Ausgabe 
3.8.1904
 
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gerade diese Fahrt war mit ein Grund, auf ihre Tollheit zurückzukommen.

Schon beim Einsteigen sagte ihr die Mama mit einer Schärfe, die sie sonst gar nicht an ihr kannte:

Wenn nur ein Funken mädchenhaften Schamgefühls in Dir wäre, dann hättest Du mich bitten müssen, zu Hause bleiben zu dürfen. Ich, in Deinem Alter, würde mich vor jungen Leuten, die mich in einem derartigen Aufzuge fahen, zeitlebens verkriechen. Es ist mir völlig rätselhaft, woher Du diese geradezu sündhafte Harmlosigkeit her hast, ihnen wieder unter die Augen zu treten!"

So schwer es ihr fiel, auf das voraussichtliche Ver­gnügen zu verzichten, so wollte Erna doch schon nachträglich die Erlaubnis zum Zurückbleiben erbitten, als ihr der Vater glücklicherweise zu Hilfe kam.

Du gehst ein wenig zu !veit, liebe Eveline, und »ver­schiebst den Standpunkt", sagte er zu seiner Frau.Ob die beiden Jungen sie mit oder ohne Schuhe und mit oder ohne Strümpfe gesehen haben, ist doch wirklich ganz aleich- giltig. Hier handelt es sich nur"

Aber sie ist doch mit ihnen durchs Wasser gewatet", fiel ihm Frau von Höchstfeld entrüstet ins Wort,begreifst Du denn gar nicht, welch grenzenlose Unschicklichkeit darin liegt!"

Gewiß, gewiß", gab er ohnehin zu,für mich handelt es sich indes hauptsächlich darum, daß den Stepenaz' durch ihre Narretei Gelegenheit geboten wurde, uns eine Gefällig­keit zu erweisen. Mein ganzer Plan ist dadurch über den Haufen geworfen; ich bin jetzt gezwungen, meine Zurück­haltung teilweise aufzugeben, und muß mich bei ihnen, denen ich nicht über den Weg traue, noch bedanken!"

Erich, der über diese Wendung im Innern frohlockte, sagte trotzdem mit absichtlicher Gleichgiltigkeit:Nun, was haben sie denn weiter so großes getan! Ihr trockene Kleider gegeben swnd sie nach Hause geschafft das ist alles!"

So!" entgegnete ihm der Vater in sonderbar gereizter Laune.Und daß sich Komtesse Ljubiza selbst der Mühe unterwarf, sie noch abends zurückzubringen und diesen schauderhaften Weg bei anbrechender Nacht wieder zurückzu­machen, rechnest Du für nichts?"

Ein angenehmes Gefühl durchrieselte Erich. Es war zweifellos, daß der Water von Ljubizas Liebreiz gefangen war^ und dies dünkte ihm ein gutes Omen für den ferneren

Aber auch der Mama schien dieser Argwohn aufzu- fteigen, und obgleich sie nie Ursache gehabt hatte, sich über ihren lieben Erwin, der trotz aller Bärbeißigkeit doch stets der zärtlichste und treueste Gatte war, zu beklagen, so stieg doch etwas wie ein Anflug von Eifersucht in ihr auf, und nicht ohne Malice sagte sie:

Dem schönen Kind wird Wohl die laue Nachtluft nichts geschadet haben."

Herr von Höchstfeld sah sie groß an, ging aber nicht weiter daraus ein, sondern murmelte nur undeutlich:

Ma ja, geschadet wird es ihr freilich nichts haben, immerhin war 'es aber eine Liebenswürdigkeit, die wir als gebildete Leute anerkennen müssen, und es war das mindeste, was wir tun konnten, sie durch Erich zurückbe­gleiten zu lassen,"

Nun war Frau von Höchstfeld dort, wohin sie schon längst gelangen wollte. Gestern war sie zu viel mit Erna beschäftigt gewesen und hatte in der Aufregung vergessen, ihrer Meinung gehörigen Ausdruck zu geben, jetzt aber holte sie das Versäumnis nach und sagte tadelnd:Du hattest mich gestern mit Deiner plötzlichen Anordnung über­rascht ,un6 mir die Möglichkeit benommen- Dich auf das Unpassende dieser Begleitung aufmerffam zu machen. Wenn .Erna einundzwanzig Jahre alt wäre, würde es uns Wohl auch nicht recht gewesen sein, sie mitten in der Nacht mit einem jungen Manne nach Hause geschickt zu sehen. Ich fürchte, daß uns die Gräfin das auch zu verstehen geben wird, und ich kann es ihr leider nicht einmal verargen."

Nun, darüber kannst Du beruhigt sein, liebe Mama", widersprach ihr Erich-die Herrschaften waren von einer Liebenswürdigkeit, die mich geradezu beschämte. Jeden- mlls wären sie zurückhaltender gewesen^ wenn sie Deine Meinung teilten/'

Mas verstehst Du nicht, mein gutes 'Kind", belehrte sie ihn,fte werden recht wohl begriffen haben, daß das

Verschulden uns und nicht Dich trifft, und danach ihr Benehmen eingerichtet haben."

