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überhaupt plötzlich reizend — geradezu reizend! Ein Bild melancholischer Anmut. Ich hätte sie umarmen mögen.
„Jetzt darf ich Ihnen ja wohl auch danken?"
„Wofür?"
„Für die ,Kameliendame'."
„Wollen auch Sie mir Komplimente sagen?"
„Ich möchte Ihnen danken, weil Sie mir gezeigt haben, wie ich einmal sterben werde. Sie müssen nämlich wissen, daß ich die Schwindsucht haben soll. Seitdem ich Sie sterben sah, fürchte ich mich gar nicht mehr vor dem Tod."
„Aber Sie sind ja charmant!"
„Ich glaubte bis jetzt immer, der Tod wäre etwas sehr Häßliches. Ich habe mir indessen vorgenommen, so schön zu sterben, wie Sie als ,Kameliendame' sterben."
„Dann müßten Sie lieben und durch Ihre Liebe zu Grunde gehen. Schön sterben wir Frauen nur dann, wenn wir als Liebende sterben."
„Als unglücklich Liebende natürlich?"
„Was wollen Sie? Wir Frauen lieben immer nur unglücklich."
„Ich will es mir überlegen . . . Sie sollen ja selbst sehr krank sein?"
„Kränker als das Publikum glaubt. Ich werde einmal sicher auf der Bühne sterben. Und das Publikum wird mir applaudieren, weil ich es so natürlich tat."
Sie wurde immer reizender. Ich fand sie einfach entzückend.
„Wenn ich es vorher wüßte, würde ich mir eine Loge nehmen. Was für einen Kranz wünschen Sie sich von mir: weiße oder gelbe Rosen?"
„Ums Himmels willen nur keine Blumen! Ich werfe sogleich alle Blumen fort. Ten Lorbeer hasse ich geradezu. Es gibt kein gemeineres Laubwerk. Dornenkränze sollte man mir werfen."
„Ich mache Ihnen eine Liebeserklärung! Wissen Sie was? Sie sollten mich in Frascati besuchen."
„Ich muß Komödie spielen, Geld verdienen. Ich muß sehr viel Komödie, spielen; denn ich muß sehr viel Geld verdienen."
„Sie lieben also wirklich das Geld?"
„Ich brauche es."
„Geld ist so häßlich. Ihre Toiletten müssen allerdings geradezu ein Vermögen kosten."
„Ich bin zu müde, mich anzuziehen. Ich bin überhaupt so müde, so müde."
„Man kann das werden . . . Sie wollen mich also nicht besuchen?"
„Nein. Sie sind mir eine zu große Dame."
„Schade! Wir hätten zusammen in die Villa Falconieri eindringen können."
„Damit Sie den armen Toten aufwecken?"
„Es ist ja ein alter, fetter Mann."
Sie lächelte. Ta umarmte ich sie! Ganz einfach umarmte ich sie. Ich mußte sie umarmen; denn sie war zu reizend, als sie lächelte. Dabei sah sie müde aus, „so müde".
Mit der Mieue einer gelangweilten Königin ließ sie's geschahen, daß ich ihr huldigte.
(Fortsetzung folgt.)
Zur Iarmstädter Wergiftungsaffäre.
Tr. P. Meißner schreibt im „Tag":
Tie tragischen, einer Katastrophe ähnlichen Ereignisse in der Alicen-Kochschule zu Darmstadt sind bei oberflächlicher Kenntnis und Beurteilung wohl geeignet, die schwerste Besorgnis und Beunruhigung in die Bevölkerung zu tragen, und daher erscheint es angebracht, aus das Wesen derartiger Vergiftungsfälle etwas näher einzugehen und aus den bisher bekannten Tatsachen das Glaubhafte herauszuschälen und damit von vornherein allen ängstlichen Phantasien vorzubeugen. Der Tatbestand, wie er nach den bisherigen Nachrichten vorzuliegen scheint, ist folgender: In der Alicen-Kochschule zu Darmstadt speisen und lassen sich speisen täglich eine Reihe von Menschen, An jenem bewußten Tage waren es an der Zahl 52, welche ihre Speisen aus der Küche der Altcen-Köchschnle empfingen. Wie es bei derartigen Kochschulen zu sein pflegt, so war auch hier das Prinzip der größten Sparsamkeit maßgebend, und es wurden daher gewisse Zubereitungen wohl auch zu Lehrzwecken in der Kochschjule selbst vorgenommen. Hierher ge
