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Ist keine Komödiantin. Und das — gerade das ist ihr Genie!
Sie war jedoch entschieden geärgert, und das — gerade das freute mich!
Mit einer wunderoolten Geberde der Langeweile, der Erschöpfung und des Ueberdrusses meinte sie:
„Diese Leute verstehen nur, was sie selbst sind. Eher könnte dem Volke Kaviar schmecken, als daß diese Leute begriffen, was Kunst ist. Da quälen sie mich ewig mit ihren gedankenlosen Fragen: „Nicht wahr, es ist furchtbar schwer, so .natürlich zu spielen wie Sie? . . ." Solcher Unsinn! Es ist gar nicht schwer. Nichts ist leichter. Es wird zum Beispiel „Odette" gegeben. Ich stelle die Odette dar. Nun gut! Ich ziehe mich an, gehe'auf die Bühne und — bin eben Odette. Es ist ganz selbstverständlich, daß ich dann Odette bin. Ich kann mir, bin ich diese Frau, unmöglich vvrstellen, daß ich einmal die „Kameliendame" oder „Feodora" oder „Nora" gewesen bin, daß ich jemals etwas anderes sein werde als „Odette" . . . Und dann machen die Leute solches Geschrei davon. Es degoutiert mich."
Ich dachte: ,Aha, meine Liebe! So bist Du also? Jetzt sprichst Du selber von Dir. Ich tat es nicht, meine Liebe. Ich mache kein Geschrei davon, obgleich ich auch zu „diesen Leuten" gehöre.'
„Man merkt Ihnen an, daß bei Ihrem Spiel absolut keine Kunst ist", meinte ich, genau so gleichgiltig, wie wenn ich meinen Fächer hinlege."
Sie wurde immer gereizter, nervöser, geärgerter.
„Ich hasse das Komödienspielen. Schon als ganz kleines Kind haßte ich es; denn schon als ganz kleines Kind mußte ich spielen. Es war mir widerwärtig. Ich zeigte. es dem Publikum so deutlich wie möglich spielte so gleichgiltig wie möglich — geradezu unverschämt gleich- giltig. Das Publikum hätte mich von Rechts wegen auszischen müssen. Es zischte mich nicht aus, sondern ließ sich meine Unverschämtheit gefallen. Das war aber auch alles; denn keinem Publikum fiel es ein, viel Wesens von mir zu machen oder mich gar für ein Unikum zu halten . . . Ich spieltS in der Truppe meiner Eltern, die aus dem Komödienspielen ein Handwerk machten — schon seit Generationen. In meiner Familie muhte die Kunst schon seit Generationen nach Brot gehen. Dadurch wurde sie mir nur um so widerwärtiger.
„Natürlich! Ta die echte Künstlerin lediglich der Kunst wegen da ist", sagte ich mit einem kleinen Lächeln, welches entzückend infam war.
„Ich spielte damals Theater, weil ich in Gottes Namen Theater spielen mußte; und jetzt spiele ich —"
„Um den Ruhm?"
„Nein! Um das Geld. So wird man schließlich — wenn man mit dem Ruhm nichts anzufangen weiß, wenn der Ruhm einem genau so gleichgiltig ist wie alles im Leben."
„Wie wurden Sie eigentlich so weltberühmt? Jetzt darf ich Sie ja wohl danach fragen!"
„Wie ich berühmt wurde? Durch eine Brutalität des Publikums."
„Wirklich?"
„Kein Mensch kümmerte sich um mich. Ich spielte, spielte, spielte. Wir zogen von einer kleinen Stadt zur anderen. In jeder Stadt spielte ich, in jeder Stadt wurde ich geduldet, bisweilen so obenhin beklatscht, und — das war alles! Durch einen Zufall kam ich zu einer anderen größeren Truppe. Wir zogen von Stadt zu Stadt, ich spielte, spielte, spielte. Auch in den größeren Städten mochte kein Puflikum mich leiden; aber jedes Publikum nahm mich so hin. Wir kamen nach Rom und spielten im Balletheater. Ich war noch nicht aufgetreten. Zugleich spielte ich in Nom die M....., eine der größten Künstlerinnen, die Italien
jemals gehabt hat. lieber ein Menschenalter hatten ihre lieben Landsleute ihr zugejauchzt, sie auf Händen getragen, Ete einen „Stern" Italiens genannt. Aber die Frau war mrüber alt geworden; und ihre lieben Landsleute mochten die alte Frau auf der Bühne nicht mehr sehen — da sie noch immer die „Kameliendame" und die „Feodora" spielte. In Rom wurde ihr Fall geplant, vorbereitet und ausgeführt. Tie erste beste Debütantin sollte auf den Schild gehoben werden, damit die alte Künstlerin von ihrem Thron herabgestürzt würde. Tiefe erste beste junge Debütantin für die Römer war zufällig ich/'
„Und?"
