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Grund für diese eigentümliche Vermutung angeoen; ich Hütte sie aber sogleich.

Sie sah mich zu Pferde mitten ini Torweg halten, hob den Kopf ein wenig, unterbrach jedoch weder ihren Gesang, noch verhüllte sie ihre Brust. Sie sah mit einem teilnahmlosen zerstreuten Mick über mich hinweg,und senkte die Augen sofort wieder aus Has Kind.

Geduldig wartete ich, bis der Säugling gestillt und fest eingeschlafen war.

Jetzt verstunimte sie, schloß ohne jede Hast ihr Kleid Und stand auf.

Wie sie mir langsam entgegenschritt, hatte ihre Halt­ung etwas, das mich veranlaßte, sie zu grüßen, als wäre sie eine Dame.

Sie dankte mir kaunr. Ich fragte:

Schläft das Kleine. Hoffentlich störte ich nicht?"

Ich ließ mich nicht stören."

Sie sprach zu meinem Erstaunen besser als gewöhnlich unsere Tamen sprechen, selbst unsere Damen der besten Gesellschaft. Doch sprach sie zu leise und ausdruckslos, gewissermaßen zu apathisch, als daß ich von ihrem Organ einen Eindruck hätte erhalten können.

Aber gerade diese verschleierte Stimme berührte mich seltsam.

Gleichgiltig waren auch ihre Bewegungen, gleichgiltig war die Haltung ihres Kopfes, war der Ausdruck 'ihrer Miene: gleichgiltig darüber, lvas die Menschen von ihr dächten, gleichgiltig gegen die Welt und das ganze Leben.

Doch wie sie jetzt mit der Hand leise, leise über das Gesicht des schlafenden Kindes fuhr und es niit einen: Tuche bedeckte, lag in dieser stillen Bewegung ein ganzer Himmel von Zärtlichkeit.

Und was für wunderbare Angen sie hatte! Jene hellen Ephinxaugen, die mir Italienerweiße Augen" nennen. Cs gibt für diese farblosen und doch so leuchtenden Angen keinen bezeichnenderen Ausdruck.

Ich wandte mein Pferd ins Freie zurück. Sie folgte mir. Als ich sie wieder ansah, flößte mir ihre pracht­volle, aber unbeschreiblich traurige Schönheit, jetzt voll von der Sonne beschienen, fast Schrecken ein. Jetzt erst sah ich auch, wie schlecht gekleidet sie war, nicht gerade ärmlich, doch sehr nachlässige Nur ihr herrliches Haar war gepflegt, und sie hatte die Hände einer Weltdame.

Sie trug einen Ehering.

Ich ließ mein Pferd neben ihr hingehen und begann von neuem ein Gespräcb:

Finde ich hier wohl jemand, der mir die Billa zeigt?"

Sie erwiderte:

Mein Mann ist in der Oliveta Und unsere sämt- lichen Leute sind dort beschäftigt."

Ihr Mann

Absichtlich stockte ich, lvas sie jedoch nicht beachtete.

So mußte ich denn direkt fragen:

Hat Ihr Mann etwas mit dieser schönen Besitzung zu tun?"

Er ist Pächter der Tenuta, die zur Billa Falconieri ge­hört."

So heißt dieses Märchenschloß?"

Es ist hier allerdings einsam."

r Sobald sie etwas lauter sprach hatte ihre Stimme einen tiefen Wohllaut. Aber sie blieb eintönig und schwermütig.

Ich beneide Sie nm diese Einsamkeit!" rief ich aus.

O wirklich?"

Sie sprach wie eine vornehme Dame, die eine ihr vollkommen gleichgiltige Konversation führt und der es ganz einerlei ist, ob die Leute sich bei ihr unterhalten oder nicht.

Befindet sich die Billa auch jetzt noch int Besitz der Falconieri? Verzeihen Sie, wenn ich Sie ausfrage; aber der wundersann; Ort hat es mir jedoch angetan."

Tie Falconieri sind nicht mehr Besitzer. Der letzte Fürst Falcottieri hat die Billa vor einigen Jähren verlassen verlassen müssen."

Ich erinnere mich. Die Falconieri gehören zu den großen römischen Häusers!, die verarmten."

Bollständig, mein Herr. Ter alte Fürst wär in den letztes: Jähren so arm, daß er sich nicht die Ausgabe machen konnte, mit der Bäh« nach Rom zu fahren." Wenn der Fürst ssach Rom mußte, verkaufte er schnell für den ersten besten Preis eine der prachtvollen Pinien über Kastanien,

durch welche die Villa berühmt war. Tie herrlichsten Bäume sind auf diese Art geschlagen worden, uno die alte Fürstin stickte im geheimen für Geld Altardecken und Meßgewänder."

