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suchungsrichter zugegckben, daß er gegen den Vater oft ungehorsam gewesen und ihn auch mehrmals geschlagen habe, das letzte Mal sogar mit einem Stock. Er könne es sich aber nicht gefallen lassen, als erwachsener und verheirateter Mensch, der selbst bald Vater eines Kindes sein werde, daß der alte Vater ihm nicht die nötige Freiheit K"e, zu tun, was ihn: beliebe. Er sei eben ein hitziger
nsch. Es tue ihm natürlich auch leid, den Vater das letzte Mal zu sehr geschlagen zu haben. Aber der Vater solle ihn eben in Ruhe lassen, dann würde er ihn mit keinem Finger mehr anrühren. — Das junge Weib hatte vollständig in Abrede gestellt, ihren Mann gegen den Alten aufgehetzt zu haben. Ihr Manu wisse selbst, was er zu tun habe. Der Alte sei ein rechthaberischer, zanksüchtiger Mensch, und habe auch an ihr immerfort allerlei auszufetzen. Sie selbst habe den Alten nie mißhandelt.
Von dem Verhör der übrigen, in dieser Sache zitierten Zeugen nimmt der Untersuchungsrichter vorläufig Abstand.
Im Bestreben, diesen Familienzwist in Güte beizulegen, ihn gar nicht vors Gericht zu bringen, schickt er den Alten wie den Sohn aus dem Zimmer hinaus, — und beginnt auf das junge Weib einzureden.
Seine Stimme, an sich ein angenehmer, nicht zu tiefer Baß, klingt bei solchen Aülässen immer viel lauter, als gerade nötig, und schwillt dazwischen zu ganz respektabler Klangfülle an.
„Deinen Mann liebst Du doch, Törin, die Tu bist? Möchtest nicht ohne ihn zu Hause versauern? Und wenn Dir Gott vielleicht bald ein Kind schenkt, so möchtest Du das Kind nicht allein erziehen, ohne Hilfe Deines Mannes? — Bei Deinen langen Flechten und kurzem Verstände hast Du wohl geglaubt, daß es nicht viel zu be- oeuten habe, wenn der Sohn gegen seinen Vater die Hand erhebt, ihn schlägt? — Ich will's Dir sagen, welche Strafe darauf steht; Deinen Mann erwartet die Arrestantenrotte, ja Sibirien! — Wenn Du an meinen Worten zweifelst, laufe doch in die Stadt, zu den Advokaten, — sie werden Dir alle dasselbe sagen. In solchen Sachen braucht der alte Vater gar keine Zeugen. Seine eigene Aussage genügt — und die Meinung des Doktors. Siehst Du, so steht jetzt eure Sache! Nur wenn der Alte diesmal noch verzeiht, nur dann bleibt Dein Mann diesmal noch straflos. — Freilich muß er sich in Zukunft dann sehr zusammennehmen, nicht wieder in so grober Weise zu sün- oigen — gegen das fünfte*) Gebot! — Wie heißt der Priester in eurem Pogost?**) Vater Pawel? — Geh hin zu ihm, Du arme Törin, laß es Dir von ihm erklären, was es mit diesem fünften Gebot auf sich hat. — Und wenn Du selbst Kinder haben wirst, so siehe zu, daß Du sie von Jugend auf erziehst — streng nach dem fünften Gebot. Bei aller Liebe zu ihnen, gib ihnen früh die Rute zu kosten, wenn sie die Ehrfurcht, die sie ihren Eltern schuldig sind, auch nur im geringsten zu verletzen wagen. Nur dann — wirst Du Freude haben an Deinen Kindern! — Und wenn einst Du und Dein Mann alt und schwach geworden, so toerbet ihr dann nicht das zu erleben brauchen, was Dein alter Schwiegervater jetzt an seinem Sohne erlebt. — Na, ich glaube, Du hast begriffen, was Du jetzt zu tun hast?"
Gr trat ganz nahe an das Weib heran.
„Ich glaube. Dein Mann ist noch — recht verliebt in Dich! Er wird Dir in allem zu Willen sein. Geh also jetzt zu ihm, wasch ihm tüchtig den Kopf! — Laß ihn den Alten bitten, ihm dieses eine Mal noch zu verzeihen, — heilig soll er ihm dabei versprechen, ihn nicht mehr so schlecht zu behandeln! — Rede auch Du dem Alten zu, so gut Du es verstehst. Er sieht ja gutmütig genug aus. Sein Herz wird gewiß kein Stein bleiben, wenn Du selbst ihn hübsch bittest. — Geh jetzt, mach Deine Sache gut! — Und schicke dann den Alten und Deinen Mann hierher zu, mir, damit ich ihre Versöhnung auch hier", er wies wuf die in braunem Umschlag vor ihm
*) Im evangelisch-lutherischen Katechismus das vierte Gebot.
**) Pogost — heißt die gauze Gruppe der in nächster Nähe der Kirche gelegenen Wohnhäuser des Priesters und der sonstigen Diener der Kirche, mit Einschluß der Häuser aller andern Personen, die sich im Laufe, der Zeit dort niedergelassen.
liegenden Akten des Falles, „in giltiger Weise verschreibe. Geh jetzt mit Gott, meine Liebe! Du selbst brauchst nicht mehr hierherzukommen. Ich wünsche Dir und Deinem Mann — alles Gute!"