hörte auch das Einmachen von Gemüsen in Gestalt von Büchsenkonserven. So waren wohl im Sommer des verflossenen Jahres auch Bohnen als Büchsenkonserven unter Leitung der Vorsteherin oder von dieser selbst eingemacht. An jenem Unglückstage nun sollte dem täglichen Menii auch Bohnensalat hinzugefügt werden, und es kamen dafür selbstverständlich in der Winterzeit die konservierten Bohnen in Frage. Beim Oeffnen der Konservenbüchsen nun fiel es bereits einer Kochschülerin auf, daß die eine Büchse ein sehr eigentümliches Aussehen ihres Inhaltes und einen heftigen Geruch hatte. Trotz des warnenden Einspruches der Kochschülerin äußerte sich die Vorsteherin, so wird berichtet, daß das nichts zu sagen habe, die Bohnen seien brauchbar. Und so wurde denn dieses Gemüse den übrigen in keiner Weise durch Geruch oder Aussehen auffallenden Bohnen anderer Büchsen zugemischt und aus diesen der Salat bereitet. Um die Richtigkeit ihrer Auffassung zu beweisen, aß die Vorsteherin eine ganz besonders große Portion dieses Salates und starb als eines der ersten Opfer. Im ganzen haben von diesem Salat 52 Menschen erhalten. 26 von ihnen haben den Genuß wegen des schlechten Aussehens und Geruches vermieden, 26 andere haben davon! gegessen, und von diesen sind bisher 16 erkrankt und neun gestorben. Dieser traurige Tatbestand sagt uns zunächst folgendes: Es kann sich bei der Vergiftung lediglich um ein Gift gehandelt haben, welches in der Büchse mit den sogenannten verdorbenen Bohnen enthalten war. Wenn wir uns nun überlegen, in welcher Weise grünes Büchsengemüse in einer Konservenbüchse verdirbt, so kann zweierlei eintreten: Tie Verlötung oder der Verschluß der Büchse kann so ungenügend sein, daß Schimmelpilze in dieser wuchern, oder aber die Bohnen können von dem Metall der Büchse etwas aufnehmen und so als metallisches Gift auf den Organismus wirken. Es wäre nun höchst auffallend, wenn unter den zahlreichen Büchsen selbsteingemachter Bohnen gerade diese eine Aufnahme von Metall in das Gemüse möglich gemacht hätte. Auf der anderen Seite würde selbst ein erheblicher Gehalt an Blei oder Zinn keinesfalls einen üblen Geruch bewirkt habeu können. Gemüse oder sonstige Konserven, welche infolge ihres Säuregehaltes vom Metall der Büchse Teile aufnehmen, können vielleicht an äußerem Aussehen verlieren, werden aber niemals deswegen schlecht oder gar übel riechen. Wenn man nun auf der anderen Seite den Verlauf der Erkrankung ins Auge faßt, so muß man sagen, daß er ein ganz eigentümlicher ist, und zwar deswegen, weil der Tod nicht Bet allen in der gleichen Zeit eingetreten ist, sondern in recht langsamen! Verlauf der Erkrankung das Ende bildete, d. h. einige der Opfer starben schnell, andere mehrere Tage, wieder andere beinahe acht Tage später. Tiefe Form der Vergiftung läßt für jeden Arzt schon den Verdacht auskommen, daß es sich hier um eine Vergiftung mit einem Alkaloid handelt resp. mit einem sogenannten Piomain. Ueber die Natur dieser Körper wird sich nachher noch Gelegenheit finden, einiges zu sagen; jetzt sei nur hervorgehoben, daß diese Piomaine piemals aus Pflanzen, in diesem Fall Gemüsen, entstehen, sondern immer das Vorhandensein von Fleisch in irgeno welcher Form voraussetzen. Und so erscheint die Vermutung nicht unberechtigt, daß sich in der fraglichen Konservenbüchse außer dem Gemüse auch Fleisch befunden habe oder wenigstens doch Fleischreste, welche in die Büchse nicht hineingehörten. Wie ist das möglich? Tas neueste Telegramm aus Darmstadt ist geeignet, hierüber Auskunft zu geben. Dieses besagt nämlich, daß die betreffende Büchse aus Metall bestand und mit einem Teckel verschlossen wurde unter Zwischenlegung eines Gummiringes und nachheriger Verlötung des den Teckel haltenden Bügels. Aus dteser Mitteilung können wir mit ziemlicher Sicherheit den Schluß ziehen, daß diese Büchse eine von denen war, welche für wiederholten Gebrauch bestimmt sind. Man kann also annehmen, daß die Biichse vor ihrer Verwendung für Bohnen anderen Zwecken gedient hat. Natürlich ist es dann naheliegend anzunehme:., daß sich darin vielleicht von früherer Verwendung her Fleischreste befunden haben. Tiefe Fleischreste nun sind unter Einwirkung von Spaltpilzen zersetzt worden, und dadurch ist das Gift entstanden, dem die unglücklichen Opfer anheimfielen. So scheint sich vorläufig der Tatbestand zu ergeben, soweit Nachrichten vorliegen. Etwas Sicheres wird man erst nach Abschluß der von Herrn Geheimrat G a f f k y in Gießen vorgenommenen Untersuchung sagen können


