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hochstämmigem Lorbeer dicht umbuscht, ein kleines Käpu- zinerkloster, darin es zur Messe läutete.
Selig die Einfältigen, die in diesen wonnigen Höhen, gleichsam über der Erde schwebend, einer göttlichen Idee dienen durften! Was sollte ich mit meinem Leben beginnen, der ich mich asketisch von allem Lebendigen lostrennen wollte?
Ohne des Weges zu achten, schlenderte ich dahin: an Fragmenten eines halb vergrabenen prächtigen Marmvr- gebälkes, an zertrümmerten antiken Statuen und gestürzten Säulen vorüber. Ein Pfad, so bunt von Blumen, daß er tvie mit Edelsteinen bestreut erglänzte, führte mich hinter das weitläufige Gebäude und durch ein lose in den Angeln hängendes verrostetes Gittertor in einen kleinen quadratischen Garten, den mit schneeweißen Blumenwänden ein Wald von Laurustinus umschloß. Blühender Lorbeer streckte feine goldigen Zweige darüber.
An der einen Seite stieß der reizende Ort an einen Anbau der Billa, die hier bis zum Dach hinauf gelbe und blaßrvte Kletterrosen bedeckten. Sie umrankten eingelassene Reliefs von höchster Anmut und einer wahrhaft hellenischen Heiterkeit.
Inmitten des Gärtchens befand sich ein rundes Brunnenbecken, statt des Wassers mit Marienlilieir gefüllt. Die verwilderten Beete trieben in überschwenglicher Fülle Narzissen und Tulpen, Hyazinthen und Kaiserkronen. Jasmin und weiße Spiräen bildeten undurchdringliche Dickichte, darin Amseln und Bläudrosseln nisteten.
Eine Welle von Wohlgerüchen schlug mir entgegen und die Morgensonne lag funkelnd auf jeder Blüte, jedem Blatt.
Boll stillen Staunens durchschritt ich das Zaubergärtlein, trat an eine niedrige Brüstung und blickte in eine vom Silberschimmer der Oliven gefüllte Tiefe.
Gleichsam versunken in der glänzenden Laubflut, sah ich aus mehrfach übereinander getürmten mächtigen Terrassen eine palastähnliche Billa mit langer leuchtender Fassade. Ueber der Säulenhalle des stark vorspringenden Mittelteils lag eine Loggia mit hoher schlanker Nische unter reistehender, prächtiger Dachbekrönung, während die Seiten- lügel eine festlich heitere Pfeilerarchitektur zeigten. Ber- chiedene monumentale Tore aus goldbraunem Travertin Durchbrachen einen doppelten Mauerkreis und führten zu einem Hain von Steineichen, der feierlich das königliche Haus umdunkelte. Hochstämmige Pinien mit breiten glänzenden Wipfeln entstiegen dem Dickicht eines verwilderten Parkes. Ein Rosenfeld schimmerte durch das vielfarbige Grim zu meiner Höhe empor. Ein schwermütiger Teich träumte einsam zwischen schwarzen Cypressen,
Lange stand ich, schaute hinab und empfand den Feier- tagssrieden der schönen Stätte und wurde von einer tiefen Sehnsucht erfaßt.
Tort ein nutzloses Dasein nicht unedel zu Ende zu führen, ein krankes Gemüt zu bestatten, eine müde Seele zur Ruhe zu bringen. . . .
Daran dachte ich in meinem ungestümen Verlangen, mich selbst aufzugeben — nur daran!"
Was ich in jener Traumstunde nicht bedachte: der Bauer, der im Schweiße seines Angesichts sein Feld bebaut, der Tagelöhner, der sein mühseliges Tagewerk redlich voll- bringt — diese Männer sind im Vergleich mit solchem Sohu des Weltschmerzes nicht nur achtbare Weltbürger, sondern auch nützliche Mitglieder der Gesellschaft.
Indessen mein melancholisches Temperament, zugleich mit einer sybaritischen Neigung, in landschaftlicher "Schönheit zu schwelgen; mein Hang zur Träumerei und Einsamkeit — so viele heimlich wirkende Seelenkräfte nnter- jochten in jenem bedeutungsvollen Augenblick meinen ganzen Menschen mit der Gewalt eines entfesselten Ele- rnentes. .
Ich bestieg wieder mein Pferd und ritt durch die Olivenwälder und Steineichenalleen hinunter. Ich ritt durch ein- ^ffenstehendes, mit großem Wappenschilde der- : ziertes Tor in eine Kastanienpflanzung und gelangte durch? ein zweites, sehr prächtiges, sehr barockes Portal/ darüber in tief eingegrabenen Lettern der Name: Horatius Faleo- uierus geschrieben stand, in den Steiueichenhain, dessen vom Sonnenlicht durchfunkelte Dämmerungen mich wie ein Mysterium umfingen.
