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wurden und zuletzt int Nachtomnibus heimwärts rumpeln, wenn nicht gar zu fünf und sechs in einer stolzen Berliner Nachtdroschke. Dazu mag's freilich bei manch einem nicht immer gereicht haben, selbst wenn er mit einem strotzenden Portemonnaiechen ausgezogen war in den wogenden Strudel des großstädtischen Nachtlebens. Das 32blättrige Buch, das frivole Seelen ihr Gesangbuch zu nennen lieben, spielt nämlich im Leben der Herren vom Sauerteig eine bedenkliche Rolle. Und zwar beschäftigen sie sich beim fortwähren­den Wenden dieser 32 Blätter nicht mit den artigen, lammfrommen Kinderspielen, wie Tod und Leben, Sechsundsechzig oder Wend'sch, auch unhöflicherweise Schafskopf geheißen, sie wollen nicht einmal immer vom Skat etwas wissen, sondern nach der Versicherung alter erfahrener Kriminalisten, die das Fach studiert haben, sind sie in vielen Exemplaren Anhänger der lieblichen Gesellschaftsunter­haltungen mit den so harmlos flingenden Namen:Meine Tante Deine Tante",Grundehrlich",Fix rum" nfiu. mit Grazie. Es war daher kein Wunder, daß in den beliebtesten Lokalen für diese Keinen Scherze in den Tagen des Bäckerstreiks besonders scharf aufgepaßt wurde. Mer ich glaube, die Polizei hat nach dieser Richtung hin nicht viel Erfolge zu verzeichnen gehabt.Wenn zwei sich nur gut sind: kein Sorg' um den Weg!" Wer sein Gluck probieren will, weiß schon ein sicheres Plätzchen, wo ihn keine Pickelhaube stört. Denn tatsächlich wird in Berlin trotz aller Verbote ziemlich ausgiebig hazardiert. Die Wirte haben vielfach eine wohltuende Unkenntnis für unerlaubte Kartenspiele, wenn sie nicht gar so kurzsichtig sind, daß sie denTempel" überhaupt nicht zu sehen vermögen. Irgend ein Hinterzimmerchen ist bald hier, bald dort fürVereinszwecke" zu finden; wenn daun die Verhandlungen über Statutenänderungen und andere wettbewegende Dinge erledigt sind und diePhilister" sich verlaufen haben, kommt plötzlich ganz zufällig einer aus die famose Idee,ein Spielchen" zu machen. Und im Handumdrehen geht das Setzen los, hier mit Nickeln, dort mit Fünfzigern und Markstücken, noch anderswo mit Goldflichfen ä la Oldenburg. Und was für bunte Konttn- gente finden sich da zufammen in dem improvisierten Klein-Monaco. Biedere Kleinkrämer, die ihre Tageskasse leider in der Tasche haben; törichte Beamte, die keinen Pfennig verlieren dürfen, wenn sie glatt durchkommen wollen bis zum nächsten Gehaltstage, pro- blemattsche Existenzen, die so wie so auf der Straße liegen nnd gewerbsmäßige Betrüger, denen der Gimpelfang Neigung und Beruf ist. Ein guter Freund er gehörte aber nicht der Gilde der Teigkneter an nahm mich eines schönen Abends einmal mit in solch eine Spielbude, nicht um mich in Versuchung zu, führen, denn dazu kennt er meine Grundsätze zu gut, und weiß ganz genau, daß ich schon aus wissenschaftlichen Gründen alles mitmache. Wir hatten aber noch eine Stunde übrig, ehe die letzte Sttaßen- bahn ging, und ein tüchtiger Mensch fährt bekanntlich immer mit der letzten. Eine gute Tasse Kaffee sollte es dort auch geben. Interessant nur war bei unserem Eintritt die Abgabe der Parole am Busfet der kleinen ungeheuer solide erscheinenden Kondi­torei, in der an runden Marmortischen brave Leute Kuchen schleck­ten und Schlummerpunsch tranken.Ist der Meister nicht da?" fragte mein Freund die Buffetdame, die ihn kurz fixierte und daun ruhig verneinte.Ah, er bäckt wohl noch?"Allerdings!" Spritzkuchen?"Jawohl!" erwiderte sie, ohne eine Miene zu verziehen und öffnete mit einem Schnepper die Tür neben dem Buffet. Wir gingen durch einen halbdunklen Raum und standen bann vor demVereinszimmer", in dem Fortuna ihre Mätzchen trieb. Anderswo übt man viel weniger Vorsicht. Die großen regelmäßig tagenden Spielklubs ä la Harmlose allerdings sollen einen mehrfachen Sicherheitsdienst organisiert haben, um vor Ueberraschungen geschützt zu sein. Von dem Dandy, der seines Vaters Riesenvermögen verpraßt, herab bis zur Frau des Ar­beiters, der Samstags seine 30 Mark bringt: welcher Schritt! Und dennoch sind auch viele dieser Frauen vom Spielteufel gepackt! Nicht nur, daß sie Los-Anteile von sämtlichen deutschen Lotterien besitzen. Das sind noch die harmloseren dieser Schicht. Nein, eine ganze Menge beschäftigt sich mit den Erfolgen der Rennbahnen und setzt bei Buchmachern auf Pferde. Wenn man Sonntags von einem der großen Sportplätze hesinfährt, kann man es hören, wie diese Frauen, die in der Woche vielleicht am Waschfaß stehen müssen, klug schwatzen oder sich entrüsten über betrügerische Jokeys, elende Ontensider und sicher sein sollende Tips, die imKleinen Journal" oder anderswo gestanden haben. Eine schnurrige Wett! Wieviel Geld wird da einem betrügerischen Zufall, der zehnmal ausbleibt, ehe er einmal eintrifft, geopfert. Tragikomisch berührte letzthin das Unglück einer alten Frau, die den größten Teil ihrer Spargroschen zugesetzt hatte, und nun beim Schlußrennen auf alle fünf Pferde setzte, in der Hoffnung, durch eine große Totalisatorguote wenigstens etwas wieder zu bekommen. Wer der Gaul, der fchließlich gewann, brachte 12 auf 10. Sie hatte sich noch einmal verrechnet und schwor es nun jammernd ab, ihr Glück noch einmal mitdie ollen Biestev" zu ver­suchen. Wer ich fürchte, es ist trotzdem ein Meineid gewesen. Eine besondere Spezies des großen Narrenhauses der Spieler bilden jene Vertrauensseligen, die irgend einem jener klugen Köpfe, die eine ganz unfehlbare, totsichere Methode entdeckt haben, durch die man in Monaco oder Ostende in wenigen Tagen fabelhafte Summen gewinnen muß. Nur das nötige Kleingeld fehlt ihnen, um den Anfang machen zu können. Mit schönen weißen Bohnen geben sie dem gutmütigen Gimpel, der fein Geld nicht schnell

