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geführten Rundlaufsystem überlegen, wobei im Kreislauf rede Station allen anderen ihre Beobachtungen mitteilt.
Fragen wir schließlich nach dem Erfolge, den diese großartigen, über alle zivilisierten Länder verbreiteten Organisationen des Witteruugsdienstes in den nunmehr reichlich 25 Jahren ihres Bestandes auszuweisen haben, so steht, wenn auch vielleicht ziffernmäßig schwer angebbar, doch unzweifelhaft fest, daß zahlreiche Schiffe durch rechtzeittg erhaltene Sturmwarnungen vor sicherem Untergang bewahrt sind und daß Handel und Gewerbe, besonders aber die Landwirtschaft mit zunehmendem Erfolge von den Wetterprognosen Gebrauch machen. Freilich auch an Fehlprognosen fehlt es nicht. Statistische Ermittelungen über die Häufigkeit des Eintreffens der Prognosen sind bet der oft etwas unbesttmmten und zweideutigen Fassung derselben nicht gerade leicht. Sie sind aber vielfach gemacht worden. Man gibt einer Prognose dabei die Zahlenwerte 100, 75, 50, 25, 0, je nachdem sie ganz richttg,. vorwiegend richtig, halb richtig, vorwiegend unrichtig oder ganz verfehlt war. Hieraus berechnet sich dann das prozentische Eintreffen der gestellten Prognosen. Man kann danach annehmen, daß etwa 80 Prozent der mit dem Hamburger Material für die größeren Gebiete Deutschlands aufgestellten Prognosen eintreffen, während die Hinzunahme von örtlichen und provinziellen Beobachtungen eine Vermehrung der Treffsicherheit aus etwa 85 Prozent ermöglicht. Dies alles bezieht sich auf die Eintagsprognose. Läßt man sich auf die Voraussage des Wetters für den zweitfolgenden Tag ein, so sinkt die Wahrscheinlichkeit gleich bedeutend, für noch weitere Tage wird sie gleich 50 Prozent, d. h. hier behält man in der Hälfte der Fälle Recht, in der andern Unrecht, wenn Man die Vorhersage völlig nach Willkür macht.
Eine absolute mathematische Sicherheit gibt es also nicht einmal für die Eintagsprognose. Dazu smd die möglichen Kombinationen zu zahlreich und verwickelt, und wenn man auch so sorgfältig alle Gesetze beachtet, welche für die Isobaren, hie Zugstraßen und die Wettertypen gelten, wenn man noch so fleißig die Instrumente abliest und die bewährten Propheten unter den Schäfern und Schiffern zu Rate zieht, ein gewisses Stück bleibt übrig, wo nicht die exakte Analyse, sondern die Kunst eines Wettertnlentes und die Routine in ihre Rechte treten.
Ties mag uns zum Schluß nochmals vergegenwärtigen, was wir in den voraufgehenden Betrachtungen so vielfach gesehen haben, nämlich die außerordentliche Verwickelung der meteorologischen Vorgänge überhaupt, deren wichtigste Grundgesetze zwar mehr und mehr erkannt find, deren vollständige Erftärung aber noch unabsehbare Zeit und Mühe erfordern wird.
' ■ ' INN
Plaudereien aus der Kaiserstadt«
(Nachdruck verboten.)
Die Midinettes in Berlin. — Ein neues Schulprojekt des Charlottenburger Magistrats.
Der Wettlauf am Himmelfahrtstag, der im Treptower Renn- park abgehalten wurde, um die „fixeste" unserer Berliner „Lausmädel" herauszufinden und nebenbei ein gutes Geschäft zu machen, läßt sich in unserer Zeit, die allen Sport international zu gestalten tveiß, nicht gut ohne eine Fortsetzung abtun, .die natürlich das erste Ereignis auf diesem fabelhaft wichtigen Gebiete noch übertrumpfen muß. Und so werden wir denn an einem der ersten Julitage wiederum in Treptow aufmarschieren, um es mitzuerleben, welche von beiden Gruppen der Schnelläuferinnen den Sieg davon trägt: das Berliner „Laufmädel" oder die Pariser „Midinette". Man hat die letzteren nämlich eingeladen, mit unseren Berliner Siegerinnen um die Palme der,Fixigkeit" zu ringen und "sie haben es angenommen. Eine Reise von Paris nach Berlin gehört längst nicht mehr zu den Unmöglichkeiten, ob man gleich mit dem echtesten Seinewasser getauft ist, und die wildesten Verse Paul Dörouldde's und anderer Preußen- Hasser begeistert mitgesungen hat. Ach, und welche Wonne wäre es, auf dem Gebiete der in Frankreich mit so gemischten Gefühlen genannten Spree-Metropole, es dem Automobil-Thory gleich zu tun, der dem Ruhme Frankreichs unlängst im Gordon- Bennett-Rennen wieder aufgeholfen! Sie werden also kommen, die hübschen, schlanken Pariserinnen und zweifellos Berlin erobern. Berlin läßt sich ja so leicht erobern, wenn man recht weit her ist und ein bißchen graziöse Unverfrorenheit aufzuweisen hat. Und das soll ja der „Midinette" nicht fehlen. Am liebsten taufte man aus purer Vorfreude den lieben gallischen Nachbarn zu Ehren unser eignes „Laufmädel" in „Midinette" um. „Midinette" heißt zwar „MittagsmädcheN" und ist als Bezeichnung für die Tausende von kleinen Konfektioneusen, Putzmacherinnen usw. entstanden, die nach schnell verzehrtem Mittagsmahl, ihre freie Zwischenstunde plaudernd, lachend und kokettierend auf den Pariser Straßen zubringen, was man von , den Berliner Arbeiterinnen nur in sehr beschränktem Maße zu | sehen bekommt, weil sie mit Omnibus oder Straßenbahn nach Hause hasten, um ihre Mahlzeit daheim einzunehmen, und nur tn den großen Industrievierteln in der Luisenstadt oder weiter
