Ausgabe 
2.4.1904
 
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Ostern geblieben für mich, es kann gar nicht anders mehr ein in meinem Leben, als Ostern, der Auferstehungstag, >enn auf den allein harre ich mit meiner ganzen Seele; ch habe der Welt nie mehr gehören können, denn die Glocke rief mich immer hinweg und ich mußte lauschen! Tie Geräusche der Welt waren viel zu schwach die haben nie die Osterglocke übertönen können, nur der Schmerz war manchmal so ungestüm, daß er mir fast den lieben Schall verhüllt unD gedämpft hätte, dann aber wurde die Glocke selbst wieder Herr über das wilde Stürmen des Schmerzes, und tönte Frieden und Geduld in wein Herz hinein, und ries mir alle Engel vom Himmel herunter, und die sprachen mit mir. Wie sollte ich da noch bange sein!

Mein Osterglöckchen ist so hell, so freudevoll, so klar, als zöge die Liebe den Strang, an dem es ausgehängt ist, und es soll schon lange höher hinauf, aber es will nicht höher ohne mich, es will mich auch mitnehmen in seinen hellen Himmel hinein, sodaß wir zusammen tönen können, wenn Meine Esse einmal still werden darf. Meine Esse wird dadurch wie ein heiliger Altar, daß das Blumen­glöckchen wie ein Tom darüber hängt, die Flamme ist das Altarfener, die Funken, die ihn umsprühen, sind die heiligen Kerzen, der Tust von meiner Blume ist der Weihrauch darin, der sich verändert, je nach meinen Gedanken, und dichter und zarter wird, je nach meinem Begehr, und alle Tüfte aller Blumen in filch trägt, vom kleinen beschei­denen Geraniumblatt bis zur hehrsten Lilie. Und ich knie und hämmere, und bete und schreibe, und schiweiße und glühe die Stücke zusammen, und mein Glöckchen gießt dar­über sein weiches Himmelslicht, damit die Arbeit heilig sei und heilig mache. Das Glöckchen will keine Höllen­arbeit, keine Erdentöne, keine unlauteren Klänge, von we­niger edlem Stofs. Es will alles, was aus unserer kommt, soll lauteres Gold des Herzens sein und tönen, wie es selber !

Tie Glocken haben in meinem Leben immer viel be­deutet. Unter dem Läuten der Mittagglocken an Weih­nachten bin ich geboren, die -Osterglocken haben mein ein­ziges Kind in den Himmel gerusen, so waren die Glocken die steten Begleiter und werden es sein, bis sie mich zum letzten Male läuten und des Himmels Herrlichkeit mir leuchtet.

Tas Schmieden an meinem Lenze, das hat mir viel Mühe gemacht, nicht die Ecke Glauben, die war bald schön geformt und sehr stark, die wollte einmal rostig werden, als die Welt mir gar zu düster war und ich die Glocken nicht deutlich hörte, aber ich habe sie bald wieder blank geputzt. Ich war schon als kleines Kind sehr fromm, und mein Glaube war stark; das war die leichteste Ecke. Tann kam die Liebe, an der mußte ich vielmal wieder anfangen, weil die irdische Liebe nicht himmlisch genug werden wollte, und die himmlische nicht irdisch genug. Ich konnte nicht gleich ließ haben, die mir böses getan, und da mußte die Ecke wieder ins Feuer, und immer wieder mußte der Hammer stark und schwer darauf fallen, bis die Ecke so war, wie ich sie haben wollte und jpie besonders mein Blumenglöckchen sie haben wollte.

Tie Ecke Hoffnung war eigentümlich - Ich meinte immer, die sei gar nicht notwendig, was brauchte man denn zu hoffen; aber da zeigte mir das Blumenglöckchen, daß ohne Himmelshoffnung das Leben ganz unmöglich, ja eine wahre Wüste und Hölle sei, daß man gar nicht sich durch den Sand und die Steine schleppen könne, wenn man nicht das Läuten beständig hört, das einem ruft und lockt. Nein, die Ecke Hoffnung, die sollte so hell werden als die andern und freudig und fest und nicht wieder matt im Ton wer­den. Ach! Habe ich da hämmern müssen, bis es im Blumenglöckü^n so widerhallte, wie in einem weiten Tome!

