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starb mit.
(Fortsetzung folgt.)
Liebe — der große Wunsch. Und die Wunschlosigkeit = die nenne ich eben Freundschaft."
Sie zuckte zusammen, erwiderte aber nichts. Unwillkürlich war sie wieder stehen geblieben, ihr Arm hatte sich dem seinen entzogen. Zupitza sah es ihrem nach innen gerichteten Blick an, wie es in ihr arbeitete.
Nach wenigen Schritten waren sie im Dors angelangt. Tie Post stand schon zur Abfahrt bereit auf der Straße/ dem „Löwen" gegenüber, wo der Posthalter wohnte. Sie verabschiedete sich ohne Uebergang von ihm. Daß er sie nach Sakuthen zurückbegleitete, wollte sie jetzt durchaus nicht mehr dulden.
„Also sind Sie mir böse?" fragte er.
„O nein, das nicht. Aber ich kann mich so schnell nicht vol all dem freimachen, was Sie mir da gesagt haben. Es hat mich ganz und gar aufgewühlt."
Er hielt ihre nassen und kalten, etwas zitternden Haude fest. „Das ist eg ja eben, Frau Franze, was mich so kümmert- Sie sind zu grüblerisch geworden. Sie entfernen sich mehr und mehr von der Welt, darunter leidet Ihr Körper, leiden Herz und Geist. Es ist ein wahrer Jammer- Ja, und drum bin ich jetzt fest entschlossen: ich hole Sie mrt Gewalt aus der Krankenstube heraus!"
Sie sah ihm betroffen ins. Auge. „Ich denke. Sie gönnen dem Aermsten doch das bißchen Licht, das to.) ihm noch bringen kann?" , ,zz , ,,,
„Gewiß gönne ich es ihm. Aber Sce sollen sich nicht selbst hinopfern. Denn die Werte sind jetzt ungleich geworden." t ,,
„Ach, Doktor", sagte sie, tief ausatmend, „ich glaubte. Sie würden mir helfen; statt dessen erschweren Sie mw meine Aufgabe noch." „
„Weil mir Ihr Einsatz zu hoch vorkommt, Frau Franze/
Sie schüttelte unwillig den Kopf. IN ihren großen! Augen standen die Tränen. „Das sollen Sie nicht sagen- Es steht Menschenleben gegen Menschenleben." Tiefe, stille Trauer lag über ihr, als sie sich von ihm trennte.
Es kam ihn hart an, den Rückweg allein machten zu TttÜjfett
Seine Wahrheiten hatten ihr bitterlich wehe getan, hatten sie erschreckt. , ,
Wer er meinte es doch gut mit ihr, ja er wollte ihr helfen. Das vor allem andern sollte und mußte sie ihm glauben. Denn sie war ihn: so lieb und wert geworden, wie niemals je zuvor ein Mensch.
Allein das durfte er ihr ja erst recht nicht sagen/ das am allerwenigsten!
Von neiiem schüttete es herunter, blies ihm der Wind vom Haff her den Regen ums Ohr. Es fröstelte ihn-Er setzte sich in einen gelinden Trab. Triefend hielt er plötzlich inne: unwillkürlich war er wieder nach. Sakuthen geraten.
Es brannte nur wenig Licht im Hause. Dem Kranken ging es feit mehreren Tagen herzlich schlecht. Er war lichtscheu, sogar gegen Sprechen empfindlich.
Indem er sich die junge, schöne, blühende Frau Franze vorstellte, ward es ihm ganz traurig ums Herz. Und eine unbezwingliche Sehnsucht erfüllte ihn.
Noch strömte so viel Licht nnb Wärme von ihr aus, daß es zuweilen schien, als müsse es auch den Sterbenden wieder zum Leben erwecken. , v , , «
Aber es war nur eine Täuschung, em letztes Aufzucken, ein letztes Ausslammen inmitten einer Gnadenfrist, ams Schicksal ging schweren, ehernen Schrittes seinen Gang. Und es begnügte sich nicht mit dem einen Totenopfer. Denn sie selbst, die Junge, Blühende, Gesunde — sie
Plaudereien aus der Kaiserstadt«
(Nachdruck verboten.)
Auch eine Streikfolge. — Spritzkuchen? — Rennwette». — Spiel- banksysteme. — Der straflose Rentier und die verurteilte Witwe.
Das war ein Leben, während die Bäcker fit elften! Wirklich, ganz anders erschien ihnen die Welt! Sie, die sonst gewöhnt waren, mit den Hühnern ins Bett zu gehen, weil bald nach Mitternacht ihr Tagewerk beginnt, damit die Berliner Herrschaften ihre Schrippen und Knippelchen früh genug aus den Frühstückstisch erhalten, sie konnten jetzt einmal bis in die mißfartige Berliner Morgendämmerung hinein kneipen, die Nachtschmetterlinge des Asphalts umh«. schwirren sehen; zuschauen. wie die Litfaßsäulen neu plakatiert
„Das weiß ich auch, schon; sie spielen Schach."