So höre doch nur mit Deinem ewigen Moralpauken auf", bat der Major ungeduldig,Du verdirbst mir damit den letzten Rest meiner Laune."

Frau von Höchstseld ließ ergebungsvoll den Kopf sinken und schwieg.

Verstohlen schaute Erna von einem zum anderen. Ihr wollte diese Ruhe ganz und gar nicht gefallen, es war ihr diese der Vorbote eines neuen Gewitters, das sich un­heilbringend über ihrem Haupte zusammenziehen konnte. Und richtig, als ob es absolut keinen anderen Gesprächsstoff gäbe, sing die Mutter nach einer Weile wieder von dem gestrigen Abenteuer an und kam abermals darauf zurück, daß es entschieden schicklicher gewesen wäre, Erna die sich den jungen Herren als Nymphe präsentierte zu Hause zu lassen.

Die Kleine hatte bis jetzt alle Schelte mit einem ge­wissen Phlegma hingenommen, nun fühlte sie sich aber doch in ihrer Würde ernstlich gekränkt, und weinend protestierte sie:Sie haben mich ja gar nicht gesehen sie mußten ja wegschauen!"

Wie schon Männer bei so etwas wegschauen" nmrinelte Frau von Höchstseld skeptisch.

Doch, sie haben es getan sie haben sich überhaupt höchst ritterlich benommen", verteidigte Erna ihre Lebens­retter, wobei ihr die Tränen nnaufhaltsam über die Wangen kollerten.

Laß es nun genug sein, Mama", bat Erich,sie kommt ja ganz verweint an. Aendern läßt es sich doch nicht mehr, und wenn Du sie wirklich zu Hause gelassen hättest, würdest Du ja doch nur in beständiger Unruhe gewesen sein, ob sie nicht eine neue Dummheit anstellt." Erna hätte ihm für diesen wenig schmeichelhaften Beistand am liebsten die Augen auskratzen mögen.

Na warte, Brüderlein dachte sie bei sich die Stunde der Abrechnung wird auch zwischen uns noch schlagen. Du behandelst mich immer als Kind, aber dieses" Kind hat recht gut gemerkt, wie Du Dich für die schöne Komtesse interessierst, und wird Dir beweisen, daß es nicht llug war, sich ihre Protektion zu verscherzen.

Rätselhaft ist es mir nur", sagte da plötzlich Herr von Höchstseld,wohin ihre Strümpfe verschwunden sind. Wenn die Leute stehlen wollten, dann hätten sie doch eher die Schuhe unterschlagen" und sich zu Erna wendend, inqui- rierte es:Hast Du sie nicht vielleicht doch an einer andern Stelle verscharrt?"

Nein, ganz gewiß nicht", beteuerte Erna errötend,ich habe sogar jeden in den dazugehörigen Schuh gesteckt, UM sie nachher nicht beim Anziehen zu verwechseln."

Was ist denn das für ein neuer Unsinn?" fragte die Mama sofort argwöhnisch.

Das ist gar kein Unsinn", stotterte Erna,ein Mäd­chen, das die Strümpfe ivechselt, wechselt auch die Bräuti­gams der bleibt keiner treu das hat uns schon die Wäschebeschließerin im Institut gesagt."

Potzblitz", spottete Erich,Du denkst wohl auch schon an Bräutigams?"

Sie zog ein schieses Mäulchen.

Warum denn snicht? Mit sechzehn Jahren ist nian hin­länglich reif, um"

Ich werde Dir gleiche den Gedanken an Bräutigams ausklopsew', unterbrach sie der Vater drohend, und nach­dem er einen Blick aus dem Fenster geworfen hatte; denn des ungeheuren, alles einhüllenden Staubes wegen fuhr man trotz der Hitze im geschlossenen Wagen sagte er:Run nehmt Euch zusammen, wir sind gleich am Ziele."

Und daß Du mir nicht von der Seite gehst oder gar wieder vorlaut bist!" schärfte die Mama ihrem Sorgenkind, zum allerletzten Male ein.

Als ob ich je vorlaut wäre!" schmollte Erna.

Schon wollte Frau von Höchstseld mit erneutem Tadel beginnen, als glücklicherweise der Wagen vor der Rampe hielt, wo die gräfliche Famjlie ihre Gäste bereits erwartet^ und sie mit herzlicher, jede Zurückhaltung ausschließender Liebenswürdigkeit empfing.

Die Gräfin, eine DaMe anfangs der Vierzig, war von übersprudelnder Liebenswürdigkeit und nahm Frau von Höchstfeld sofort für sich in Beschlag.

Ihre Kinder", sagte sie iti unverfälscht wienerischem Dialekt, ,Haben ton1 ja schon kennen gelernt. Da kann f