Lie machte mir diese Mitteilung in einer Art, als ob sie ebensogut hätte schweigen können. Aber ich war ihr dankbar, daß sie mir Gelegenheit gab, ihre Stimme zu hören.

Wie schrecklich muß es sein, aus diesem Paradiese als Bettler vertrieben zu werden", rief ich mit ehrlicher Teilnahme aus.

Ich bedauere diese Leute nicht."

Tie schöne Stimme klang plötzlich hart. Sie beugte sich lief auf das schlafende Kind hinab; und ich konnte, als sie die herben Worte sprach, ihr Gesicht nicht sehen.

In möglichst leichtesn Tone fragte ich:

Was taten Ihnen die armen Leute, daß Sie so wenig mitleidig sind?" Fast hätte ich hinzugefugt:nsit solchem Madvnnengesicht!" *

Gelassen erwiderte sie:

Tiefe Leute taten mir nicht das Geringste. Auch biss ich durchaus keine Sozialistin, wie Sie vielleicht meinen. Meinetwegen mögen sie schwelgen und vergeuden, so viel sie wollen und können. Aber es gibt noch größeres Elend auf der Welt, als gezwungen zu sein, einen Palast zu verlassen. Selbst hungern zu müssen ist nicht das Schlimmste."

Was können Sie davon wissen: von noch größeren!. Elend!"

Sie antwortete nicht sogleich. Dann sagte sie ermüdet: Sie haben recht, mein Herr. Ich weiß nichts davon." Tu scheinst sehr viel davon zu Wilsten", dachte ich. rr-

(Fortsetzung folgt.)

LsteVKVsschss.

Von der z. Z. vosi der allgemeinen Verlags'gesrllfchast m. b. H. in München erscheinenden Illustrierten Ge­schichte der deutschen Literatur von Prof. Dr. B. Salzer liegen uns bisher die ersten fünf Lieferungen vor, das ist der vierte Teil dieses groß angelegten schönen und verdienstvollen Werkes, auf dessen hervorragende M- deutung in textlicher und illustrativer Beziehung weitere Kreise aufmerksam werden sollten. Es ist ein Werk, das, so iveit wir übersehen können, viel mehr gibt, als es seinem Titel nach verspricht. Es gibt über das Woher der deutschen Literatur bündigsten Aufschluß, es überhüpft kein einziges der Kultursnomeute, auf bene» sich unsere Natio­nalliteratur aufbaut. Die Ansichten der alten Germanen von der Weltschöpfung, ihre Götterverehrung, ja ihr Rechts­leben und ihre Ehe wird behandelt. Mit wissenschaft­licher Gründlichkeit, trotz kerniger Gedrungenheit, gibt der Verfasser dann Untersuchungen über die Sprache der Ger­manen, und über die Formen der altgermanischen Poesie. Lange hält er sich aus bei den Anfängen der deutschen Dichtung, und erörtert eingehend die germanische Find die hochdeutsche Lautverschiebung. Im Gegensatz zu ähn­lichen Werken wird die Heldendichtung mitsamt der ge­waltigen Ribelungenfage und ihrem Lichtheros Siegfried kürzer behandelt als der Einfluß der christlich-lateini­schen Kultur auf die deutsche Sprache und Literatur. Grade hier bringt der gelehrte Verfasser vieles vor, was leider wenig bekannt ist, und auch die Illustrationen bringen sehr vieles Neue. Die Hosschule in Aachen unter Karl d. Gr. erfährt eingehende Würdigung, ebenso wie der Mainzer Köbanus Maurus. Der alkaldischen Zeit (750 bis 1050) sind die (Folio-)Seiten 43112 gewidmet, und gründlicher noch behandelt der Verfasser die Zeit .der letzten Salier und der ersten Kreuzzüge. Trotz aller Wissenschaftlichkeit aber ist dieses Werk doch ein Volks­buch, wie ihrer wenige geschrieben werden, und wir möchten es in ebenso vielen Händen erblickerr wie etwa Brück- manns geflügelte Worte. Was alles die uns vorliegenden Lieferungen und Mldrrbeilagen enthalterr, und wie diese Abbildungen das geschriebene Wort unterstützen, davon möge man sich selber überzeugen. Hier ist etwas Voll­endetes, etwas MnperHilti-es geschaffen. Und auch auf die folgenden Lieferungen weisen lockend viele dieser 'präch­tigen Beilagen. Wir greifen nur einiges Wenige hiervon