genug los werden kann, eine Probe nach der andern. Immer stimmt die Sache. Das System bewährt sich tadellos. Nur in Monaco funktioniert es plötzlich nicht mehr. Weiß der Teufel, welch ab­scheuliche Lücke da in den wundervollen Berechnungen übersehen worden ist. Notabene: wenn der ingenieuje Erfinder überhaupt bis Monaco kommt und es nicht vorzieht, die blanken Goldfüchse anderer Leute anderswo reell zu verzehren. Eigentümlich be­rührte in diesen Wochen die gerichtliche Freisprechung eines solchen Spielbanksprengers, weil man ihm nicht nachweisen konnte, daß er von der Güte seines Systems nicht felsenfest überzeugt ge­wesen wäre. In denselben Tagen verurteilte man eine Almosen- empfängerin zu 2 Monaten Gefängnis, weil sie es in 14 Jahren fertig gebracht hatte, von der ihr zuteil gewordenen Armenunter­stützung ein Sümmchen zu ersparen, das in seiner Höhe (1400 Mark) für den Augenblick verblüffen machte. Da es aber auf den Tag verrechnet noch keine 25 Pfg. macht, die auch eine arme Frau noch ausgeben kann, ohne gottloser Verschwendung bezichtigt werden zu müssen, da sie ferner von ihren fünf Kindern noch ein minderjähriges kränkelnd daheim hat und durch einen Hausier­handel versucht, ihre wahrscheinlich nicht glänzende Sage zu ver­bessern, so erschien der Antrag des Staatsanwalts auf 4 Monate Gefängnis und zweijährigen Ehrverlust wahrlich nicht gerade gnädig, und auch die vom Gericht erkannten zwei Monate noch hart genug. Jedenfalls kommt man, wenn man denn schon von anderer Leute Geld leben will in dieser besten aller Welten, mit den totsicheren Sprengsystemen der Bank von Monaco weiter/ vorausgesetzt allerdings, daß man den festen Glauben an feine Leimruten hat. A. R.

