— m
Gehe ihnen entgegen. Thornton, Tn unterstützt ihtr wohl?"
Beide begaben sich sofort hinaus und trafen die An- kvmmcnden schon dicht an der Tür.
Mit entsetzten Gesichtern eilten sie herbei, noch unfähig, die ihnen von ihren Dienerinnen zugetragene Schreckensnachricht fassen zu können. §err Thvrnton, mit Fragen bestürmt, antwortete, so gut er vermochte, und als es ihm endlich gelungen war, die Aufgeregten zu bereden, mit Hugh in das Frühstückszimmer zu gehen, kehrte er in die Bibliothek zurück.
Inzwischen hatte sich das Gerücht von dem Morde mit blitzartiger Schnelligkeit verbreitet. Schon sammelte sich auf der Straße eine Volksmenge, wie sie ja immer durch den besonderen Zauber eines derartigen Verbrechens an- gezogen wird.
In der Bibliothek traf Thornton seinen Vetter mit dem Anwalt in leisem Gespräch.
„Ja, wie Sie sagen", antwortete Ralph soeben, „Mord ist es zweifellos und meiner Meinung nach Raub der Beiveggrund. Diese Ansicht scheinen Sie aber nicht zu teilen."
Herr Whitney schüttelte entschieden den Kops. „Wenn wir nicht sehr starke Beweise dafür auffinden, glaube ich nicht, daß wir es hier mit einem gewöhnlichen Raubmord zu tun haben."
„Aber, ich bitte Sie, auf welchen anderen Beweggrund wollen Sie das Verbrechen zurückführen?"
„Solange nicht weitere Tatsachen enthüllt sind, welche ein Licht auf die Sache werfen, fühle ich mich nicht berechtigt, irgend welche Meinung darüber zu äußern."
„Sie hegen also offenbar einen.Verdacht", sagte Ralph erstaunt, und Thornton, der dasselbe fühlte, fragte:
„Hatte denn' Umser Wetter Feinde?"
Herr Whitney antwrotete nur mit einem jener Blicke, die nicht ja, nicht nein sagen und dem Fragenden die Auslegung überlassen. Thornton fuhr deshalb fort:
„Könnten ihm nicht vielleicht geschäftliche Manipulationen die Feindschaft von irgend jemandem zugezogen haben?"
„Nein", erwiderte der Anwalt bestimmt, „davon ist mir durchaus nichts bekannt. Herr Mainwaring hatte zwar wenig vertraute Freunde, stand aber bei allen, die mit ihm verkehrten, in Achtung. Wenn er Feinde besaß", setzte er mit Betonung hinzu, „so sind diese hier in feistem Hause zu suchen."
Ralph sah den Anwalt groß an, Thornton aber rief: „Sagen Sie um alles in der Welt, Sie hegen doch, nicht etwa Argwohn gegen einen der augenblicklichen Hausgenossen^
„Wie ich schon erklärt habe", entgegnete Whitney ernst, „bin ich nicht berechtigt, auszusprechen, was ich vermute, bevor nicht Mnge zu tage treten, die meine Vermutung zur Gewißheit machen."
„Natürlich, das können Sie nicht", stimmte Mainwaring bei, „Sie werden es uns aber nicht versagen, sich als unseren Rechtsbeistand und Ratgeber in der Sache zu be- trachten und uns als solcher, sobald Sie es an der Zeit halten, wissen lassen, worauf sich bei Ihrer genauen Kenntnis der hiesigen Verhältnisse Ihr Verdacht gründet."
Ter Anwalt verbeugte sich und sagte geschäftsmäßig kurz: „So würde ich vor allen Dingen bitten, Sorge zu tragen, daß niemand das Haus verläßt und mir Frau La Grange hierhergeschtckt wird. Ich muß sie sprechen."
„Gut, dann wollerr wir Sie allem lassen", erwiderte Ralph. „Ich werde alles anordnen." Er entfernte sich, begleitet von seinem Vetter, und befahl einem aus dem Korridor wartenden Diener: „Frau La Grange soll sogleich zu Herrn Whitney nach der Bibliothek kommen, imb Wilson sowie der Kutscher hierher zu mir."
Der Mann schritt eilig davon. Bald daraus erschien John Wilson, der langjährige Diener Ralphs, uno Brown, der Schöneicher Kutscher.
Mainwaring redete zuerst den letzteren an: „Brown, begeben Sie sich vor das Portal und halten Sie nach Möglichkeit das Volk zurück. Es darf vorderhand niemand das Haus betreten außer dem Coroner nebst seiner Begleitung und dem Arzt. Heben Sie mich verstanden?"«
„Sehr wohl."
