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nu jrad, as
Ahnen nur gratulieren. Ihr Herr Sohn — na, das versteht sich ja von selbst — ist der vollendete Kavalier — aber auch die Kleine wird sich sein herausmachen, sie hat ganz das Zeug dazu, den Mannern einmal die Köpse zu verdrehen." Erna warf ihr von untenauf einen heißen Dankesblick zu und wünschte aus ganzem Herzen, daß ihre Mama auch so klug dächte.
(Fortsetzung folgt.)
iallen.
Nun geht man mit und gibt, den oft seltsamen Symptomen entsprechend, sein Gutachten ab.
Ta sitzt so eine alte Frau, das unvermeidliche Tuch um den Kopf, in ihren bnntgewürfelten Betten und beginnt mit klagenden Tönen, die seltsamerweise nicht aus dem Munde, sondern aus der Nase ihren Weg in die Außenwelt finden: „Ach ne, 'jne Fru, wenn ick dit doch man blot wttßt, .wat dit is und wat dit nich is. .Is dit wat von Rißmatismus, oder is dit wat von Magenkander oder is dit wat von Jnfaulenzia. hew bat so up d' Bost, un denn stött mi bat so in b’ Srer (Seite) un denn riet mi bdt so in'n Bein. Kiek es blot, jne Fru, mien Bein! Wie drög is bat, bi reine Stück! Man nich? Jk kann't jor nich miehr uthnlle. Die janz Nacht hew ik möte rum womiseire, un so 'ne Hauste! Ach ne, so 'ne Hauste! 'ne Fru jlöwe bat jor nich, wenn mi bat denn so ankömmt, wo 'ne Hauste as bat is. Un rare (reben) kann 'k ok jor nich, miehr! De Tung is mi ümmer so drög und denn steckt mi bat so im Krüz, un denn hackt mi dat so up b' Bost, un beim treckt mi bat so as so'n Weihdag in't janz Lief rümme. Dat is j . ' sik bat rejeirt, un so as sik rejeirt, so is bat ok. Ete kann 'k jor nich miehr, Mot immer drinke, un wat bat Schlimmst' is: räre kann, 'k jor nich rnihr. Wat hew ik süst nicht rare könnt! Man nich Milie?" (zur schweigenden Schwiegertochter gewendet.) „Awer nu?— Ne! Jlik kömmt mi ümmer d' Hauste an. Jk hew da all so veel für utbrukt — Milie, Hal' eis jne Fru de Bottels, jne Fru will fe jirn bettete."
Die nie zu Worte kommende Milie bringt, auf ihren runden Leib gestemmt, eine ganze Batterie kleinerer und größerer Fläsch-
Der weißliche Doktor-
Bon E. v. ,O e r tz e n geb. v. Thadden.*)
Ter weibliche Doktor — der bin ich natürlich, denn ich bin Landwirtsfrau, und wenn wir Landwirtsfrauen nichts vom Doktern verstehen, bann- sinb wir überhaupt nicht zn brauchen.
Gestern galt es einem Huhn, das „sehr betrübt steht", die Diagnose zu stellen, die kurzerhand auf Abschlachten hinauslief, ein ander Mal muß einem jungen Bullen eine Portion Glaubersalz verordnet und verabfolgt werden, — und gar in der Jn- fluenzazeit — da öffnet sich alle Tage die Türe.
„Jne Fru, ick joutt man froge, ob Sei uich'n poor Truppe hcwe." „Te Ollsch" — (das ist die Schwiegermutter) oder irgend ein anderes Familienmitglied ist von irgend einem Leiden be-
chen. Sie will was sagen.
