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itttb starrte geradeaus. — — Und wenn sich Herr von Greditz als' ziemlich von der Moderne beeinflußt erwiesen statte, auf eine schiefe Ebene geraten war hinsichtlich seiner Heirat und Ehe, es hatten doch auch moderne Anschauungen! bei ihm Eingang gefunden, um die Grenzen gewisser Urteile zu erschüttern für einen weiteren Ausblick auf dem Wege. „Und heute?!" wiederholte Hans Joachim endlich nach einer langen, langen Weile, darin ihm das Bewußtsein der Zeit entschwunden schien. „Und heute?!" Ja, was Halses denn! der armen, kleinen Frau, die gewiß ihre Unbedachtsamkeit^ ihren aufwallenden Zorn längst bereute, ihren Gatten immer lieb behalten würde ■—- trotz alledem — wenn er ihr diesen tüte einen Sperling aus den Erbsen wegschoß.
„Strafe, Rache!" Der Rittmeister sprang empor. Wieder maß er mit großen Schritten das Zimmer. Er knüpfte die Uniform auf, es ivar, als sollte er ersticken. — Dann machte er wieder Halt; Geschehenes war nicht zu ändern. Ter Skandal aber kam erst recht heraus. Und der Skandal blieb; er fiel auf das Reginrent. Der Rittmeister machte kehrt auf dem Flecken, %uf dem er stehen geblieben war, um nach einigen Runden abermals hier Posto zu fassen. — — Die Tür zurVeranda stand offen. Er blickte hinaus in den schlafenden Garten, in die stille, kühle, weich duftende Lenzesnacht, deit Frieden der alles zur Ruhe bringenden! Natur.
Hans Joachim kannte seine Frau. Jetzt hatte er sie ganz kennen gelernt, in einem neuen Lichte hatte er sie gesehen, so tote er es vorher nicht für möglich gehalten, durch tiefen Brief. — — .— In jedem Wort, in jeder Linie der kunstvoll gezogenen Buchstaben meinte er sie zu sehen, schlangenglatt und schlangenkühl, geschmeidig und geschickt, falsch und berechnend, nur für sich und ihre Stellung bedacht, ohne Herz, ohne Seele, ohne auch nur einen Funken wahrer Empfindung, ein Atom wahrer Natur: aber bezaubernd und bestrickend. Und so bestrickend, unentrinnbar bestrickend, hatte sie seinen Leutnant Umgarnt, wie die Schlange das Weib auf dem Bilde der Sünde von Stuck. Der Rittmeister haßte seine Frau. Seinen Leutnant aber liebte er doch. Wieder brach er ab in seinem Denken, es schüttelte ihn. Und wieder nahm er seinen Gang auf — nun blickte er hinaus in die weiche, kühle, stille Nächst und ihren leidlösenden Frieden. Sein Leutnant war ein Tor gewesen, eine Weide in dem Winde, in den Händen dieses Weibes! Er hatte eine Frau, jung, tmbedachtsam, wie wir alle einmal jung, unbedachtsam sind, aber warm, herzig und gut. Sie liebte ihn — er hatte sie geliebt. Ob es Nicht da doch eine bessere Sühne, eine bessere Lösung gab, geben möchte, als das tötende Blei — — Uno — fein Leutnant war auch ein guter Soldat, so wie man sie braucht vor der Front, in dem Kriege. „Heiliger Gott", sagte der Rittmeister endlich laut, als käme ihm ein erlösender Gedanke. „Deutschland hat jeden guten Soldaten nötige gerade jetzt. Seine Männer können etwas Besseres tun, als sich tot Fualten um solch eine Frau." Damit schien der Rittmeister zum Schlüsse gekommen zu sein. Und es war Morgen geworden.
„Ter Herr Leutnant v. Uran", meldete eben der Diener seinem Herrn. Und ob der auch für den Besuch vorbereitet war, ja, ob er auch hatte darum bitten lassen, jetzt, da er ihm ins Auge sehen sollte, zuckte er doch zusammen. Tie eigene Beleidiugng, deren er im ganzen so wenig gedacht, die er so schnell vergessen hatte, machte sich geltend. Doch sein Offizier sollte nicht als Opfer' fallen--„Sehr
angenehm", sagte der Rittmeister fest, meinte aber eben auch, er kenne die eigene Stimme nicht ntehr. Tie beiden Männer standen sich gegenüber, die Haltung entschlossen, die Züge fahl, und fanden kein Wort. „Mein Herr Rittmeister", begann Harro endlich, „ich komme, ich weiß — ich —" „Ich habe Sie bitten lassen, Herr Leutnant v. Uran", unterbrach aber da Hans Joachim von Greditz bereits den Kameraden, „ich habe Sie bitten lassen. Es ist Allerhöchste Ordre eingetroffen. Wir sind, wie Sie wohl schon erfahren, mit China engagiert. Majestät lassen ihre Truppen aufforderrr zum freiwilligen Dienst. Nur, wer Lust hast! und sich Meldet, geht mit. Ich wollte Sie also bitten, — bin leider wieder etwas heiser, soll Mich schonen — ich wollte Sie also bitten, lassen Sie die Schwadron sammeln und halten eine diesbezügliche Ansprache hier. Sagen Sie den Leuten — na, Sie wissen ja, was dahin gehört, Water- kand, höchste Güter: edelste Kultur — oder nein, halten Sie ftgt nur an das Materland. Vaterland bleibt Vater
land unter allen Verhältnissen — für alle seine Söhne^ und bedarf ihrer auch alle in gleicher Weise.