Das junge Weib hatte bei des Untersuchungsrichters eindringlichem, laut wie eine Kirchenglocke tönendem Zuspruch — seine dreiste Zurückhaltung sehr bald verloren, hatte sogar ein paar Tränen vergossen. Mit mehrmals wiederholtem „Dank!, Euer Wvhlgeboren, vielen Dank!" verläßt das junge WIeib das Zimmer unter tiefen Verbeugungen.
Mährend der überlauten Vermahnung des Weibes ist es im Nebenzimmer, wo vorhin, hinter der schlecht- schließenden Tür, zufällig passierende Reisende sich sehr ungeniert miteinander unterhalten hatten, mäuschenstill geworden. Ebenso still ist es geworden — aus der Straße, unter den offenen Fenstern. Auch dort hat man den weithinschallenden Versöhnungsversuch des Untersuchungsrichters offenbar mit großer Teilnahme verfolgt.
„Na, da habe ich wieder einmal meinem Spitznamen Ehre gemacht", wendet sich der Untersuchungsrichter an den Arzt, „nicht wahr, ich bin und bleibe die unverbesserliche Jerichoposaune?"
(Fortsetzung folgt.)
Die Wettervorhersage *)
Das Interesse, zu wissen, wie das kommende Wetter wird, ist ein großes und allgemeines. Der Landmnnn ist fast täglich mit seinen Arbeiten vom Wetter abhängig. Wieviel zweckmäßiger könnte er ost seine Anordnungen tresfen, wenn er genau wüßte, ob es 'brocken bleiben wird oder nicht. Der Schisser möchte ost wissen, wohin der Wind drehen wird, er würde seine Reise verschieben oder beschleunigen, wenn er einen Sturm oder eine Windstille vorhersehen könnte. . Für zahlreiche gewerbliche Arbeiten und nicht am wenigsten für unser Vergnügen und unsere Erholung ,im Freien und auf der Reise wäre es von unschätzbarem Werte, das Wetter vorher zu wissen. Das Wetter aber wechselt beinahe unaushörlich in unseren Breiten. Wetterwendisch ist ja die Bezeichnung für etwas unberechenbar Schwankendes.
Welche Mittel und Ueberlegungen stehen nun der modernen Wetterkunde zur Berstigung, um eine Wettervorhersage zu machen? ,
Ter leitende und mit Erfolg gekrönte Grundgedanke ist ein sehr einsacher. Wer ins Wetter sehen will, der bleibt nicht im Zimmer, pon wo er nur einen kleinen Teil des Himmels erspähen kann; er geht vielmehr so weit ins Freie oder aus einen Ausguck, um Möglichst den ganzen Horizont überschauen zu können, Tie Wölbung der Erde setzt seinem Blick ein Ziel. 20 bis 100 Kilometer ist etwa die Grenze, bis wohin die Beschaffenheit der Luft Lu übersehen ist, wenn man von den ganz hohen Wolken absieht, die noch weiterhin sichtbar werden. Wenn es nun möglich .wäre, gewissermaßen mit einem Blick die gesamten über dem europäischen Kontinente momentan vorhandenen Wetterverhältnisse zn überschauen, so müßte dies für die Vorhersage offenbar großen Vorteil erwarten lassen. Zur Verwirklichung dieses Gedankens ist zweierlei nötig, erstens müssen die zu einem und demselben Zeitpunkte über dem ganzen Kontinente gemachten Beobachtungen zn einem übersichtlichen kartographischen Bilde vereinigt werden, d. h. es muß eine sogenannte synoptische Karte gezeichnet werden; zweitens muß die Sammlung aller dieser gleichzeitigen Beobachtungen an einer Zentralstelle so schnell geschehen, daß überhaupt noch.Zeit für eine Vorhersage auf 24 oder 48 Stunden übrig bleibt. Tas ist durch internationale Verständigung der Telegraphenverwaltungen ermöglicht, welche täglich zu ganz bestimmten Stunden ihre Linien diesem Zwecke zur Verfügung stellen. So ist es seit etwa 40 Jahren ermöglicht worden, daß bald nach 8 Uhr morgens die gesamten um diese Zeit gleichzeitig angestellten Beobachtungen in einzelnen Zentralen des Kontinentes, bei uns in Hamburg auf der Seewarte, vereinigt und zur schnellen Konstruktion einer synoptischen Karte verarbeitet werden konnten. Das Ergebnis und die darauf basierte Prognose kann alsdann bereits wenige Stunden nach 8 Uhr durch den Telegraphen nach .allen Richtungen hin verkündet werden. Tieise Organisation ist im Laufe der Jahre immer vollkommener geworden und beschränkt sich schon längst nicht mehr aus die eine Morgenbeobachtung, sondern zieht auch die Termine 2 Uhr mittags und 8 Uhr abends mit heran. Ten eigentlichen Ansporn zu diesen Unternehmungen gaben die Arbeiten von Brandes und Buys Ballot, welche beide bereits erkannten, daß sich gewisse Wetterzustände über den Kontinent sortpflanzten und daher durch schnelle Benachrichtigung vorher zu verkünden sein müßten. Den äußeren
*) Wir entnehmen die nachstehenden Ausführungen bein soeben in der bekannten Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständ- licher Darstellungen „Aus Natur und Geisteswel^ erschienenen Bändchett von Prof. Weber „Wind und Wetter".