im NorDen Berlins könnte man eine der Pariser ähnliche Er», scheinung beobachten. Aber diese mäßig sauberen Fabrikarbeiter^ innen, .die da »um Teil tn ihren Arbeitskitteln das Feld behaupten, muten nicht an „wie sonnige Mittagsmädel"! Sie sind eine Verkörperung grauer Novemberdämmerung, bei deren Anblick das Mitleid mit dem Entsetzen nur allzuoft in Streit gerät. Solange unsere Arbeiterinnen nur Sonntags den Drang in sich ftihleu „nobel zu gehn" oder sich „schnieke zu machen", wie die ganz .Waschechten sagen, solange wirds mit ihrem Midinettentum Essig sein! Das ist im Interesse des ästhetischen Beobachters ganz sicher zu bedauern. Andererseits würde ein merklicher Einfluß auf dem Ausgabenkonto nicht ausbleiben, und was erhöhte Ansprüche an Toilettenluxus bei armen Mädchen für Konsequenzen zu ziehen vermögen, braucht man nicht des längeren auseinaitderzusetzen. Paris hat darin offenbar noch die höhere Schule. Und die wollest wir ihm trotz der Appetitlichkeit seiner Midinettes gern lassen. Dafür können wir mit einem neuen, wirklichen Schulprojekt aufwarten, das der allzeit rührige und für jeden gesundest Fortschritt eintretende Magistrat unserer Nachbarstadt Charlotten- burg .den Vertretern seiner Bürgerschaft unterbreitet hat. Es ist eine „Waldschule", die er plant, .und er will mit dieser, den Gedanken der Ferienkolonien erweiternden Idee, den Kindern zu einer gedeihlicheren Entwickelung verhelfen, die durch ihre schwächliche Konstitution in der großen Gemeindeschule mit ihren vollen Klassen und dem anstrengenderen Arbeitspläne geistig und körperlich nicht recht vorwärts kommen. Man Hai vornehmlich an Kinder gedacht, die mit schweren chronischen Krankheiten zu kämpfen haben, wie Lungenleiden, Herzkrankheiten,- Blutarmut und .Skrofulose, dabei aber natürlich. Tuberkulöse mit Auswurf, .Epileptische usw. usw. aus hygienischen Gründest ausgeschlossen. Diese Kinder nun sollen ihren geschwächten Kräften entsprechend in guter, reiner Waldluft unterrichtet werden. Größere Pausen und kleinere Pensen sollen dafür sorgen, daß sie nicht überlastet werden. Nebenbei wird man ein Augenmerk auf die wichtige -Frage. einer guten Ernährung richten und so dazu beitragen, daß sich .aus ihren ursprünglich leichteren Leiden nicht allmählich schwerere entwickeln. Der Plan verdankt seine Entstehung den günstigen Erfolgen der Volksheilstätten voM „Roten Kreuz" unter Leitung des Professors Pannwitz und den Erfahrungen der Walderholungsstätte Dr. Bechers in Schönholz,; Gedacht ist die Schule zunächst sechsklassig Md der Schularzt wird selbstverständlich die Auswahl unter den betreffenden Schülerst vornehmen. Daß diese Einrichtung auch für die Gesunden unter den Kindern von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung ist, braucht kaum erwähnt zu werden. Vor allem wird sie den Lehrer entlasten, der den größten Prozentsatz der Zurückbleibenden unter diesen armen Schwächlingen hat, die er mit dem besten Willen nicht zu fördern vermag und doch mit herzlichem Mitleid behandeln muß, wenn er kein Herz von Stein tut Busen trägt. Wie oft aber mag seine vernünftige Nachsicht ihm schon böse Zinsest getragen haben, wenn in der Osterprüfung irgend ein gestrenger Herr Inspektor den „Prozentsatz" herausrechnete und das Verhältnis der „Reifen" zu den „Unreifen" oder „Kaum ziemlich Genügenden" nicht richtig fand! Man spricht in den letzten Zeiten so ausgiebig viel von.bösen „Prügelpädagogen".i Auf dem Gebiete der Osterversetzuugen und wie sie von Flacys- manN und Genossen gehandhabt werden, liegt eines der Grundübel. Wer es nicht glaubest will, soll irgendwo Nachfrage, halten. Jedenfalls ist das Charlottenburger Projekt, das ist allen größeren Städten Nachahmung finden sollte, ganz dazu angetan, unserer Volksschule vorwärts zu helfen, und es gebührt dem Magistrat für diese prächtige Idee die Anerkennung aller Volksfreunde! A. R.
Bilderrätsel.
(Nachdruck verboten.)
(Auflösung in nächster Nummer.)
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Auflösung des Wortspiels in vor. Nr.:
a. Noten, Lama, Genie, Reiz, Halm, Haut, Insel, Rain, Kaier b. Tonne, Alma, Neige, Zier, Mahl, Utah, Silen, Iran, Kreta. Tanzmusik.
Redaktion: Au«ust Göd. — Rotationsdruck und Bexlag jbpt.aehH'to« n»i»-rritLts-BuL- und


