Ausgabe 
2.11.1904
 
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1904.

Mr. 163.

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Aus Liebe.

Roman von M. v. Eschstruth.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Ter Sperr Rittmeister lassen den Herrn Leutnant Bitten, nach dem Reiten vorzukommen", meldete eine Ordonnanz. Harro zuckte zusammen. Tas konnte freilich nur etwas Dienstliches sein. Einmal aber hieß es ja doch, dem Ritt­meister gegenüberzutreten, mußte er sich sagen lassen, daß Es schüttelte ihn, seine Zähne schlugen aufeinander. Und doch, es war nur richtig, sein Kamerad war im Recht. Der junge Offizier nickte schwer und schritt langsam aus. Wieder gleich Feuer Brannte es ihm in Kopf und Herz, lähmend wie Mei lag es in seinen Gliedern. Der Tod war das schlimmste nicht. Was Bedeutete für ihn noch das Leben! Ellinor Er brach ab in seinem Denken. Wie schien die glänzende, bestrickende Gestalt seinem Geiste plötzlich so ferne gerückt! Jutta, sein Weib - er hatte sie geliebt. Sie hatte ihm das Schlimmste angetan und er nein, er fürchtete sich vor dem Sterben nicht. Da trat die Sonne wieder unter den Wolken hervor, die sie gleich einem ver­dunkelnden Schleier verhüllt hatten. Und sie glänzte auf den Bäumen der Allee, auf den Wiesen, den Gärten, den Hügeln drüben am Horizont. Und Harro meinte plötzlich, er habe Frau Sonne noch nie so leuchten gesehen und die Welt so freudig funkelu in ihrem Morgenglanz. Der Wind spielte um seine Schläfen; tote herrlich doch solch ein junger Morgen toar Mit seiner wonnigett Luft und seinem Würzigen Dust. Unwillkürlich weitete sich seine Brtlst, zog er in tiefen Zügen den göttlichen Lebensodem ein

Trompeten erklangen, Pferdegetrappel wurde vernehm­bar. Eine Schwadron seines Regiments zog, von einem Marschritte zurückkehrend, den Weg entlang. Maubig sahen sie aus, aber männlich, tüchtig und fidel. Und die Sonne glänzte auf den gebräunten Gesichtern, auf den bunten Uniformen, aus den Rücken der Pferde. Trab, trab ritten sie weiter. Das Sattelzeug klirrte leise, die Mannschaft hielt sich stramm, ihrer Pflicht,, ihres Selbstes bewußt. Wie er sie doch liebte, seine blauen Jungen, seinen Dienst und alles, was damit zusammenhing. Me er es liebte, das Leben mit seinem sonnigen Glanze seines jungen- Weibes goldenes Haar. Doch nein, das war vorüber. Der junge -Offizier schüttelte den Kops. Und wieder um so inten­siver sah er den Reitern nach, bis sie um die nächste Ecke bogen, lauschte er hin, solange nur noch ein Pferdehuf klang, ein Sattelzeug klirrte. Da eBen setzte die Musik von neuem ein:

Morgenrot, Morgenroh, Leuchtest mir zunt frühen Tod.

Und fein Herz kämpfte sich zusammen, ein Schauer rann durch seine Glieder. Dann faßte er sich schnell:

Nein, et fürchtet keinen Tod, aber sterben um so etwasA Damit stand es plötzlich klar vor seiner Seele, was langer schon in ihm nach Ausdruck verlangt: sterben, schmach­beladen, sterben, ohne etwas in dem Leben vollendet zu haben, ohne gutmachen zu können. Da aber schon lag sie vor ihm, die Billa Ellinor. Auch hier glänzte die Sonne auf den Bäumen, den Blumvn, der Fontäne im Gartest, der Beranda, den Fenstern. Nur in Ellinots Zimmer wärest die Läden geschlossen. Harro stöhnte dann schritt er langsam und schwer die paar Stufen hinan. Jetzt faßte seine Hand nach dem Glockenzuge hier seine Stimm« jedoch meinte er nicht wieder zu erkennen, als er sich durch den Diener Bei dem Rittmeister melden ließ.

18. Kapitel.

Immer von neuem, da der Rittmeister sein Zimmer wieder Betreten, die Pistole in ihren Behälter geschlossen hatte, waren seine Blicke nach dem Briefe gewandert, bliebest sie an dem unglückseligen Schreiben seiner Frau haften. Tie Sache hatte ihn gepackt, wie Hans Joachim nicht für möglich gehalten, daß ihn noch etwas packen, erschüttern könne. Tie kleine Frau hätte etwas Klügeres tun können, murmelte er endlich. Damit wollte er sich in eine andere Stimmung Bringen. Allein es ging nicht. Die souveräne Laune, mit der auch er sich gewöhnt hatte, die Tinge zu Betrachten, aus dem Handgelenk zu schütteln, wollte sich nicht einstellen. Er sprang auf und ging mit großen Schritten in seinem Zimmer hin und her. Zorn, Groll, Empörung schnürten ihm die Kehle zu. Er ärgerte sich üBer die kleine Frau. Bald tat sie ihm nur noch leid.

Der Rittmeister hatte seine Frau nie geliebt. Jetzt, da auch ihre tadellose Korrektheit, die ihn: immer noch imponiert hatte, in nichts zerfallen mar, haßte, verachtete er sie. Das aber änderte nichts an der Sache. Mit stet$' sich erneuernder Bitterkeit und empörtem Grol^ empfand Hans Joachim, was ihm dies Weib angetan, Die Lstge, den Verrat seines Offiziers und Kameraden. Und diesen seinen Offizier hatte er wirklich gern gehabt. Ja, nein. Der Rittmeister schüttelte den Kopf; immer hastiger jedoch ging er in seinem Zimmer auf und ab. 9hm sah er ihst vor sich stehen, den jungen Menschen, schmuck und stattlich, finstere Entschlossenheit aus dem schönen Gesicht, das Pistol in der Hand, den Laus in die Lust gerichtet; ein Opfer, das sich für sein Vergehen selber stellt. 00 sah er ihn liegen auf dem grünen Grund, die noch eben blühendes Züge totenweiß, die Lippen verzerrt; an der Schläfe unter dem Haare ein kleines Loch, draus der Sttom des Lebens rann, unaufhaltsam dem Schicksal gehorchend.

Hans Joachim kannte das. Er hatte einmal eine« Kameraden bei ähnlichem Falle sekundiert niemand jedoch war ein Heil aus der Affäre erwachsen. Und heute? Immer [angfamer waren des Rittmeisters Schritte während dev der letzten Sekunden geworden. Tiefatmend, stöhnend fach ließ er sich in einen Sessel sallen, lehute den Kopf zurück!