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(Nachdruck verboten.)
Die Jerichoposaune.
Ans den Erlebnissen eines russischen Gerichtsarztes.
Von E. v. Trojanowsky.
1. Kapitel.
Wolkenlos blau der Himmel, herzerfreuender Frühsonnenschein. Die frische Frühlingsluft voll würzigen Duftes der jungen, hellgrünen, wie lackiert aussehenden Blätter der Birken und Pappeln in der Nähe des Weges. Und kräftiger Erdgeruch aus den soeben vom Pfluge krisch umlegten Schollen. In den Chausseegräben, an Feldrainen, und unter den in kleinen Gruppen verstreuten Bäumen kurze Halme aufsprießenden Grases mit neugierig hervorlugenden Frühblümchen. In Niederungen und am Nordabhang einiger Bodenerhöhunaen weißblinkende Reste unaufgetauten Schnees. Gaukelnde Schmetterlinge, gelbweiß mit schwarzen Ecktupfen oder braunschwarz tritt rostfarbenen Randfiguren, — rundum munteres Vogelgezwitscher, langsam vorübersegelnde Störche, vom Saume des Waldes Kückuckruf, schier unermüdlich sich wiederholend, und „langes Leben" verheißend jedem, der fragend hinhorcht.
In dem gelb getünchten, steinernen, einstöckigen Sta- tionsgebäude an der, zwei. Kreisstädte des Gouvernements miteinander verbindenden Chaussee, im besten der für die Durchreisenden reservierten Zimmer, sind die Fenster weit geöffnet. Die drinnen Beschäftigten wollen auch ihr Teil haben an dem freundlichen Frühlingszauber draußen.
Vor der aus dem Flur in jenes Zimmer führenden Tür steht ein baumlanger Ssotzki (Dorfpolizist), die Klinke tn der Hand. Er läßt nur diejenigen Leute passieren, die vom Untersuchungsrichter auf den heutigen Tag hierher beseh jeden sind, einzeln nach namentlichem Aufruf. Draußen, in der Näh!e der Stationstreppe, auf dem Hofe der Station und in der nahen Schenke, warten die auf heute Zitierten, viele von ihnen bet ihren Wagen und Pferden. Ein zweiter Ssotzki steht an der Pforte des Stationshofs, als Hüter der öffentlichen Ordnung.
Drin im Zimmer, auf dem harten Sofaj hinter dem runden, jetzt mit Papieren und Aktenheften bedeckten Tische, sitzt der Untersuchungsrichter tn einfachem Dienstanzug. Groß von Wirchs, breitschultrig, von militärisch strammer Haltung, trotz seiner kaum 35 Jahre mit äußerst dünnem Haarwuchs und kleiner Glatze, — in dem großen, hochstirnigen, länglichen, stets blassen Gesichte, mit seinen nicht großen, aber lebhaft blickenden Augen, der Ausdruck nicht gewöhnlicher Intelligenz und Wtllensenergie. Er hat sich zurückgelehnt an die steile Hinterwand des Sofas und fixiert ernsten Blickes die drei vor ihm stehenden Personen. Es sind das ein ziemlich, dürftig gekleideter Bauer
mit fast kahlem Kopfe und gelblich weißem Vollbart um das kleine, äußerst gutmütig dretnschauende Gesicht, — der Sohn des Alten, ein kräftiger, ziemlich wohlgenährter Mensch von kaum 23 Jahren, mit ebenfalls gutmütigen, jetzt aber durch finster zusammengezogene Augenbrauen und aufgeworfene Lippen etwas entstelltem Gesicht, — und! sein neben ihm stehendes, junges, auffallend hübsches Weib, das den Untersuchungsrichter mit seinen nußbraunen Augen in dreister W!eife anstarrt, und dem offenbar der aus der Stadt herübergekommene Herr weit weniger zu imponieren! scheint als ihrem Manne und Schwiegervater. Das junge Paar ist gut gekleidet, fast etwas stutzerhaft.
Neben dem Untersuchungsrichter sitzt der Arzt, der mit ihm zusammen heute morgen auf der Station eingetroffen, um den Gesundheitszustand verschiedener Personen, die in der letzten Zeit wegen allerlei Mißhandlungen oder Verletzungen klagbar geworden waren, zu untersuchen. Soeben! hatte er den vor ihm stehenden alten Bauern besichtigt, und aus den Armen und dem kahlen Kopse desselben mehrere blaue Flecken und Schramnien gefunden. Seiner Meinung nach rührten diese Spuren von Schlägen her, die dem Alten vor etwa einer Woche beigebracht worden. Sie wären, da zum Glück die Armknochen und der Schädel keinen Schaden genommen, als leichte Verletzungen zu bezeichnen, trotz des hohen Alters des Mißhandelten.
Das Verhör des alten Bauern, seines Sohnes und der Schwiegertochter hatte der Untersuchungsrichter schock vorher beendet, und ihre Aussagen protokolliert.
Der ältere Sohn des Bauern diente zurzeit ick Warschau als Soldat. Vorläufig wollte der Alte sein Anwesen noch selbst bewirtschaften, dann aber, nach der Heimkehr des älteren Sohnes, seinen Besitz unter beide Söhne teilen, sich nur freie Verpflegung bis zum Tode vorbehaltend. Bis zu seiner vor einiger Zeck erfolgteck Verheiratung war das Verhältnis des jüngeren Sohnes zum Vater kein schlechtes gewesen. Seit seiner Verheiratung aber empfand er, hauptsächlich wohl aus Anstiften seines jungen, herrschsüchtigen Weibes, den Vater als unangenehme Zugabe, warf ihm vor, daß er bei seiner Schwäche nicht mehr ordentlich arbeiten könne, und also ein unnützer Brotesser fei, — und wolle ni<ht, daß er sich einmische in die Wirtschaft und Arbeitseinteilung, oder mitrede beim Verkauf der Ernteüberschüsse und Ankauf der Haushaltungsbedürfnisse und Haustiere. Wenn Worte allein nichts fruchten wollten, hatte er auch schon öfters die Hand gegen den Vater erhoben, ihn gestoßen und geschlagen, ja bei dem letzten Anlaß dieser Art den Vater gar mit dem Stocke empfindlich mißhandelt. Dadurch zunt. äußersten gebracht, bittet der Alte jetzt den Untersuchungs- richter, den unbotmäßigen Sohn nach dem Gesetz zu der üblichen Strafe verurteilen zu lassen, und ihn zu zwingen!, in Zukunft Frieden zu halten, und sich ntcht mehr tätlich an ihm zu vergreifen. — Der Sohn hatte dem Unters