„Kiek es, jne Fru", fällt die Alte eifrig ein, t,bit hew ik all allens utbrnkt! Dit hew ik mi sülwst noch halt ut de Regenwnller Aftheik, dit kost fief Jrösche, un dit hier, bat hett mi Milie ut de Labser Aftheik mitbröcht, dit kost sünsundsiebzig Pennig, dit janz klein Bottel! — Wo Mir! Man nich? Awerst hulpe hett btt ok nich. Dit hew 'k von «er Fru köfft, wat ümmer so mit Stint rümmtreeft, ,dat schall siehr nützlich sien, kost 80 Pennig, awerst mi hett bat ok nich hulpe. Nu segge 's immer von der Wangriucr Aftheik; da schall so'n swart Pulver sin, dat hett oll Gnebuchsch ehr Bodder, wat nu bot is, dem hett bat eiste sihr hulpe, segge 's, — as hei noch in ’t Lewen wir. — Da schall Bodber nu up'n Sünnbag hen gähn un schall bat hale, ob bat nich helpen beb."
„Nach Wangerin? Das ist ja aber vier Meilen weit!" warf .ich ein.
„Ja, bat Helpt nißt: hei möt dem Astheiker bat vörstellen, un denn möt hei bat schwart Pulver mitbringe, bat ik doch Webber so wiet keim, bat ,ik ete un rare künn. Blot up wat Suret (Saures) hew ik Äppentit^ auf, Fru Pastern hett mi all 'n Jlas Honnig schickt, awerst so recht wat Suret is bat ok nich, wenn jne Fru mi wnlle'n n' Flasch Wien schenken, bat ik doch Webber miehr tau Kräften keim, bat mi bat Raren nich mihr so für still' ---"
Die Flasche Wein wurde sofort bewilligt, sie schlug ganz nach.Wunsch an, was die Sprachentfesselung der rasch Genesenden betraf, der ich jetzt noch etwas scheu ans bem Wege gehe.
Aber nicht immer werden meine Heilmittel so zweckmäßig angewandt. Neulich wurde ich zu einer Familie gerufen, da war „Hei" krank, b. h. der Hausvater, und das wird immer ernst genommen. Den bisher kerngesunden Mann hatte fein plötzliches Leiden sehr erregt, und dadurch mitteilsamer gemacht, als der ländliche Pommer im allgemeinen ist.
Er hatte Schmerzen im Bein.
* Aus „Entenrike und andere Hinterpommersche Geschichten". Wolfenbüttel, Verlag.von Julius Zwißler.
„Up ’n Fridag, as ik mit Roggen nah be Stadt toier, bin i! da all biem Doktor mit ran west."
„Was sagt er denn?"
„Ja jnedj' Fru, der feggt, bet wier sehr schlimm, fegst hei. Mein lieber Mann, feggt hei, bat is sehr schlimm vernachlässigt, fegst hei. Sie haben auch ein schlimmes Aussehen, feggt hei, rein unersetzlich mager. Jk ftog em nu, wat bat für ’n Krankheit wier un wo bat beiten beb, miet bat ik den Name. von weiten müßt. Mein lieber Mann, feggt hei, un schüttelköppt, bat is eine Nervenerkältung .— ne — ober feggt hei Blut- entzünbung". (Der Patient kratzte fich nachdenklich hinterm Ohr.) „Na, wo feggt hei boch man! — Ja! — so feggt hei: Mein lieber Mann, feggt hei, bas is eine Nervenverkältuug, bie jetzt schon bis ans Knie ranne, bas is bie höchste Zeit bamit, feggt hei, denn wenn sie ein, zwei Zoll Höger rauf jung, denn wär' sie bis ans Herz .ran, .bann wär' das Schlaganfall; denn müssen Sie opserieri werben, mein lieber Mann, feggt hei." — „Sei", b. h. bie Frau, begann fich mit ber Schürze bie Augen zu wischen. .
„Hat er Ihnen denn was verschrieben?" fragte ich einiger» maßen konsterniert.
„Ja, for fiftig Penning zum Jnriewen, awer bat gitot fern Linbernis. Natt kann ik ba äwerall nich up uthnlle un kull ok nich un nich heit un nich drög."
„Ist das Bein beim geschwollen ober rounb ?"
„Ne, gor nich, bat is ein Fleisch as.bat armer un ein Hut as bat armer, ,ba is nich nichts z' feihn."
„Na, zeigen Sie boch mal."