Jetzt befand ich mich! vor dem Hause.
kein Mensch war zu sehen, kein .Laut zu hören. Sämt
liche Türen waren geschlossen und die Fenster durch Läden verwahrt.
Auf den breiten Wegen wuchs Gras, die vielen bizarr geformten Steinsitze und Tische unter den Steineichen bedeckte dichtes Moos, die Fontänen und Wasserbecken lagen trocken, mit Unkraut gefüllt.
Ein purpurfarbiger Teppich von Cyelamen überzog die Terrasse; vor dem Hause wucherten, ungepflegt und un- gepflückt Rosen und eine baumstarke Cyelinie bildete, über Dem Eingänge zu dem ehemaligen Garten ein freistehendes Tor. Tie Ranken des schönen Baumcs waren bis in die Halle des Mittelbanes gekrochen, wo sie, die Säulen hinankletternd, von Bogen zu Bogen sich schwangen und die dort ausgestellten Büsten römischer Kaiser und Kaiserinnen jugendfrisch kränzten.
Ich mochte das tiefe Schwelgen nicht stören, den eingeschlummerten Genius des Ortes durch den Rnf einer Menschenstimme nicht wecken.
So ritt ich denn weiter, um nach einem Wächter des stillen Hauses zu suchen.
Ein Tor aus prächtigen korinthischen Säulen, die auf breitem Postament zwei steinerne Löwen trugen, führte von der Terrasse in den Wirtschaftshof.
Aber auch hier war alles Verfall und Verlassenbeit.
Jetzt trabte ich langsam um das ganze Gebänoe, das, je weiter ich kam, umsomehr den Eindruck eines verwunschenen Schlosses machte. Plötzlich vernahm ich den leisen Gesang einer Frauenstimme. Ich hielt das Pferd an und lauschte. Die Stimme hatte solchen tiefen dunklen Klagelaut. Aber Ton nnd Melodie des melancholischen Ritornells paßten zum Hanse, als sei es dessen Geist, welcher sang.
Tie Sängerin begann einen neuen Vers. Jetzt verstand ich die " Worte. Sie lauteten:
„Blühende Ranken. . .
Sieh, wie sie schwanken im Wind! Schlafe doch, schlafe, mein Kind — Schlaft, ach, schlaft doch, Gedanken!"
Der Stimme folgend, war ich der Sängerin ganz hohe gekommen.
An der Rückseite der Villa öffnete sich int Erdgeschoß eine breite Wölbung, durch die ich in einen Hof blickte. Mir gegenüber befand sich eine hohe Mauer. Wo der graue Kalkbewurf abgefallen war, glänzte altrömisches Netzwerk zwischen bläulichem Basalt hervor: ein Zeichen, daß der Palast aus beit Fundamenten einer antiken Villa errichtet worden war. Ter Hof mußte unmittelbar unter dem Rosengarten liegen; denn von dem Manerrand hoch oben stürzte sich sonnenbeschienen eine Flut weißer Bansiavosen in die kühlen Schatten nieder, mit den seinen, weichen Blüten den Torso einer antiken weiblichen Ge- wanostatne verschleiernd. Die schöne Figur staub bei der dicht mit zarten Nyrnp'henfarren bewachsenen Wand in einem von wilden Kallas nmwucherten Brunnen,
Hier war auch die Sängerin.
Sie saß auf dem Rand des Beckens, unter den blassen Mumen und gab ihrem Kinde die Brust, es zugleich mit ihrem schwermütigen Gesang einschläfernd. Die ganze Gestalt befand sich in dem Schatten, den der breite MütensaU der lang uiederhÄngenden Rvsenranken über den grünen Grund toßtf. Aber über dem Haupt der jungen Mutter leuchtete der blumige Schein wie eine märchenhafte Gloriole,
So erblickte ich Maria zum erstenmal, *
Sie char sehr schön. Bon einer fremdartigen herben und unnahbaren Schönheit, wie sie die Alten in Priester- innenstatuen und manche Präraffaeliten in ihren Madonnenbildern daraestellt haben. Aber ihre MarmorbMse und ein unbeschreiblicher Ausdruck von Schwermut milderten die Strenge des wunderbaren Gesichts, das, über den Säugling gebeugt, in dieser zärtlichen Haltung sogar etwas Holdseliges und rührend Jungfräuliches hatte.
Ter Kopf war unbedxckt und ich sah die Pracht des goldbraunen Haares, das in schimmernden Wellen an den bleichen Wangen Hrrabflog und tief int Nacken zu einem Knoten zusammensestcht war.
Dem -Anzüge nach schien sie eine Frau aus dem niederen Bürgerstmide zu sein; doch machte aus mich die ganze Srf«fe-h®ing sogleich den Eindruck, als wäre es dieser jungen Mutter vollkommen gleiehgiliig, ob sie ein Kleid aus Weide »der Kattun trüge. Ich, konnte mir keinen


