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Anstoß .für Europa gab der Sturm vom 14. November 1854, der den im Schwarzen Meere befindlichen Flotten Frankreichs und Englands verderblich wurde und dessen Untersuchung durch Le- verrier zu dem Ergebnis führte, daß eine telegraphische Benachrichtigung, die etwa beim Einsetzen dieses über Wien ostwärts sich bewegenden Zyklones von Wien aus gegeben wäre, noch rechtzeitig hätte warnen können.
Wir wenden uns nun zu der weiteren Frage: Was nützen die synoptischen Karten und wie können wir durch sie eine Wettervorhersage machen?
Namentlich ist es das tägliche Studium der Isobarenkarte gewesen, welches zu der Erkenntnis geführt hat, daß mit den einzelnen Formen und Ausbuchtungen dieser Linien ganz bestimmte typische Wetterzustände verbunden sind. Diese Regelmäßigkeit ist so groß, daß, wenn man nur weiß, wie sich mt Laufe der nächsten 24 Stunden diese Isobaren mutmaßlich über Europa verschieben werden, man alsdann auch mit derselben Wahrscheinlichkeit das an den verschiedenen Orten zu erwartende Wetter Vorhersagen kann.
Freilich ist das nur das Fundament, welches in seinen Einzelheiten auch noch mancherlei Verbesserungen durch weitere fortgesetzte Vergleichungen fähig fein dürfte. Ein Zweites muß hinzukommen, nämlich die Kenntnis derjenigen Regeln, nach denen sich die durch die Isobaren zum Ausdruck kommende und für den Zeitpunkt morgens 8 Uhr geltende Lnftdruckvcrteilung nun mutmaßlich im Laufe des oder der nächsten Tage über den Kontinent vorwärts bewegen bezw. in sich verändern wird.
So hat also das Studium der Wetterkarten vergangener Tage und Jahre zur Erkenntnis von mancherlei Gesetzmäßigkeiten geführt. Ihre verständige Benutzung ermöglicht es dem Meteorologen, statt blind zu raten, nunmehr eine auf gewisse Wahrscheinlichkeiten begründete Prognose auszustellen. Leider erstrecken sich alle diese Regeln über die Veränderung der Wetterlagen nur auf wenige Tage. Die Prognose auf Grund einer Wetterkarte kann daher auch nur für eine so kurze Zeit im vorans wissenschaftlich begründet werden. Schon für den zweiten folgenden Tag ist bei der großen Mannigfaltigkeit der Kombinationen die Prognose ganz erheblich viel unsicherer als nur für die ersten 24 Stund n. Und gar erst der Versuch, das Wetter einer kommenden Jahreszeit Vorhersagen zu toollcn, entbehrt fast ganz einer geseßmäßigen Begründung. Wir sagen fast ganz. Denn es sind in der Tat einige bemerkenswerte Anläufe gemacht worden, um den Zusammenhang des allgemeinen Wetters einer bestimmten Zeit mit demjenigen einer späteren Zeit in Beziehung zu setzen. So hat z. ,B. Petterson in Stockholm gefunden, daß, wenn die Meerestemperatur an der norwegischen Küste im Dezember besonders hoch oder niedrig ist, hieraus auf ein besonders warmes bezw. kaltes Frühjahr in Mitteleuropa zu schließen sei. Ein anderer von G. Karsten und mir empfohlener Weg, das mutmaßliche Wetter für längere Zeit im voraus zu berechnen, ist der folgende. Man sucht auf Grund früherer Aufzeichnungen diejenigen Jahre heraus, deren Wetterzustände mit denen des letzten oder der letzten Monate die größte Aehnlichkeit haben. Man kann alsdann annehmen, daß das jetzt kommende Wetter zunächst noch dieselben Hauptzüge bewahren wird, wie sie in jenen voraufgegangenen Jahren in der entsprechenden Zeit geherrscht haben. Zu wirklich allgemein gil- tigen größeren Erfolgen haben diese oder ähnliche Bestrebungen bisher nicht geführt und eine Begründung der volkstümlichen Wetterregeln auf lange Zeit im voraus ist durch sie noch in keiner Weise ermöglicht.
