Ausgabe 
3.1.1904
 
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Montag den 4. Januar.

1904.

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£ b ' " ' (Nachdruck verboten.)

Wssa Jasconieri.

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i. Erster Band. : x

(Fortsetzung.) ......

Rasch, wie es angefangeu, entwickelte es sich.

Vor zwanzig Jahren im Frühling kam ich von meiner Vaterstadt Mailand nad) Rom, wo im Valletheater mit Salvini und der Tessavo die Premiere meinerAgrippina" stattfand. Sie hatte lärmenden Erfolg. Mitten in dem Getöse packte es mich wie Wahnsinn. Und doch war viel reine Vernunft dabei. Denn zum erstenmal erkannte ich mich selbst. Es war nicht anders, als wäre ich plötzlich durch einen einzigen Blick in meine Seele hellsehend ge­worden.

Ich erkannte, daß meine heimlichen angstvollen Zweifel recht behielten, daß alle meine Betäubnngsversuche nicht helfen konnten, mich auf die Dauer über mich selbst zu täuschen, daß mein sogenanntes Genie nicht einmal ein volles echtes Talent war. Ich erkannte in meinen famosen Jambentragödien die dramatische Hallucination, in meiner berühmten tragischen Leidenschaft das falsche Pathos, in meinen prächtig tönenden Versen den Schwulst. Mit einem Wort: ich erkannte, wie ich von einem Poeten nur den Namen besaß.

Und ich erkannte ferner : mit unserer großen klassischen Ueberlieserung war es vorbei, die Zeit 'der Akademieen Näherte sich ihrem Ende.

Eine neue Zeit brach wie eine Sturmflut herein, eine Zeit, welche die alte Kunst fortspülte, eine neue heran­schwemmte. ....

Mas für eine Kunst?

's Tas ivar die Frage!

Als sichere Antwort konnte ich sagen, daß es meine Kunst nicht sein würde.

Auch das erkannte ich:

Wie du nun einmal beschaffen bist, wirst du mit deinen Werken in dieser neuen Äera der Tinge verloren fein und zu Grunde gehen.

Sie werden dich und deine Arbeit gbtuu und fort- werfen wie unnütz, gewordenes Gerät.

Mles stand vor mir gleicy -einer Vision. Ich sah alles in unbarmherziger Sa;ärfe, tote ich meine eigenen dichterischen Gesichte niemals erblickt hatte. Ich sah meine Zukunft als Poet und Mensch in dem Augenblick, da das Haus mir zusauchzte, und mich mit Lorbeeren und Mumen überschüttete.

Tenn sie liebten Mich sehr.

Und in demselben Augenblicke, da ich das Kommende «greifbar vor mir sah, sagte mir eine innere Stimme:

Ein kranker Mensch gehört nicht unter lauter Gesund^ ein falsches Talent hat mit der wahren Kunst nichts gemein« Tu mußt dich selbst ausscheiden, ehe sie dich heißen beiseite zu treten. Tu mußt dich selbst begraben, bevor sie dich lebendig zu den Toten Wersen.

Während der Aufführung, inmitten meines Triumphes, verließ ich das Theater; "und früh am Morgen, vov Sonnenaufgang, bestellte im mir ein Pferd und verließ Rom.

Ich mußte etwas Großes, Feierliches erleben, etwas das meinen ganzen Menschen läuterte und erhob.

So ritt ich denn durch die Porta San Giovanni bei! Morgenröte entgegen, in die Campagna hinaus.

*

Als die letzten Wohnstätten hinter mir lagen, als die schweigende Wildnis mich umgab, vor mir die Albanerberge, neben mir die Sabina tote schimmernde Wolkenzüge vom frühlingsgrünen Grunde der weiten Steppe sich aufbäumten; und als nur die steinernen Ungetüme der antiken Wasser­leitung mit mir zogen, der Kirchhof der Weltgeschichte mit feinet: umblühten Grabstätten und brauiren Trümmerhaufen stch auftat da ward mir in der erhabenen Ruhe zu Mute gleich einem, der sich selbst besiegt, der also auch das Leben bezwungen hatte.

Keinen Ruhm mehr und keine Leiden; keinen Ehrgeiz und kein unerfülltes Strebet:; nie mehr große Wünsche und leuchtende Hoffnungen. Und nie mehr diese fürchter­lichen, den Geist zerstörenden, das Herz zermalmenden Enttäuschunget:.

lieber den: alt heiligen Berg Cavo ging die Sonne auf.

Es war wundersam, vom Tage sich bescheinen zu lassen und detcken zu dürfen: der Tag wird für dich ohne Qualen sein. Deut: allein durch den bloßen Willen zur Ver­neinung des Lebens fühlte ich mich bereits von: Alpdruck des Lebens befreit.

Einmal blickte ich zurück.

Da lag Rom hinter mir zwischen' den Hügeln bet- funken. Nur die Peterskuppel stand an: Horizont wie ein lichtes schwebendes Himmels'zeichen und nicht tote ein Werk Von Menschenhand.

Manchem ntochte das Bild als Simbvl gelten'.

Bei einer völlig bilbisch wirkenden Cisterne vorbei, ant Fuß der Weinberge, ritt ich in die Höhe: aus einer Wüste heraus, brachten mich wenige Schritte in ein paradiesisches Gefilde, durch welches die Straße aufwärts nach Frascati führte.

Ich ließ die helle, heitere Weinstadt hinter mir und lenkte mein Pferd durch einen Hohlweg dem Ruittenberg von Tusculum zu, wo ich vor vielen Jahren itt fröhlicher Gesellschaft einen köstlichen Sommertag verbracht^ hatte.

Bei der Billa Tusculana stieg ich vom Pferde itnb' gab mein ent müden Tier in der schönen Wildnis, die das verschlossene Haus der Napoleonidet: umfing, freie Weide.

Unterhalb der grasbewachsenen Schlotzterrasse lag, vost