„Für Sie, John", fuhr er fort, nachdem sich der Kutscher entfernt hatte, „für Sie habe ich einen Auftrag, den ich
keinent anderen geben mag, weil dazu eine Vertrauens'-' Person gehört und ich Ihre Treue und Verschwiegenheit! kenne. Es handelt sich mir darum, zu erfahren, was hier? im Hause vorgeht. Das verlangt scharfe Beobachtung, seines Gehör und Geschicklichkeit. Alles das besitzen Sie. Ich wünsche also, daß Sie alle zum Hausstand gehörigen oder hier verkehrenden Personen im stillen genau beobachten, darauf achten, was gesprochen wird, und mir alles melden, was Ihnen in dieser oder jener Richtung, besonders in Beziehung zu dem Borgefallenen auffällig erscheint. Außer- dem haben Sie mit Strenge darüber zu wachen, daß niemand von dem Dienstpersonal ohne meine spezielle Erlaubnis das Haus verläßt. Ich erwarte, daß Sie mein Vertrauen rechtfertigen werden."
„Werd's schon machen, gnädiger Herr."
Als Wilson eben fortgegangen war, kehrte der zu Fräst La Grange entsandte Diener zurück und meldete, sie wäre von dem Schreck über den Mord noch zu sehr außen Fassung, um augenblicklich erscheinen zu können, würde aber, sobald sie sich; einigermaßen erholt hätte, Herrn Whitney aufsuchen.
Ralph machte mit dem Kopfe eine entlassende Geberde, und Thornton, der inzwischen aus dem Korridor hin und her gewandelt war, trat wieder zu ihm.
„Meiner Seele, Mainwaring, mir will es, seit wir geftern den Inhalt des Testaments kennen lernten, nicht mehr aus dem Kopf, daß doch wohl noch etwas zum Vorschein kommen wird, was aus dieses Weib Bezug hat —i hm — hm — etwas ganz Besonderes, weißt Du."
„So? Und mir scheint es", erwiderte Mainwaring, auffallend langsam und jedes Wort betonend, „mir scheint es, daß vielleicht mit dieser Frau La Grange sogar etwas sehr „Besonderes", wie Du es nennst, ans Licht kommest wird. Whitney denkt wohl ebenso.»"
„Wie meinst Du das? Hältst Tu es am Ende gar für möglich, sie könnte in irgend einer Art mit dem Morde ist Verbindung stehen? Wenn es überhaupt Mord ist."
„Nun, unzweifelhaft hat Whitney auf jemand im Hause Verdacht, und uns steht es vorläufig frei, Schlüsse zu ziehest. Jch muß offen gestehen, diese Verfügungen im Testaments auf die Du anspielst, finde ich höchst sonderbar nnd ausfällig. Meiner Ansicht nach bestätigen sie nicht allein das, was wir mutmaßten, bevor wir noch den Inhalt des Testamentes kannten, sondern geben auch einen sehr deutlichen Fingerzeig betreffs der Personen, die möglicherweise mit Ansprüchen auf den Besitz hervortreten werden. Vielleicht sogar sind sie nicht ohne Bedeutung für die Auffindung eines Fadens zur Lösung des Rätsels, vor dem wir augenblicklich stehen."
„Meiner Seel', es sieht beinahe so aus! Aber sollte die Frau wirklich rechtskräftige Ansprüche erheben können?"« „Rechtskräftig oder nicht, jedenfalls scheint sie irgend welche Rechte geltend machen zu können, denn wenn ein Mann vom Schlage Hughs für seine Haushälterin eist so schönes Jahrgeld aussetzt und ihrem Sohu ein Vermächtnis im Werte von fünfzig- oder fünfundsiebzigtausend Dollars macht, so gibt das wohl zu denken und kann für. einen Beweis gelten, daß —"
Aus einen warnenden Blick Thorntons brach Ralph plötzlich ab, und sich umwendend, sah er Frau La Grange geräuschlos den Korridor herunterkommen. Sie war mit noch ausgesuchterer Sorgfalt als sonst gekleidet; herrliche Spitzen umgaben ihren wohlgeformten Hals und die seinen Handgelenke und Hände. Ihr brünettes, schönes Gesicht zeigte große Aufregung. Schweigend ging sie mit einer Verbeugung vorüber und trat so leise in die Bibliothek, daß der fn Gedanken vertiefte Anwalt ihr Kommen nicht eher bemerkte, bis sie vor ihm stand. Er fuhr leicht zusammen, doch keiner sprach; es war ein Augenblick gegenseitiger stiller Ausforschung. j
Seit einiger Zeit hatte Frau La Grange gefühlt, daß' Whitney einer der wenigen war, die sich von ihrem liebenswürdigen Wesen nicht täuschen ließen. ' Dazu kam, daß seine bei Hugh Matnwaring eingenommene Vertrauensstellung! sie über seine Gesinnung gegen ihre Persost beunruhigte.« Er !var ein hervorragender Anwalt, und es lag ihr viel daran, gerade in diesem Augenblick einen guten Eindruck auf ihn zu machen. Wenn es ihr gelang, seine Gunst; zu gewinnen und sich seinen Beistand zu sichern, so würde sie damit einen glänzenden politischen Schachzug getan: haben. Ihr Plan stand fest: sie war vorbereitet, jede Rolle