„Ja, plötzlich bekam er Lust dazu. Es war ihm immer unerträglich, die Einsamkeit, wenn ich mal fortmußte. Da hat er solang nun seine Zerstreuung."
„Ihre Gesundheit ist aber wichtiger, Frau Lotz."
„Nein, nein, das sollen Sie nicht sagen."
„Doch, Frau Lotz. Er hat bestenfalls noch ein paar Jahre; Sie haben ein ganzes Leben vor sich."
„Ein ganzes Leben." Sie blieb aufseufzend stehen. „Ach, lieber Freund, was fiir ein Leben. Dann bin ich selbst mürbe. Nein, nein, nein, auf mich kommt's gar nicht an, gar nicht." c
Der Wind schüttelte ihnen plötzlich eine Ladung Regen ins Gesicht. Franze drehte sich zusammenschauernd sofort um und zog die Schultern hoch, So standen sie eine Weile wartend, bis die Bö vorüber war.
Als sie den Weg dann wieder ausnehmen konnten, hängte Zupitza vertraulich bei ihr ein und zog sie, tapfer ausschreitend, mit sich fort. Ein ehrlicher Groll drängte sich ihm vom Herzen herauf. „Sie wissen, wie ich mit Dieter stehe. Ich hab' ihn gern, er tut mir leid, und idj; halte ihn für einen klugen Menschen, eine tiefe Natur; es liegt ost auch etwas Rührendes in seiner Geduld, seinem kindlichen Vertrauen. Aber es ärgert mich ebenso oft, zu sehen, daß er all Ihre Opfer so ganz als selbstverständlich hinnimmt." p ,, <_
„Das darf er Uud soll er. Demi diese Opfer sind selbstverständlich. Das ist eben meine Auffassung von der ehelichen Treue. Die hat doch eigentlich nur Gelegenheit, in den schlechten Tagen sich zu erproben. Ach, Doktor, Sie können das nicht begreifen." Sie blieb plötzlich stehen und ließ die Arme sinken. „Oder vielleicht doch. Nehmen wir einmal den umgekehrten Fall an. Eine Frau ist siech, hinfällig, durch ein schweres Leiden zum sicheren Tod verurteilt. Ja, glauben Sie nicht, daß da auch ein Mann so viel Herz, so viel Gewissen besitzen würde. . . . Warum sehen Sie mich so seltsam an, Doktor?" unterbrach sie sich.
„Sie sind eine Schwärmerin, Frau Franze."
„Eine Schwärmerin?"
„Ja, Sie haben sich in Ihrer Einsamkeit eine besondere Welt zurechtgemacht. Eine schöne, eine ideale Welt. Aber sie hat eben keine Erde, sie schwebt in der Luft. Ihre Welt rechnet nicht mit Leidenschaften."
„Doch/ lieber Freund."
„Mit allen Leidenschaften?"
„Mit allen. Sie ringt mit ihnen vielleicht qualvoller als Sie sich's vorstellen — und bezwingt sie."
Wie im Zorn blitzten ihn chre großen Augen an. Sie wirkten im Schein der wenigen Lichter, die von Gill her leuchteten, dunkel, fast schwarz.
Es hatte zu regnen aufgehört. Große Lachen nahmen mitunter die ganze Breite des Weges ein. Manchmal war ein richtiges Durchwaten nötig.' Er hängte wieder bei ihr ein, um sie zu führen.
„Kommen Sie, Frau Fränze. Wir sind unversehens ins Philosophieren geraten. Das macht sich bei der Nässe aber verflucht mangelhaft, finde ich."
„Bleiben wir doch bei dem bestimmten Beispiel von vorhin. Warum wollen Sie mir ausweichen? — Wenn Dieter gesund wäre und wenn ich statt seiner läge — meinen Sie denn wirklich, er würde mir nicht ebenso sein Leben widmen wie ich?"
Es klang fast etwas wie Angst aus ihrer Frage.
„Liebste Freundin, ich! will es ja nicht bezweifeln, aber Garantie — die übernehme ich in diesem Fall für keinen Mann, für keinen."
„Das ist schlecht von ihnen."
Sie wollte ungeduldig ihren Arm freimachen, aber er ließ ihn nicht los. c ,
„Nein, es ist nur ehrliche Frau Fränze. Und ehrlich soll ich doch sein, was? Nun also. Bleiben Sie schon ruhig bei mir. Ich sage nichts, als was das Leben mich gelehrt hat. Als Arzt sieht man eben — leider — mehr denn als Laie. Wer warum quälen Sie sich damit?"
„Und wenn das Unglück Sie selbst an solch ein armes ßcfcfjclt We?"
Er mußte lächeln über ihren plötzlich so hartnäckigen Eifer. Nach kurz« Pause erwiderte er: „Ja, liebste Frau Fränze, ich persönlich! kann Mir die große, unendliche Liebe nicht vorstellen, die dazu gehört. >— Was verstehen Sie unter Liebe, Frau Fränze? Für Mich ist und bleibt die