Nun aber kam die Ecke Geduld, die war groß und schwer, und sehr dumpf. Sie war ja sehr fest und wankte nicht, aber dunkel und dumpf, und hatte gar keinen Klang. Sie war so freudlos und s,v trübe, die Ecke Geduld, gar nicht schön zu sehen und nicht voll int Ton. Ta ist mir viel Schweiß über die Stirn gelaufen, bis ich die gehämmert hatte. Ter Ambos hat Dig und Nacht unter den Hieben geächzt und die Flamme meiner Esse mußte von Stürmen und Winden angeblasen werden, damit es nicht drmkel und kalt wurde, denn aus Kält« hämmert man die Ecke Geduld

nicht heraus, die muß in der vollen Glut heißester Arbeit geschmiedet werden, die muß ein solches FmckenGrShen ab­geben, daß sie von all der Schlacke rein wird, daß sie klingt wie einer Lerche Schlag beim ersten FrLhlicht. Endüch bekommt sie sogar silbernen Ton, wenn man sie immer wieder ins Feuer hält und immer wieder daraus schlägt. Ja, die Ecke Geduld braucht die allergrößte Linst. Und ich weiß, wieviel Mühe sie gekostet hat, unb das Mumenglöck- chen weiß es auch, aber mm fängt der Ton au vielen Stellen an, hell zu klingen, und dann klümt das Glöckchen mit, und wir freuen uns alle Beide. Wh! das ist bann ein wahres Sonntagsläuten und TomesfmerlichDeit, wenn wiicher eine Stelle gut ist!

O, das Blumenglöckchen hat mich viel gelehrt, das hat mein Leben zu dem gemacht, was es geworden ist, eS schickt mir die Märchenfee alle Morgen aus Bett, mit all' oen Märchen in ihrem Gefolge; es macht meinen Arm stark zum Schmieden, es bläst in mein Feuer, daß es hell und heiß bleibt, und mir nie ausgeht, es weht mir Kühl­ung ums Haupt, wenn ich müde bin, es ist meine Andacht mein Gebet, meine Hoffnung, mein Glaube, meine Lieb« und meine Geduld. Tas Glöckchen ist mein alles. Und wenn mein alles im Himmel schwebt, wie kann ich da irdisch sein und irdischie Not und irdisches Begehre« haben! Es soll nur tönen im Herzen, im Haupt, in der Brust; uitb sich in den Augen spiegeln mit seiner ganzen Liebesgewall, mit aller Last, die ihm der Himmel schenkt, denn wenn ich nur der Widerhall von seinen Tönen bin, so ist das schon viel herrlicher als alle Musik! Glöckchen! Glöckchen! Glöckchen! Du sollst mein letztes Glöckchen sein, wenn der Himmel auch für mich sich auftut! Zwischen Weihnachts- und Osterglocken hat sich mein Leben bewegt, wie sollte ich nicht ein tapferer Schmied Jein, da das Erz mich Leb hat, und sich willig meiner Hano fügen wird. Seit eine« Weg läutet es: Lieb haben, lieb haben, lieb haben! und den anderen Weg läutet es: Geduld! Geduld! Gebrrkb! und dann läutet es: Glaube! Glaube! und Hoffnung! an den Feiertagen, da ich ruhen darf und nur seinem Tone lausche, um wieder zur echten Last zu kommen.

Nur einmal in meinem Leben waren alle Mocken still und stumm. An dem Karfreitage, an dem fte meines Kindes leichte Hülle in die hartgefrorene Erde trage«, und das Wort:Mütter", das mein Festgeläute war, für immer verklungen war.

Aber am Kürfreitag schweigen ja alle Glocke»!

(Nachdruck Verbote«.)

Im AakaS der MZjsß.

Roman von B. M. Croker.

Genehmigte Uebertragung von A. Bisch«.

(Fortsetzung.)

Mein Eifer als Pflegerin schien ansteckend zu wirken, denn auch die anderen Frauen meiner Abteilung arbeiteten mit rastloser Ausdauer, und nach kurzer Zeit schon hieß es zu unserer stolzen Beftiedigung:Sbunmet vier hat Glück!"

Um das, was draußen in der Wett vor sich ging, kümmerte ich mich nur wenig; die Lanken meiner Abteil­ung nahmen mein ganzes S innen unnd Denken in Anspruchs Erasmus sah ich täglich wohl ein Tntzeadmal und wurde dabei gescholten, verhöhnt, angeschrieen und sogar gelobt. Dagegen traf ich höchst selten mit Mr. Thorold zusammen, und bann nur auf iireje Augenblicke. Er sah mager und abgearbeitet aus, als kämpfe auch er mit aller Kraft mit der Seuche und fei entschlossen, nicht zu unterliegen. Obwohl er inoessen nur selten in unserem Teil des Lagers zu sehen war, so machte sich seine Per­sönlichkeit doch fühlbar. Sogar Erasmus hatte er unter seiner Gewalt. Er setzte Verbesserungen aller Art ins Werk und hatte über die Lankenbeförderung, die B«waltung, die Disziplin, kurz über alles, ein wachsames Auge. Keine Mühe war ihm zu groß, keine Angelegenheit zu Kein und unbedeutend, wenn es galt, für das allgemeine Beste zu wirken. Ihm zur Seite stand der leitende Arzt des Lagers, ein freundlicher, grauhaariger Schottländer, der manches ermutigende und ermahnende Wort an mich

Ich höre viel Rühmenswertes über Ihre Abteilung,