Doch Sie können eine Anleihe bei der Geschichte machen. Tie Idee von dem neuen Kreuzzuge nach dem Orient spukt in vielen Köpfen. Nut:, der Kreuzfahrer zog aus nach Ruhm und Abenteuer, manch einer —" hier wandte der Rittmeister! seinem Leutnant den Rücken — „manch einer auch, weil er etwas auf der Seele hatte, das ihn bedrückte, oder um einem rostig gewordenen Schilde neuen Glanz zu erkämpfen. Machen Sie Ihre Sache gut, Herr von Ur au. Es wäre mir lieb, wenn meine Schwadron in ihrer Kriegs- tüchtigkeit nicht zurückbliebe."
Damit wandte er sich wieder um und sah seinem Leutnant in das Gesicht. Und beide sahen sich wieder an. Einer hatte den anderen verstanden und, was noch mehr bedeutet, begriffen. Wie es auch in Harro stürmte, Mei letzten Ereignisse und Stunden hatten ihn gelehrt, seine Empfittdutrgen zu zügeln. Er war der Beleidiger, er hatte den Kameraden gekränkt. Er mußte, er wollte es hören können, was da gesagt war; er MLßstei, er wollte dankbar sein für die Form, in der zum Ausdruck kam, was sie beide betraf, ohne daß nur ein Wort gefallen wäre, das' nicht gesagt sein durste. Er wollte dem Kameraden dankbar sein, daß er, sich hoch über die Anschauungen ihrer Kreise stellend, ihm die verfallene Waffe wieder gab, um in dem Kampfe für das Vaterland in Ehren zu fallen oder neu zu erstehen. „Ich danke Ihnen, Herr Rittmeister", erklärte der junge Offizier in dienstlicher Haltung seinem Vorgesetzten, „danke Ihnen für den Auftrag. Ich werde der erste sein, der sich meldet." Ter Rittmeister nickte. „Ich werde mein Vertrauen nicht bereuen, Herr von Uran, Sie werden dem Regiment Ehre machen." Wieder nur legte Harry die Hand an die Mütze, verbeugte sich und ging.
Unbeweglich blieb der Rittmeister stehen und blickte seinem Leutnant nach, lieber die etwas verlebten Züge flog ein lichter Schimmer, in seinen sonst kühlen Augen leuchtete es warm. Er hatte eine bisher nicht bemerkte Seite an sich entdeckt. Hans Joachim freute sich seit langem! wieder über sich selbst. Die Portiere öffnete sich hinter ihm. Ellinor trat leise ein. „Das ist groß und vernünftig gedacht." — So stand sie plötzlich neben dem Gatten. Sie hatte Harro kommen hören und sich hinter der Portiere versteckt gehalten. Sie mußte wissen, was das Schicksal brachte. „Groß und vernüftig von Mr", wiederholte sie noch einmal. Nun erst sah Hans Joachim seine Fran an. Die hatte eine fassungslose, schlaflose Nacht verbracht und' darum erst recht eine kleidsame Toilette gewählt. Das' lose Morgenkleid mit seinen weichen, weißen Falten lieh der überschlanken Figur etwas sehr anmutig Frauenhaftes; die weißen, dichten, duftigen Federn einer umgeschlungenen Boa ergaben gleichfalls eine sehr anmutige Aureole für den Kopf und brachten sein nachtschwarzes Haar, die schwarzen Augen zu erhöhter Geltung, täuschten schmeichelnd über die blauen Schatten hier und die fahle Mässe der Züge hinweg.
Dennoch, jeder verklärende Schimmer, der soeben des! Rittmeisters Antlitz einen nicht alltäglichen Reiz verliehen, entschwand. Ebenso sank feine Stimmung, die sich loeit über das gewöhnliche Niveau erhoben, unter dasselbe zurück: „Du weißt ja, ich ließe nur Deine Millionen", entgegnete er schneidend. „Und außerdem hasse ich 'jeden Skandal —" „Nein, das war Großmut!" Hans Joachim kannte den girrenden Ton. „Noch etwas?" fragte er kurz. Frau Ellinor mußte wissen, wie es um ihr Schicksal stand. „Was — wie denkst Du—? Ich meine, wie wird es mit mit uns?" „Ah so —" mit finsterem Hohn sah der Rittmeister auf die Frau, die zum erstenmale in ^Verlegenheit war, wie sie ihre Worte setzen sollte, der zum erstenmale die Angst aus den Zügen sprach. Dann sagte er ruhig, ja kalt: „Wir, — ja, wir bleiben — zusammen."
Ellinors Brust hob sich. Wie neubelebt schien das Blut durch ihre Adern zu fließen. Ein ungewöhnliches Empfinden hatte sie überkommen: „Ich danke Dir", sagte sie schmeichelnd, „Du sollst es nicht bereuen. Vielleicht, daß wir uns jetzt erst verstehen lernen —" Ue&er des Rittmeisters Züge lief ein mattes, spöttisches Lächeln. „Das wird die ZuUmft lehren", erklärte er kühl. Es geht den Menschen, wie den Völkern. Sie können gesunden, wenn sie vorübergehend von einer grassierenden Krankheit ergriffen werden. Sie erholen sich nicht — wenn ihre Leiden — decadence bedeutet. Darum touiours en vedette. Auch leben wir ja