Das durch die obigen Regeln der Isobarenkarten, der Zugstraßen und der Wettertypen wissenschaftlich begründete Fundament der Wettervorhersage erfährt nun aber durch die Hinzufügung rein lokaler Wetterbeobachtungen eine sehr merkliche Erweiterung. Man kann auch sagen, daß die bloß lokale Wetterbeobachtung durch die Hinzufügung der gleichzeitigen Wetterkarten in noch Piel höherem Maße an Wert gewinnt. Erst die gemeinsame Berücksichtigung von Wetterkarte, Barometer, Windrichtung und allgemeiner Wetteransicht klärt den Beobachter über die Sachlage auf. Tie wichtige Frage ferner, ob N a ch t f r ö st e zu erwarten sind, ist auf.Grund der Wetterkarte allein nicht immer sicher zu entscheiden. Der Feuchtigkeitsgehalt des lokalen Bezirks gibt den Ausschlag, ob eine Abkühlung unter Null möglich ist ohne Kondensation von Wasserdampf, oder ob bereits vorher Nebelbildung zu erwarten ist, welche den Nachtfrost verhindert. Befragt inan daher nicht bloß die Wetterkarte, sondern auch das Psychrometer, so ist hei trockener Luft Nachtfrost, bei feuchter Nebel oder Niederschlag vorherzusagen.
. „ Die örtliche Beobachtung von' Luftdruck, Temperatur, Feuchtigkeit, Windrichtung und Bewölkung sind also für die Wettervorhersage von größtem Nutzen und zwar nicht bloß die absoluten Werte, sondern auch die Aenderungen. Zu wissen, .ob das Barometer steigt oder fällt, ist meist viel wichtiger, als seinen absoluten Stand zu kennen. Gleich bedeutungsvoll sind auch 'manche der sogenannten .Wetterregeln, wie sie sich im Volksmunde überall und vielfach von ganz spezieller örtlicher Beziehung, herausgebildet haben. Bon einer Erklärung und Begründung weiß der Volksglaube, in der Regel nichts. Aber im Lichte der gesetzmäßigen Zusammenhänge, die wir in den verschiedenen Wetterlagen und ihrer Aufeinanderfolge erkannt haben, sehen wir rückwärts ein, daß und wie weit sie begründet sind. Heißt es z. B.
hierzulande: „Wie am Freitag, so ist auch am Sonntag das Wetter", so steckt hierin etwas Richtiges und etwas Falsches. Richtig ist, daß Zyklone, die aus derselben Zngstraße, einer dem andern folgend, an uns vorüberziehen, oft etwa zwei Tage für den Borübergang brauchen. .Waren wir also am Freitag z. B. in der Vorderseite des einen Zyklones mit Regen, so können wir nach einem frischen und heiteren Wetter am Samstag wieder zum Sonntag.in die Vorderseite des nachfolgenden Zyklones, also abermals in Regen geraten. Falsch aber an der Wetterregel ist es, daß der Zeitraum zwischen zwei Zyklonen etwa immer zwei Tage betragen solle, und reiner Aberglaube ist es, daß diese Regel etwa gerade für Freitag und Sonntag und nicht ebenso gut auch für Montag und Mittwoch passen solle. Die Regel: „Je Weiler man sieht, desto näher der Regen" findet ihre Begründung, wie wir jetzt wissen, darin, daß aus der Vorderseite eines Hoch- druckkeilcs ungemein durchsichtige Luft vorhanden ist und die nicht allzuweit entfernte Rückseite des Keiles schweren Regen bringt. Tie Regel wird also bestätigt, wenn der Keil über uns fortzieht, Sie wird versagen, wenn unser Ort statt in die Rückseite des feiles direkt in das eigentliche Hochdruckgebiet kommt. Ferner: „Starker Tau bedeutet anhaltend gutes Wetter"; das ist begründet, da Taubildung vorzugsweise bei antizyklonalem Strahlungswetter eintritt, und dieses, wie wir sahen, die Tendenz zu längerem Anhalten hat. Eine Menge von Wetterregeln, namentlich die auf das Ausfliegen der Vögel bezogenen, finden dieselbe Begründung.