Ittücher in Kießen.

Nach der Völkerschlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1813 folgte Blücher der retirierenden Armee Napoleons. Bei Fulda hatte der alte Feldmarschall die Spur der in Eilmärschen ziehenden fran­zösischen Armee verloren, die ihren Weg durch das Kinzigtal nach Hanau nahm. Blücher mutmaßte und er wurde darin auch noch durch die oberste Heeresleitung bestärkt, Napoleon habe die Rückzugslinie über den Vogelsberg nach dem Lahntale in Aussicht genommen. Infolge dieses Irrtums erfolgte der Marsch der Ver­bündeten in dieser Richtung über Gießen. Blücher logierte damals im HotelEinhorn". Wann dieses gewesen, ist aus der Liste der Ans- und Einpassierten in der Stadt" nicht zu ersehen. Ver­mutlich weilte Blücher am 4. und 5. November in hiesiger Stadt, wie sich aus nachstehender Bekanntmachung des Professors und derzeitigen Rektors Dr. Cämmerer schließen läßt. Der Rektor machtauf ausdrücklichen Auftrag Sr. Exzellenz des Königlich Preußischen Feldmarschalls Freyherrn von Blücher" unter 5. No­vember 1813 öffentlich bekannt:

1. Daß Se. Excellenz der hiesigen Universität nicht nur den Schutz von Seiten der hohen Alliirten im allgemeinen, sondern auch im besonderen Ihre eigene kräftige Unterstützung in vorkommen­den Fällen auf das humanste und liberalste zuzusichern die Gnade hatten; . t t

2. daß die Vorlesungen nunmehr nrcht den 8., sondern den 15. dieses Monats um so gewisser ihren Anfang nehmen werden, da bis dahin der Durchmarsch der alliirten Armeen durch hiesige Gegend beendet seyu werden, und Se. Excellenz der Herr Fcld- marfchall als Beweis Ihres hohen Schutzes für die hiesige Stadt die möglichste Schonung in Rücksicht der Einquartierung zu ver­sprechen die Gnade hatten."

Dieser öffentlichen Bekannttnachung vom 5. November ging eine Unterredung am Tage zuvor mit Blücher voraus, in der der Rektor für Universität und Stadt um schonende Behandlung seitens der Alliierten bat. Diese Bitte war nötig, da weder in Gießen noch im Hauptquartier Blüchers der Abschluß des Vertrags von Dörnig­heim vom 2. November bekannt war, demzufolge sich der Grotz- herzog von Hessen an die Verbündeten anschloß, zumal die Ver­handlungen geheim geführt wurden. Hatte doch noch am 4. No­vember zu Mannheim, wohin Großherzog Ludwig I. gefluchtet war, der französifche Gesandte Vaudeuil vom Großherzog eine bestimmte Erklärung verlangt, welcher Partei er sich in Zukunft anschtteßcn

Zn Ehren Blüchers fand damals ein Festmahl statt, bei bem der Kommandarft Nagel auf den greifen Feldmarschall einen Toast ausbrachte, der mit den Worten schloß:Gut deutsch oder an den Galgen." e

Kaufmännisches Deutsch.

Der Zweigverein Elberfeld des Allgemeinen Deutschen Sprach­vereins hat int vorigen Jahre ein Rundschreibenan die deutsch- gesinnte Haudelswelt" versandt, in dem ein Kaufmann den un­schönen Gebrauch überflüssiger Fremdwörter tm Geschäftsverkehr geißelt und beweist, wie leicht es ist, bei einigem guten Willen auch in diesem reines Deutsch zu schreiben. Er sagt:Ich beehre mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich in Zukunft auf <s6re gefl. Offerten verzichte, auch brauchen Sie mir keine Reise-Avise Mit dem Ersuchen um Reservierung meiner Ordres zu senden. Ihre Angebote und Anstellungen und deutsch abgefaßte Besuchsanzeigen nehme ich dagegen gern in Empfang und halte meine Aufträge für Sie bereit. Zirkulare, Memoranda, Preiskourante, Kataloge und ähnliche fremdsprachige Dinge wandern ungelesen in den