod in Aussicht. Glücklicherweise findet sich immer sogleich eine energische Persönlichkeit, welche es unternimmt, den Tappen durch starkes Zerren an den korrespon­dierenden Scheitelhaaren wieder empor zu ziehen, eine Operation, Welche besondere Geschicklichkeit erfordert und sehr schmerzhaft, aber gewöhnlich von dem schlagenden Erfolg .begleitet ist, daß bei dem brüllenden Kranken der vermißte Tappen sofort wieder sichtbar wird.

Bei Diptheritis legen sie den Kindern Salzheringe, frisch.aus der Lake, um den Hals, gegen Krämpfe wird ihnenwat vom Schwiensgehör" eingegeben, oderbat Bitt von der Tung", der Schleim von der Zunge eines neugeborenen Füllen; Brand­wunde, l werden mit Kuhdünger belegt. Geschwülste und die Rose werden bepustet, Blut wird besprochen, und gebrochene und ver­renkte Glieder unter dem Jammergeheul der Leidenden so lange gezogen, bis es knackt dann ist es wieder drmn!

Eines Tages gabs großen Aufruhr im Dorf, klagende Stim­men, die Leute liefen zusammen. Ein zweijähriges Kind war überfahren, von einem Grünfutterwagen, .während es spielend im Frtttcrslur des Knhstalls saß. Mit zitternden Knien lief ich da im flimmernden Sonnenschein die staubige Dorfstraße ent­lang auf .das Haus des Kuhfütterers zu. Die junge Mütter saß in der Stube, das kleine blonde, .pur mit einem Hemdchen betleidetc Mädchen im Schoß, das bleich, doch lächelnd zu ihr ausschaute.

Die Mutter erzählte, während ich die Kleine auf den Arm nahm und untersuchte, wie sie sich fröhlich im herabgefallenen Grünfutter ein Nestchen gebaut und unbemerkt vom Knecht, von zwei Räderm des beladenen Wagens vollständig überfahren sei. Awer Schnuchelsch hett sei all streken (gestrichen), un nu iS sei wedder janz munter."

Frau Böder", .sagte ich tief bewegt, .das Streichen Hais nicht gemacht, es ist .wie ein Wunder, hier haben die Enget die Flügel gebreitet!"

I, jne Fru", sagte die Mutter gleichmütig, r-ik reken ümmer, bet is bat Jräunfutter west!"

Ich fühlte mich etwas beschämt durch diese praktische Ant­wort, aber am Ende schadet es nichts, wenn man auch mal Engelsflügel rauschen hört, und nicht nur immerbet Jräun­futter" sieht. .

In der Hoffnung, hierin mit dem geneigten Leser überein- zustimmen, empfiehlt sich Hm für porkommende Falle ~ der weibliche Doktor.

vermischte».

* In den Tabakpflanzungen von Deli in Sumatra werden seit einiger Zeit sonderbare Versuche gmmcht. Der dort erzeugte Tabak ist.in feinen, Aroma nicht gerade erstklassig, im übrigen aber von so ausgezeichneter Beschaffenheit, daß er sich zu Deckblättern vorzüglich verwerten läßt. .Dement­sprechend ist auch der Gewinn der Eigentümer sehr groß, und man kann dort etwas auf Experimente verwenden. Es ist nun versucht worden, große Tabakfelder mit Plänen zu Überspannen, und man hat verschiedene Vorteile davon erwartet. Erstens sollten die Insekten dadurch abgehalten werden, ferner erhielten die Pflanzen einen Schutz gegen den Wind, der oft die Blätter zerfetzt. Me Temperatur sollte gleichmäßiger und um einige Grade höher sein die der Außenluft und namentlich die Nachtfröste Hess Frühjahrs ausschließen. Da die Pläne die Feuchtigkeit nur allmählich durchlassen, so könnte auch der Regen den Pflanzen keinen Schaden tun. .Mit einem Wort: diese Riesenzelte sollten den Tabakpflanzungen, ohne die Außenlust abzuschließen, alle Vorteile einer Zucht im Gewächshaus zugute kommen lassen. . Auch jn den Bereinigten Staaten hat man Proben auf die Richtigkeit dieser Schlüsse gemacht, aber weder dort noch in Sumatra haben die Erfolge den Erwartungen ent­sprochen. DerZelttabak" wurde von der Industrie abgelehnt, weil die Fabrikanten zu viel an ihm auszusetzen fanden, und die Internationale Tabakkulturgesellschaft in Connecticut, die Leiterin der Experimente auf amerikanischer Seite, ist sogar daran zu Grunde gegangen, nachdem sie eine Million für die Zurichtung ihrer Tabakfelder ausgegeben hatte. Es scheint, daß die Ent­wicklung der Pflanzen durch die Bedeckung eher behindert als gefördert wird, und vor allem hat man die wichtige Erfahr­ung gemacht, daß die neue Maßnahme die Spätfröste durchaus nicht von den Feldern fernzuhalten vermag. So leicht ist es also nicht, die Natur zu verbessern, .vielmehr scheinen alle Gewächse unter freiem Himmel doch 'noch besser zu gedeihen als unter einem solchen Verschluß.

* Geruchs Messungen. Der berühmte Chemiker Berthe- lot hat der Pariser Akademie der Wissenschaften die Ergebnisse von Versuchen mitgeteilt, die in mehr als einer Beziehung .höchst merkwürdig sind. Sie hatten den Zweck, zu ermttteln, in wie weit ein starkriechender Stoff durch seine Ausdünstungen, auf denen die Verbreitung .des betreffenden Geruchs beruht, an Gewicht verliert. ,Es läßt sich begreifen, daß die dazu nötigen Messungen von äußerster Feinheit gewesen sein müssen, und das ist auch der Grund, weshalb sie bisher nicht gelungen waren.