„Und man bejubelte mich . . . Man bejubelte die erste beste junge Debütantin so toll; man schwieg die alte große Künstlerin so tot, daß ich berühmt wurde und sie vergessen ward."
„Sie müssen aber doch genial gespielt haben! Jetzt darf ich's Ihnen ja wohl sagen."
„Genial, genial! Ich spielte nicht anders, als ich immer gespielt hatte. Ich spielte, wie ich meiner Natur nach spielen mußte. Bis dahin hatte sich keine Seele um mein natürliches Spiel gekümmert. Und jetzt plötzlich diese Römer! Sie taten, als wäre im Balletheater die Schauspielkunst vom Himmel herab auf die Bühne gefallen. Ich .verstand gar nicht, was sie mit ihrem Rasen eigentlich meinten. Ich hatte meine Rolle wie immer leidlich gut auswendig gelernt und nach meiner Art abgespielt. Das war alles."
„In welchem Draina debütierten Sie damals in Rom?"
„Jn der „Agrippina" von Cola Campana."
„Von dem Tichter-Grafen?"
„Kennen Sie ihn?"
„Gar nicht. Er ist ein toter Mann."
„Weil er nicht mehr schreibt? Das ist für ihn ein Glück."
„Sie meinen, weil er kein Talent hat?"
„Weil sein Talent einer anderen Zeit angehört: einer vergangenen, überwundenen."
„Glauben Sie nicht, daß er noch einmal wieder lebendig werden könnte?"
„Ich will es ihm nicht wünschten. Ter Tod ist etwas zu Herrliches."
„Auch der geistige Tod?"
„Wenn es nur Tod ist! Es darf freilich kein Scheintod sein."
„Solches Auferstehen ist aber doch rech unangenehm! Tie lieben Angehörigen haben bereits die Anzeigen verschickt, die Kondolenzen empfangen, die Trauer angelegt; und auf einmal wird der gute Mann wieder lebendig."
„Lasen Sie eigentlich etwas von Campana?"
„Kaum. Sie wissen, wie ungebildet wir Damen der großen römischen Welt sind. Für uns besteht die Literatur aus einem halben Dutzend französischer Romane."
„In Deutschland schreibt eine große Dame Komödien, die ich spiele."
„Ach, diese Gräfin — Wie heißt sie doch gleich? Sie soll charmant sein."
„Sie ist eine vornehme Frau."
„Bisweilen verkehren Sie also doch in der vornehmen Welt?"
„Man quält mich so."
„Sie Arme! . . . Haben Sie Campana jemals gesehen ?"
„Nein. Er schrieb mir einmal — eben nach jener ersten Aufführung seiner „Agrippina". Ich bin ihm sogar Dank schuldig."
„Wie liebenswürdig Sie sind!"
„Er tadelte mich weil ich keine Verse sprechen könnte, überhaupt nicht die sogenannte große Tragödie zu spielen verstünde. Er riet mir, nur in Stücken moderner, womöglich hypermoderner Autoren aufzutreten. Er nannte mich eine hypermoderne Frau. Ich war für ihn sozusagen ein Extrakt des ganz neuen modernen Frauengeschlechts."
„Merkwürdig!"
„Das geflügelte Wort über mich: ,die Hroße moderne Nervöse' rührt von ihni her. Er kannte mich gut: besser als ich mich selbst dainals kannte. Allerdings war ich selbst mir schon damals höchst gleichgiltig."
„Tas begreife ich. Trotzdem befolgten Sie Campanas Rat?"
„Meine eigene Natur trieb mich dazu."
„Und Sie hörten nie wieder von ihm?"
„Ich weiß nicht einmal, wo er jetzt lebt."
„In der Villa Falconiert. Er ist in Frascati mein Nachbar."
„Also kennen Sie ihn?"
„Nein. Lebendig Begrabene machen keine Visiten."
„So besuchen doch Sie ihn."
„Er würde mich wahrscheinlich gar nicht empfangen.
Diese Künstler sind bisweilen etwas sonderbar."
„Wir sind halbe Narren."
Eie sagte dies auf das liebenswürdigste. Sie war?