Auf eine möglichst ausgiebige Heranziehung lokaler Beobachtungen und Wetterregeln zur Ergänzung und Spezialisierung der aus den synoptischen Karten abzulesenden Wetteranzeichen muß daher der praktische Witterungsdienst Bedacht nehmen, lieber die Organisation des letzteren mögen einige Angaben interessieren, die wir aus Deutschland beschränken. Bon 1876 an übernahm die Deutsche Seewarte den bis dahin von Berlin aus vermittelten Austausch von Wettertelegrammen. In Chiffreschrift laufen von zahlreichen deutschen und ausländischen Stationen die Telegramme der 8 Uhr Beobachtung ein. Jedes Telegramm enthält zwei Zahlengruppen zu je fünf Ziffern. Die drei erstm Ziffern geben den Barometerstand mit Weglassung .der 7 auf eine Dezimale an. Also z. B. 594 gleich.759,4 Millimeter. Die folgenden beiden Zahlen geben die Windrichtung nach 32 von Nord über Ost gerechneten Winden, z. B. 16 gleich Süd; 06 gleich Ostnordost, an. Tie 6. Ziffer gibt von 0—9 die Windstärke in Beauforts Skala; die 7. die Himmelsansicht (0—4 Bewölkung, 5 Regen, b Schnee, 7 Dunst, .8 Nebel, 9 Gewitter). Die drei letzten Ziffern sind für die Temperatur bis auf Zehntel Grade bestimmt. Temperaturen unter Null werden dadurch gekennzeichnet, daß die erste Ziffer um 5 vermehrt wird. Die Depesche 59 406 26 605 bedeutet daher Barometer 759,4 Millimeter; Wind Ostnordost; Windstärke 2 (leicht), Schneefall, Temperatur —10,5 Grad. Auf Grund der xingelaufenen Telegramme wird in etwa einer Stunde eine Isobarenkarte gezeichnet. Das Ergebnis wird durch .gleichfalls chiffrierte Jsobarentelegramme nach verschiedenen Orten initgeteilt. Zu diesem Zweck ist die Karte von Europa in größere Quadrate 0—9 und jedes derselben wieder in 100 Heinere Quadrate geteilt, deren Horizontal- und Vertikalreihen durch je eine Ziffer bezeichnet werden. So kann durch Kombination von drei Ziffern jedes beliebige dieser kleinen Quadrate bezeichnet, also eine sehr genaue Ortsangabe bewirkt werden. Daneben geschieht Sine Versendung der schnell gedruckten Wetterkarten und eine teils telegraphische, teils briefliche Versendung von Prognosen. Vom 1. Mai 1900 an war es ermöglicht, daß bereits zwischen 9Hz und 10 Uhr vormittags die sogenannte erste Abonnementsdepesche von Hamburg aus an jede Telegraphenstation geschickt werden konnte, worin das Ergebnis der 8 Uhr Beobachtung von 17 deutschen, 4 englischen, 2 französischen, 1 niederländischen, 2 dänischen, 2 norwegischen und 4 schwedischen Stationen mitgeteilt wird. Zwischen 10 und 11 Uhr wird eine zweite Abonnementsdepesche ausgegeben, welche kurze Ueberficht der Witterung .und /ine Prognose für den kommenden Tag enthält.' Etwa um 1 Uhr folgt dann .eine Ergänzungsdepesche mit den 8 Uhr-Beobachtungen von 17 weiteren Stationen. Besonder^ Sturmwarnungen für die Küstenplätze werden nach.Umständen daneben versandt. Eine Kugel' wird alsdann in den Häfen aufgezogen und bedeutet atmosphärische Störung. Nordwest- und Nordoststurm werden durch ein bezw. zwei Kegel mit der Spitze nach unten signalisiert. Tie von Hamburg abgelassenen Telegramme werden insbesondere in Berlin und Chemnitz, wo seit 1878 ein Witterungsdienst besteht, . durch Sammlung weiterer benachbarter Telegramme vervollständigt und .zu einer in den ersten Nachmittagsstunden auf verschiedene Weise verbreiteten Prognose verarbeitet. In München, Stuttgart, Karlsruhe, Straßburg, Äaehen, Köln, Frankfurt, Königsberg sind weitere Zentralstellen in Tätigkeit, welche mehr oder weniger unabhängig von der Seewarte in erster Linie auf die Herausgabe einer mehr lokalen Prognose bedacht sind. So ist es überall in Deutschland möglich, schon um die Mittagszeit in den Besitz der allgemeineren, für größere Teile Deutschlands ausgegebenen und bald darauf auch fn den Besitz einer schärfer lokalisierten Prognose zu gelangen. Dies in zunehmender Entwicklung begriffenen Ra» dialsystem, d. h. des Anschlufses vieler einzelner Nebenzeutra an ein Hauvtzentrum des Landes scheint dem in Amerika ein


