Ausgabe 
3.2.1904
 
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Miiwoch den 3. Aeöruar

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K «611

(Nachdruck verboten.)

Wssa Jalcsnieri.

Von RichardVoß.

Zweiter Band.

(Fortsetzung.)

Gestern war ich in Rom, um Assunta Neri spielen zu sehen. Sie gab dieKameliendame".

Was ist das nur mit dieser Frau?!

Ihre Kunst hat etwas so Verschleiertes, Geheimnis­volles, Sphinxhaftes. Es ist wie ein Mysterium. Die Kunst der Assunta Neri, die im Grunde genommen gar keine Kunst ist, beunruhigt und erregt mich bis in alle Nerven hinein. Ich muß in Erfahrung bringen, welche Bewandtnis es damit hat; denn es steckt etwas dahinter, etwas, was sich groben Organen verbirgt. Mir ist, als konnte die Kunst der Neri, die -die natürlichste Natur ist, nur eine Frau unvollkommen begreifen? Vielleicht nur eine unglückliche Frau?

Ob ich sie dann Wohl verstehen würde?

Ich will ja aber nicht unglücklich sein!

Wieder war ich in Rom; und denke Dir: ich habe Assunta Neri besucht! Sie empfing mich; aber sie ließ mich antichambrieren. Das gefiel mir von ihr. Wir große Damen, mögen wir gegen die Kunst auch noch so bezaubernd liebens­würdig sein, sind auch den größten Künstlern gegenüber stets protegierend, gnädig, herablassend und unausstehlich hochmütig. Hier ist endlich einmal eine große Künstlerin, die sich herabläßt, gnädig gegen eine große Dame zu sein. Ich hätte die Frau für ihren sublimen Hochmut umarmen mögen.

Also: Ihre wirkliche Hoheit Assunta Neri hatten die Gnade, mich armes Prinzeßlein zu empfangen und zwar in einem höchst einfachen schwarzen Kleid. Ihre Hoheit hatten, trotzdem ich lange warten mußte, nicht einmal Toilette für Mich gemacht.

Die große Tragödin sah sehr elend aus und war gar nicht schön absolut nicht schön! Ihr Teint ist direkt häßlich. Dabei war sie nicht einmal gepudert. Ihr großes dunkles, müdes Auge wirkt im Zimmer fast noch mehr als auf der Bühne, »rnd ihr Mund ist geradezu entzückend melancholisch,

Sie hat Augen, die viel geweint, Lippen, die viel ge­seufzt und geschluchzt haben müssen . . .

Sie war nicht liebenswürdig. Sie war wirklich ganz und gar nicht liebenswürdig! Aber ich dachte:O, das tut nichts. Sei Du nur recht unliebenswürdig. Du wirst gewiß noch anders werden. Ich versichere Dich ,meine große Dame: Du wirst! Denn ich !vill dahinter kommen, weißt ®u; und was ich einmal will"

Wir hatten uns gesetzt. Da sie beharrlich schwieg, so mußte ich schließlich reden. Es fiel mir nicht ein, ihr zu sagen, was man ihr gewiß gewöhnlich faßt. Also nichts von Bewunderung, Entzücken, Ekstase nrcht ein Wort! Das kam ihr denn doch sehr merkwürdig vor. Sie be­trachtete mich mit mattem Erstaunen, und ihr verwunderter Blick schien zu fragen:Was bist denn Du für ein sonder­bares kleines Wesen? Und was willst Du eigentlich bei mir? Wir beide haben nichts mit einander zu schaffen, absolut gar nichts!"

Aber ich wollte sie schon liebenswürdig bekommen; o, ich wollte

Also war ich denn charmant: ganz einfach, durchaus natürlich charmant! Ich plauderte, wie das eben meine Art ist, von Himmel und Hölle, von Menschen und Dingen, von Toiletten und Spitzen, von offenkundigen Skandalen und verschwiegenen Liaisons; kurzum, von allem Möglicher^ und Unmöglichen unter der Sonne ,nur nicht ein Wort von Assunta Neri nicht ein Wort!

Mit unaussprechlicher stummer, duldender Verachtung hörte die große Tragödin mir zu, sagte nicht eine Silbe sagte mit jeder Miene, jedem Blick:Ich höre Dich nur an, weil ich Dich studieren will. Vielleicht kann ich einmal dieses oder jenes von Dir auf der Bühne brauchen wenn es mir der Mühe lohnen sollte. Wer ich glaube schwerlich"

Ich sprach von der großen Welt. Sie erwiderte in einem ganz impertinenten Tone:

Ich weiß nichts von der großen Welt. Sie geht mich nichts an, sie existiert nicht für mich Was sollte ich wohl mit diesen Leuten anfangen? Sie imitieren? Wenn ich eine große Dame vorstelle, so bin ich eben eine große Dame. Ich bilde mir ein, daß ich es vom Kopf bis zu Füßen bin. Aber im Leben ich wüßte nicht einmal, wie ich mit diesen Leuten reden sollte."

Ich, machte mein reizendstes Lächeln und sagte so recht unverschämt nachlässig:

Es ist wirklich! gar nicht so schwer, alles kommt ledig­lich auf eine gewisse große Manier an. Uebrigens können Sie es ganz gut. Man muß nur mit diesen Leuten mit­unter etwas insolent sein."

Jetzt machte sie denn doch große Augen' Ich dachte: Aergere Dich nur, ich bekomme Dich doch."

Dann warf ich hin:

Sie haben sehr recht. Was täten Sie auch mit uns? Wir sind gar so entsetzlich öde. Die reinen Attrappen! Noch dazu Attrappen ohne jeden Inhalt. Eine Frau Ihres Schlages muß uns von ganzem Herzen verachten."

Jetzt fixierte sie mich:

,Höre, Du kleines Wesen! Bist Du etwa auch eine Komödiantin? So eine Salon-Neri! Erspare Dir die Mühe, mit mir kannst Du Dich ja doch nicht messen.'

Tas kann ich auch wahrhaftig nicht. Zwar sind wir große Damen große Komödiantinnen; aber die Assunta Neri