258
Schleichwege. Dagegen wird es Wohl soweit kommen, daß vir eines Tages stürmisch aufeinander geraten und uns in Offenem Kampfe auf Leben und Tod gegenüberstehen."
„Sie wird froh sein, daß Sie Rohapetta wenigstens jmf ein paar Tage verlassen,"
„Natürlich. Ach, und wie gerne bliebe ich hier! Mer das Fieber und das viele Chinin haben m'ein Blut derart Erregt, daß es mir jetzt in den Ohren klingt, als hörte ich kaute Blechmusik, und meine Augen spielen mir allerlei tolle Streiche. So scheint es mir, während Sie doch ruhig hier sitzen, als tanzten Sie fortwährend vor mir herum, na, meine Kräfte bedürfen wirklich der Stärkung; es harrt fneiner noch viel Arbeit. Mer auch Sie werden noch mit mancher Schwierigkeit und manchem Verdruß zu kämpfen haben. Doch, ich weiß, Sie werden nicht wanken, und schließlich muß Ihr guter Einfluß den Sieg davontragen. Nicht wahr. Sie verlassen Ihren Posten nicht?"
„Rein."
„Geben Sie mir die Hand darauf."
Schweigend ergriff ich die feinige. Sie brannte wie Feuer.
„Sie werden den Knaben nicht im Stich lassen. Gerade jetzt ist er in einem Alter, wo tzr die guten Eindrücke wie eine durstige Pflanze in sich aufsaugt, und diese müssen trotz der fortgesetzten schlimmen Einwirkungen in der Zukunft doch gute Früchte für sein Volk tragen. Er hat schöne Anlagen und neben dem schlechten auch edles Blut in den Mern."
„Ich weiß noch so wenig von feiner Familiengefchichte", bemerkte ich.
„Ach, diese Geschichte ist lang, verworren und mannigfaltig. Wollte ich mit einer Erzählung beginnen, so käme ich vor einer Woche nicht zu Ende. Kriege, Siege, Niederlagen folgten in buntem Wechsel aufeinander. ist ein kriegerischer Stamm, dessen Neigung auch jetzt noch ihre Blüten treibt. Sv kenne ich zwei hübsche junge Männer, Glieder der Familie, die ihre Dienste der Krone Englands angeboten haben und so gern als Offiziere in ein Regiment Eingeborener eintreten möchten, um zugleich auch etwas von der Welt zu scheu und andere Völker, Sitten und Kriegführung kennen zu lernen, allein die Rani Sun- daram duldet es nicht."
„Und so müssen die jungen Leute in Müßiggang ver-- Wmmern?"
„Jä."
„Und wer sind eigentlich alle diese Frauen, die hier wie Fliegen herumschwärmM?"
„Verwandte, Dienerinnen und Sklavinnen^ "
„Sie scheinen auch nicht zu arbeiten, sondern ihr Leben stur mit Klatschen, Baden und Essen zu verbringen."
„Allerdings. Ihre einzige Arbeit besteht darin, daß sie die Einkünfte des Staates aufzehren und ihre Neben- menschen durchhecheln. Es gibt jä auch indische Höfe, wo die Frauen hochgebildet und wohlbewandert in der Literatur ihres Landes find, wo sie gewandt Englisch lesen, Klavier spielen und sticken; hier aber find wir noch altmodisch, weil das Haupt der Familie eigensinnig anf alten fest- ?ält. So sehr sich die Rani Sundaram gegen allen Fort- chritt sträubt, um so großartiger ist sie im Ränkespielen und schlauen Berechnen. So hat sie es zum Beispiel fertig gebracht, daß die kleine Lucksmi, Ihre Schülerin, in der ersten Woche des März verheiratet wird."
„Sie ist ja aber erst sieben Jahre alt."
„Schadet nichts, das ist hier so Sitte. Und zwar macht. die Kleine eine recht gute Heirat, obwohl sie selbst keine große Mitgift bekommen wird."
„Ich glaubte, die Familie sei ungeheuer reich."
„In der Toscha-Khana liegen allerdings große Schätze an Gold, Silber und Juwelen aufgespeichert, allein es ist Ehrensache, diese nicht anzugreifen, sondern immer zu ver- mehren und lieber in Schulden zu sterben."
„Das ist ja Unsinn!"
„Die Höfe wetteifern miteinander an Berfchwendungs- sucht. Fortwährend werden Pferde und Wagen aus England bestellt, Edelsteine gekauft, Lustbarkeiten veranstaltet und ungeheure Summen für Tollheiten aller Art verschleudert. So gab ein Radschah einmal eine ganze Million Rupien beim Hochzeitsfest seiner Lieblingstaube aus."
Lautes Räderrollen ließ sich jetzt im äußeren Hofe vernehmen und kündigte die Rückkehr der Schloßbewohner an, die nach der Stadt gefahren waren, um die Beleuchtung anznfehen.
