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(Nachdruck verboten.)
Irühtingsftürme.
Roman von Paul Oskar Höcker.
(Fortsetzung.)
Fünftes Kapitel.
Von nun an besuchte er sie öfters des Abends.
Manchmal stellte sich, Pratje, der Notar, aus Sakuthen ein, auch Behrs ließen sich, sehen, die ihre heiratsfähigen Töchter mitbrachten. Den junkerlichen Gamering traf er gelegentlich gleichfalls dort. Der nüchterne Alltagston der Fremden paßte aber nicht recht in die eigenartige Harmonie. Er merkte mohl, daß Frau Franze, so gewinnend sie die Hausfrau gegen ihre Gäste spielte, die Störung gleich ihm jedesmal empfand und heimlich, bedauerte. Zuweilen sagte es ihm sogar ein flüchtiger Blick des Einverständnisses, den sie mit ihm tauschte.
Tas wechselnde Befinden des Kranken, die sich, immer häufiger meldenden absonderlichen Störungen, unter denen fein Nervensystem litt, namentlich die ihn beängstigende Trübung seiner Sehkraft, machten ein Zusammensein in der Form des ersten Abends nicht immer möglich.. Lotz vertrug häufig das Licht nicht. Als es kälter ward, saß man am Kamin in seinem Zimmer zusammen, das nur durch eine verdunkelte Schleierlampe zur Not erhellt werden durfte, und trieb gemeinsame Lektüre. Große Holzscheite sandten ihre züngelnden Flammen empor, aus den Vorlegekörben warfen sie int Gespräch dann und wann neue Stücke in die Glut, zuweilen auch nur Tannenzapfen, die sofort prasselnd vom Feuer verzehrt wurden. Ter Widerschein der Glut galt dem behaglichen Raum ein gedämpftes Licht und bemalte die Gesichter der Gruppe.
Zupitza hatte seinen Cellokasten nach. Sakuthen schaffen lasfen müssen. Aber zum Musizieren kamen sie nur selten: den Kranken erregte das Spiel. Erlaubten es seine Nerven aber, dann bildeten solche Stunden Lichtpunkte für sie alle drei.
„Es ist, als träte die Gesundheit selbst mit ihm ins Haus!" sagte Dieter.
Frau Fränze empfand die Macht der Suggestion, die Zupitza auf den Kranken ausübte, an sich selber; manchmal konnte sie's auf ganze Abende völlig vergessen, daß all die Beschwichtigungs- und Trostversuche, mit denen, ihr Gatte immer wieder hingehalten wurde, nur Vorspiegelungen waren. Es war wie ein neues Aufleben.
Mit ihrem Gesundheitszustand war Zupitza aber durchaus nicht zufrieden. Er machte ihr mehrmals ernste Vorhaltungen: sie müsse sich mehr Bewegung in der ftischen Luft, ttt der Sonne gönnen. Gelegentlich führte er dann auch mit ihrem Gatten eine Aussprache über sie herbei, , / Mer da machte er eine seltsame Wahrnehmung.
So innig Lotz seine Frau liebte: von einem gewissen
Egoismus war er nicht fteizusprechen. Die lange Dauer seines Leidens hatte ihn mehr und mehr den Interessen seiner Umgebung entfremdet. Zupitza verdroß das fast: die zarteste Rücksicht auf Dieter, auf seine Bequemlichkeit ja sogar aus manche Schrulle von ihm, das und nichts anderes gab hier im Hause den Ausschlag, und der Kranke; hätte es womöglich wie einen Eingriff in seine Vorrechte; empfunden, wenn man von ihm mehr Rücksicht auf die Gesunden gefordert hätte.
Einmal traf er Frau Fränze abends auf dem Wege von Sakuten nach Gill. Es war recht garstiges, naßkaltes Wetter. Sie steckte in Galoschen und einem Raglan, trug einen fußsreien Rock und wanderte, die Hände in den Taschen, den Kopf gegen den scharfen Wind gesenkt, der ihr den Regen ins Gesicht trieb, resolut vorwärts.
„Natürlich ohne Schirm!" stellte er fest.
Sie lachte umd wies darauf hin, daß er den Schutz gegen den Regen ja gleichfalls verschmähte.
„Ja, ich, ein Gesundheitsprotz", erwiderte er, erheitert voit ihrem fast übermütigen Trauflosgehen, „bei mir gehört die Abhärtung zum Beruf."
Er war im Begriff nach dein Schmalschen Werk zu gehen, wo er dem verunglückten Pförtner einen Verband zur Nacht erneuern sollte; da das indessen noch, reichlich Zeit hatte, kehrte er mit ihr um und begleitete sie noch ein Stück Wegs.
„Tann sehen wir Sie doch hernach bei uns aus Sakuthen ?" ftagte sie sofort.
Er lehnte ab, da er erst den Abend zuvor bei ihnen gewesen war. Wie es unausbleiblich, gewesen, waren sein« häufigen Besuche auf Sakuthen schon wiederholt lebhaft am Stammtisch; erörtert worden. Und zwar nicht ohne das übliche pikante Schmunzeln. Er wollte dem sich leise' regenden Klatsch, keine Nahrung geben.
Längst hatte sich, zwischen ihnen ein kameradschaftlicher! Ton herausgebildet.
„Ich habe inir aber fest vorgenommen, Frau Lotz, Ihnen! nun endlich einmal tüchtig die Leviten zu lesen", kündigte er ihr an.
„Erbarmen Sie sich,!" lachte sie. „Was hab' ich denn; verbrochen?"
„Ten Abendmarfch heute unternehmen Sie nicht aus Gesundheitsrücksichten. Ich weiß alles, Frau Lotz. Tirsell hat mir gestern gebeichtet. Tas Wagenpferd lahmt. Und Sie bringen jetzt bloß noch die Post nach Gill."
„Man muß das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden", gab sie lächelnd zurück.
„Das Angenehme ist der Dauerlauf in Nachtluft, Kalte und Regen. Und das Nützlich^?"
„Gott, liebster Herr Doktor, das sind jetzt meist wichtige Geschäftssachen, die man den Leuten nicht anvertrauen! will. Bei der wunderbaren litauischen Sorglosigkeit hiert Früher machte sich Stojentin immer noch abends auf de«! Weg, aber mein Mann braucht ihn gegenwärtig."