Berthelot hat beispielsweise festgestellt, daß ein Gramm Jodo­form in einer Stunde den billionsten Teil eines Gramms ver­liert. Auf das Jahr berechnet, würde dieser Betrag 8760 Billion­stel Gramm ergeben, oder noch etwas weniger, als den 100. Teil eines Milligramms. Es würden also etwa 100 Jahre vergehen müssen, ehe jenes Gramm Jodoform durch die dauernde Aus- sendung des wegen seiner Schärfe berüchtigten Geruchs ein Milli­gramm an Gewicht eingebüßt hätte. Diese erstaunlichen Ziffern werden noch übertroffen durch die Angaben, die Berthelot über den Moschus macht, denn dessen Gewichtsverlust ist noch viel geringer, etwa 1000 mal schwächer, so daß er freilich mit einiger Genauigkeit garnicht mehr festzustellen ist. flebrigens gibt das neue Verfahren von Berthelot die Möglichkeit, selbst ganz geringe Verunreinigungen solcher starkriechender Körper zu ermitteln.

Literarisches.

DieD eutsche Kunst und Dekoration" int Berlage von Alexander Koch-Darmstadt gewinnt immer mehr Bedeutung für die Vorbereitung und Verbreitung einer neu- deutschen künstlerischen Kultur. Nach dem Grundsätze, daß in der Kunst das Wort nichts, die Anschauung alles ist, legt sie das Schwergewicht ihres Inhalts auf gute und zahlreiche Abbild­ungen, die durch .deu Tex? gewissermaßen nur einen passenden Rahmen erhalten. Es erscheint überflüssig, heute noch ein Wort über das siegreiche Vordringen der modernen Kultur zil ver­lieren; die Bresche ist geschlagen in den Wall von Gedauken- nnd Geschmacklosigkeit, den pedantische Gelehrsamkeit und Stil­meierei um deutsche Hauskunst errichtet hatten. Anfänglich hatte das Kochsche Organ die Rolle des Belagerungsgeschützes gespielt, jetzt aber stellt es die Flagge dar, die ein Heer siegesfroher Kämpfer in die eroberte Festung einführt. Kein Haus, kein Winkel bleibt den Eroberern unbemertt, überall wird der reini­gende Besen geschwungen, aufgeräumt mit dem alten Wust; das Nest, in das so lange Einlaß begehrt wurde, wird neu, schöner, wohnlicher und gesünder aufgebaut. .Ein neuer Kunstfrühling, eine neue Renaissance ist im Anzuge:Die Welt wird schöner mit jedem Tag!" Bleibe keiner zurück, wer das Wehen des neuen Geistes verspüren und genießen will! Die Kunst gehört nicht mehr beut Künstler, sie gehört dem Volke, bet Familie, dem Leben! Die in den letzten Heften vorgeführten Arbeiten deutschen Kunstgewerbes, _ die jetzt in St. .Louis den Wettbewerb mit anderen Nationen zu bestehen haben, geben die frohe Zu­versicht, daß sich die deutsche Kunst die Achtung zurückerobert/ die sie sich durch verkehrte Auffassung und durch verfehlte Geschäftsprinzipien verscherzt hatte. Zn dem neuen Siege hat aber dieDeutsche Kunst und Dekoration" eifrig und erfolgreich mitgeholfen.

Paul von .Szczepanski: Die Hofdame. Romam Verlag von F. Fontane u. Co. in Berlin. Preis 6 Mk. Kabinettstücke feiner Charakterisierungskunst und liebenswürdiger Menschenbeurteilung .weiß der Autor mit brillanter Kleinmalerer sorgsam auszustatten. Er versteht es meisterhaft, unser Interesse für das Leben und Treiben, die Freuden und Jntriguen eines Großherzoglichen Hofes und die damit mehr oder weniger eng verknüpften Menschenschicksale zu fesseln, von dem ungemein sympathischen Herrscherpaare selbst herab bis zum kleinsten Kam­merkätzchen, ausführlich, wie wir uns gern unterrichten las,en über alle, die uns interessieren, dabei stets spannend und lebenswahr. Mit wahrer Siebe hat erDie Hofdame", die int Mittelpunkt der Handlung steht, dargestellt; geschickt hat er es verstanden, sie dem Leser lieb und vertraut zu machen, und zwingt ihn, .mit stets sich steigerndem Mitgefühl den Scheck, als- verkettungen dieser jungen, schönen, .unerfahrenen Menschenblute zu folgern^ Pabst in Gotha ist unter dem Titel

Grundzüge der allgemeinen Witterungskunde inHillgers illustrierten Volksbüchern" ein allgemem verständlich gehaltener Ueberblick über dieses, die wettesten Kreiß inter­essierende Gebiet erschienen.

Scherzrittsel.

(Nachbildung verboten.)

Ich führe dich gleich über Fluß und Teich, Ohne Schiff, ohne Floß, ohne Träger und Troß Ich trage dich hin, doch darfst hu nicht sitzen; Geht'S schnell voran, bann wirst du schwitzen. Und eil' ich dahin mit Sturmesgewalt, Ich selbst bleib immer eisig falt.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Ergänzungsrätsels in vor. Nr.: Frei will ich fein im Denken und im Dichten, Im Handeln schränkt die Welt genug uns em.

Goethe. (Tasso.)

Redaktion: August Götz. Rotationsdruck und Verlag der Brnhl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei. R. Lange, Gießen.