„Sie kommen!" rief ich hastig auffahrend. Ich muß Weggehen."
„Warum fciettn ? Sie sind weder eine Jndierin, noch das Aschenbrödel hier."
„Trotzdem möchte ich lieber gehen. Hoffentlich kommen Sie recht frisch miw wohl vom Gebirge zurück!"
Schon hörte ich Stimmen und Schritte; es schien mir sogar, als hätte ich Shumsha-Lals stattliche Gestalt einest Augenblick gesehen, und noch ehe Mr. Thorold mir antworten konnte, war ich verschwunden. Vom dämmerigen Gang aus aber warf ich noch einen Blick zurück und sah ihn allein in dem großen Andienzsaale stehen: ein einsamer Mann, obgleich in seiner Hand die Zügel der Regierung des alten Fürstentums Rohapetta lagen.
Als ich mein Zimmer erreicht hatte, bemerkte ich, daß nicht weniger als drei Lampen auf dem Tische brannten und zwei weitere hoch oben von den niedrigen Fenstern herabschimmerten.
„Ich verschaffte Ihnen diese Lichter", sagte Mnnasaw-my mit einer Verbeugung, „damit auch die Miß Sahib sich die Gunst der Göttin erwerbe und ihr viel Glück im kommenden Jähre zu teil werde."
Leider war wenig Aussicht vorhanden, daß seine guten Wünsche sich erfüllten, denn bis jetzt schien die Glücksgöttin meine Person geflissentlich übersehen zu haben.
16.
Nachdem der Reiz der Neuheit meiner Stellung vorüber war, fing ich doch allmählich an, mein Leben recht einförmig und das Eingeschlosfensein hinter den hohen Mauern bedrückend zu finden, sodaß sich immer ungestümer der Wunsch in mir regte, auch einmal über den Garten hinauszudringen. Als ich jedoch meiner Gefährtin, Hüterin und Aufpasserin Begnr diesen Wunsch mitteilte, versicherte, sie mir sofort, der Regierungsbevollmächtigte sei ein solcher Geizhals, daß nicht einmal eine genügende Anzahl Wagen für die Damen des Hofes vorhanden wären. Daß diese Damen häufig in geschlossenen Wagen ausfuhren, um Besuche zu machen, hatte ich schon wiederholt bemerkt. „Ich will aber sehen", fuhr Begnr fort, „ob ich Ihnen nicht bald einmal eine Ausfahrt möglich machen tarnt."
Wie sehnte ich mich danach, aus dem Palast herauszukommen, und wäre es auch nur, um eine schmutzige Hütte oder ein Reisfeld zu sehen: irgend etwas, das nicht von einer Mauer umgeben war!
Eines Tages wagte ich mich bis zum großen Einfahrtstor heran> mit der Mficht, es zu öffnen und mir einen Gharry zu mieten. Allein die Türe war verschlossen, und als ich um den Schlüssel bat, schüttelte Begnr, die mir natürlich auf den Fersen gefolgt war, nur den Kopf und lachte.
„So bin ich also eine Gefangene?!" rief ich ärgerlich.
„O nein, durchaus nicht. Die Miß Sahib könnte natürlich ausgehen, wenn es sich schickte; allein sie ist jetzt ein Mitglied des Hofes und darf sich nicht zu Fuß auf der Straße sehen lasfen, Has wäre eine große Schande. Ich will jedoch mein möglichstes tun, daß Sie bald einmal einen Wagen zur Verfügung bekommen."
Allein immer wieder blieb es bei diesem „bald einmal".
Die junge Rani ließ mich jetzt häufiger zu sich holen und bat mich, ihr auf der Guitarre vorzuspielen oder, ihr Geschichten zu erzählen — die gleichen wie den Kindern. Ihr Lieblingsmärchen war Aschenbrödel oder der gläserne Pantoffel. Sie war aber auch wirklich in ihrem ganzen Fühlen und Denken wie ein großes Kind. Mehr und mehr nahm sie mich unter ihren besonderen Schutz, vielleicht weil ihre Kinder mich gern hatten, und gelegentlich durfte ich sie sogar auf einer Spazierfahrt in ihrem Pruukwagen begleiten. Ein großer Genuß konnten diese Fahrten freilich nicht genannt werden, da man dabei nur wenig von der Umgebung zu sehen bekam und die Luft dumpfig und mit dem Geruch von Eedernöl geschwängert war. Mein ich hatte doch wenigstens das erleichternde Gefühl, „draußen" gewesen zu sein. Verschiedene Male entdeckte ich dabei Begnr sogar allein in den Bazaren, und wenn ihr Kopf auch ganz in Tücher eingewickelt war, so machte es mir doch den Eindruck, als erfreue sie sich einer größeren Freiheit als die anderen.
Die junge Rani gab Mr auch einmal zu verstehen, daß ich tn dieser Annahme nicht unrecht habe und fügte hinzu: „Miß Sahib, ich will Ihnen ein großes Geheimnis


