1904.
gut
M W
Hin angenehmes Gröe.
Humoristischer Roman.
Von Victor von Reisner.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Ja, was machen Sie denn dort, gnädiges' Fräulein?"
„Ich - ich sterbe."
Die Brüder sahen sich, verdutzt an> und wie aus einem Munde frugen sie:
„Warum denn?"
„Weil ich auf einer Sandbank festsitze und nicht loskommen kann."
Es folgte eine kurze Beratschlagung, dann zogen sich die beiden Edelleute in ein Gebüsch zurück. Hier entledigten sie sich ihrer Schuhe und wollten auch schon — als Dinko sagte:
„Nein, das geht nicht, es wäre unritterlich, vor einer Dame ohne — Rüstung zu erscheinen."
„Aber es sind doch unsere neuen Grauen", widersprach, ihm der Jüngere das erstemal im Leben — „Mama wird schelten."
„Im Gegenteil, Mama wird unser Opfer zu würdigen wissen und es billigen."
Das gab den Ausschlag, und gleich daraus wateten sie hilfebringend dem Kahne zu. Als sie sich ihm aber bis auf einige Schritte genähert hatten, schrie Erna, die sich setzt ihrer vergrabenen Schuhe und Strümpfe erinnerte, entsetzt auf:
„Nein, nein, Sie dürfen nicht näher kommen — ich würde mich zu Tode schämen."
„Aber, gnädiges Fräulein, weshalb 6emt ?" fragte Mirko erstaunt.
„Weil ich — weil ich — keine — Schuhe anhabe" — stotterte Erna.
„Wir doch auch nicht", tröstete sie Dinko.
„Ich habe aber keine —sie brach jäh ab.
„Was denn,?"
„Nein, nein, das sage ich nicht", wehrte sie, „lieber sterbe ich."
Die Brüder blieben überlegend stehen, endlich, sagte Dinko, der immer die besten Einfälle hatte und auch jetzt den wahren Zusammenhang erriet: <*-
„Wir wollen ja nur versuchen, den Kahn loszubringen, und da gnädiges Fräulein oben alles anhaben und wir aus Kavalierswort versprechen, nicht in den Kahn hinein- zuschauen, so werden tttt§ gnädiges Fräulein schon erlauben, naher zu treten."
Erna sah em, Leute von Welt vor sich zu haben, und gab nach,
Gleich darauf stemmten sich beide aus vollen Leibes- kräften gegen, das verunglückte Fahrzeug, vermochten es über, da es sich im Laufe der Zett immer fester und fester eingesackt hatte/ absolut nicht loszubringen.
Das Vergebliche ihrer Bemühungen einsehend, sagte endlich Dinko:
„Es geht nicht, gnädiges Fräulein werden sich schon von uns ans Ufer tragen lassen müssen."
„Lieber stürze ich mich kopfüber ms Wasser", hauchte Erna errötend!.
„Da würden ja gnädiges Fräulein mit dem Kopfe iyr Sande stecken bleiben", machte sie Mirko grienend aufmerksam.
Also auch dieser Tod war ihr versagt — er war furchtbar!!
„Gnädiges Fräulein könnten ja zwischen uns ans Ufer waten", schlug ihr endlich Dinko vor, „wir werden unS also schicklich uonwenden, gnädiges Fräulein werden sich aus unsere Schultern stützen und sich so sachte aus dem Kahn gleiten lassen." „ _
Erna überlegte eine Weile, und da sie dann dies Opfer den Ihrigen schuldig zu sein glaubte, willigte sie ein.
Drei Minuten später standen sie am Ufer — aber, am entgegengesetzten.
„Großer Gott", schrie sie entsetzt, „wo haben Sie mich denn hingebracht?! Meine — Schuhe sind ja drüben."
„Wir werden sie holen", erboten sich sofort die beide«:
„Sie finden sie ja nicht — ich habe sie ganz weit oben
„Dann ziehen gnädiges Fräulein meine an", schlug Dinko vor.
„Nein, meine", protestierte Mirko.
So vieler Ritterlichkeit vermochte ®nta nicht zu wwer- stehen, und so zog sie denn von dem einen der Brüder den rechten und von dem andern den linken Schuh an und eilte mit ihnen, die nun, da jeder nur mit einem Schuh bekleidet war, die schmerzlichsten Grimassen schnitten, so schnell es unter diesen Umständen nur möglich war, dem Stepenazschen Schlosse zu.
Die Gräfin und Ljubiza waren über diesen unvermuteten Besuch nicht wenig erschrocken, dann wurde die Kleine, die ja stellenweise bis über die Kuie durchs Wasser gewatet war, gehörig abgetrocknet, in frische Wäsche und Kleider gesteckt und Ljubiza selbst fuhr mit ihr nach Hause, um den ersten elterlichen Anprall zu mildern.
5.
Die Ermahnungen, Lehren und Vorwürfe, die man beim Schlafengehen unterbrochen hatte, nahmen beun Frühstück wieder ihren Fortgang, uüd Erna war daher selig, als man endlich in den Wagen stieg.
Sie hoffte, daß bei dem Stoßen und Rütteln auf den tiefgleisigen, ausgefahrenen Wegen jede „Unterhaltung" unmöglich sein würde, und rechnete aucE), auf Papas Lreb- ltngsthema, welches ihn gerade bei dieser Besuchsfahrt voN ihr und ihren Sünden ablenken würde.
Zn ihrer Berechnung befand sich! aber ein Fehler, den«!