Da erwies sich beim, daß bas Bein teilweise rot war unb sich an ber Wabe eine nicht unbebeutenbe Wrmbe befanb, wahrscheinlich eine Folge von Gewaltmitteln, trockenen, heißen, kalten unb nassen.
Ich sagte den Leuten genau Bescheib unb fanbte ihnen bann eine Lösung zu Umschlägen, bie aus bie Wunde gelegt werben sollten.
Andern Tages fand ich meinen Patienten befriedigt im Stübchen auf unb ab spazierend. Er begrüßte mich erfreut.
„Na, jnedj' Frn, dit hett sihr hulpe, dit hett mänglich sihr hulpe! Jk säd all to min Fru: ,Wat ns jnedj' Fru förn Kopp bett! Dat is noch öbern Doktor."
„Geht's Ihnen so viel besser?"
Ja, bat is nu ;anz jaut, die Umschläg hewn den schmerz ba ruttredt, ik bent Schlaganfall ward bat nich Ware."
„Haben Sie fleißig Umschläge gemacht?"
„Ja, be janz Nacht hew ik fe wechselt."
„Haben Sie noch einen?"
„Ja, jk hew nu man eint ihnlegt."
„Lassen Sie mich das Bein noch mal seben."
Die Hose wurde in die Höhe gezogen unb sogleich zeigte sich bie Wunbe ganz in ber alten Verfassung.
„Aber, .ich bitte Sie, Sie haben ja gar keinen Umschlag drum!"
„Ja, .jnedj' Fru, ik hew eint tim."
„Na, aber wo denn? Ich sagte doch auf bie Wabe!" „Ja, da hew ik ’t ook, hier up'rn annern Bein." „Auf .dem gesunden? Aber warum in aller Welt nicht auf dem kranken?"
„Ja, — ik dacht, bat künn schädlich Jin!" —
Solche Mißverständnisse sind hier nichts Seltenes.
Selbstverständlich gibts hier bei uns die verschiedensten Herl- mittel und Diagnosen, denn ich bin nicht die einzige „klauke Fru", .es sind ihrer verschiedene, .bie wieder ganz anderen Ansichten 'huldigen.
Jüngst kam ein Dienstmädchen ganz .niedergeschlagen von einem Besuch zu Haus zurück.
„Ich bin mit meine Mutter nach einem sehr berühmten Schäfer tzinjewesen", berichtet sie ihrem Hemm, „und hab ihm vor zwei Mark insultiert. Er sagt, ich wär’ .sehr krank, dienen könnt ich nich bleiben. Er hat mich auch allens ausjedeut', baß wir uns janz .jut da aus vernehmen konnten. Er sagt, ber Mensch zerfällt in achtundzwanzig Suchten, die er alle bekommen kann. Derjenige Mensch, was sieben Suchten, hat, ber is sehr krank unb" — mit unterdrücktem Weinen — „sieben Suchten hab' ich all!" Un denn nimmt sich das nu immer zu. Derjenige, was vierzehn Suchten hat, ber is schwer noch zu reiten, weil schon ber halbe Mensch krank is, un wenn Einer einunbzwanzig Suchten hat, benn is da keine Hülfe mehr, bei, unb wenn er alle achtundzwanzig Suchten hat, —: bann is er bot!"
„Was für ’ne Suchten hast Du benn?"
„Die Bleichsucht un die Jelbsucht unb bie Mondsucht unb bie Fallsucht un bie Fettsucht" — schluchzend — „un — uV bie Schwindsucht." ,
„So?" sagte der Dienstherr ungerührt unb gelaßen, „na? bie Berjnögungssucht unb bie Putzsucht hast Du auch noch, —■; wenn da am End' noch bie Trunksucht zuschlagen sollt', denn ich .das selbst, baß ’t bann mit Dir vorbei wär'. Denn wird rk Dich auch entlassen." ~ ,
Ein sehr schwieriger Fall entsteht, wenn bei Halskrcmkherten ber Patient das Unglück hat, feinen „Tappen" (das Zäpfchen im Halse) .herunterzuschlucken. Kam: er nicht wieder heraufbefördert


