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der Himmel, damit die Sonne ihre Strahlen hinaussenden kann auf die winterliche Flur. Und die Erde öffnet ihren Schoß, daß die Blumen wieder sprießen und blühen. Und dann läuten die Osterglocken und über die Welt hin braust jaulend der Auferstehung jubelndes Lied. —
Hoff', o du arme Seele!
Es gibt eine Nacht, die tiefer ist, als jede Erdennacht und jede Nacht irdischer Trübsal: das ist die Nacht des Todes.
Was mag es doch sein, daß wir unsere Gedanken zu bannen suchen, daß wir sie fern zu halten suchen von dem, das uns doch gewisser ist als alles andere auf der Welt? Sehen wir es nicht täglick Abend werden? Sehen wir nicht jährlich die Blumen welken und vergehen? Sehen wir nicht unsere Mitmenschen um uns her dahingehen, woher sie niemals wiederkehren? Wohl folgen ihnen unsere Blicke in das Tunket des Grabes und der Ewigkeit und unwillkürlich denken wir dann auch wohl an uns, selbst, an unsere letzte Abendstunde und an die Nacht, die auch uns zu seiner Zeit umfangen wird mit ihrem dunklen Mantel. Mit welchen Gefühlen blickt doch das Menschenherz seinem letzten Augenblick entgegen! Mit heißem Weh befällt den einen der Gedanke, eines Tages ausgelöscht zu sein, wie ein Licht, verweht zu werden wie ein welkes Blatt, zu vergehen, wie im Frühling der Schnee. In seines Herzens Nacht fällt kein Hoffnungsstrahl, weil er ihm in dem Bewußtsein höherer Erkenntnis den Zutritt selber wehrte. Er gehört zu den Starken, den Wissenden, die für den Trostsuchenden nichts habeu als ein kaltes Lächeln der Ueberlegenheit. Wenn aber eine schwere, dunkle Stunde über sie kommt, dann ist es vorbei mit der Kraft des Widerstandes, dann wird das Leben weggeworsen als ein wertloses, abgenutztes Gut. —
Mit dem Gleichmut des Fatalisten denkt ein anderer der letzten Stunde! Auch er weiß nichts von der Oster- freude und Osterhoffnnng. Hat ihm niemand das Evangelium von der Auferstehung verkündet? Hat er nicht als ein Christ die Lehre empfangen von dem Heil, das in die Welt gekommen ist, sie zu erretten von der Macht des Todes? — O gewiß, auch er hat diese Lehre empfangen, schon damals, als er noch ein Kind war. lind er hat auch daran geglaubt mit kindlichem Gemüt. Aber das ist lange her und heute denkt er anders als damals. Kluge, weise Männer sind gekommen, nicht etwa die Heiden vom Ende der Welt, nein, die Weisen des eigenen Stammes, die gleich ihm in dem christlichen Glauben auferzogen worden sind, sich nun aber ein eigenes Lehrgebäude gezimmert haben. Sie sind zu ihm gekommen und haben zu ihm gesprochen mit weisem Wort. Wie er sich da geschämt hat seines alten Glaubens, in dem er stark war. Nun haben sie die Pflanze des Glaubens aus feiner Brust genommen und die Frucht der Erkenntnis dafür hinein gesetzt. Nun glaubt er auch zu den Starken zu gehören und er ist doch so schwach! Tie Erkenntnis macht ihn nicht froh, sie füllt den leeren Raum in feinem Herzen nicht aus und sein Pfad ist dunkler als je zuvor.
Wie schwer ist aber das Leben ohne Hoffnung und wie schwer erst das Sterben! Tarum wenden wir unsere Blicke hinweg vom Ende, weil uns vor ihm graut, vor seiner Oede, seiner Leere, seiner dunklen Tiefe.
Warum lehnst Tu Dich auf, Du Menfchenherz, gegen eine Botschaft, die Tich doch nur glücklich machen will? Was nützt es Tir, zu wissen, daß nach dieser Nacht kein Morgen mehr anbrechen wird? Und wenn Tu es wenigstens wüßetst! Aber was weißt Tu denn? Ist die Lehre jener Weisen nicht auch nur ein Dogma, das sich auf Vernunft- Gründe stützt? Wie, wenn es trotzdem anders wäre, als ie sagen? Wer hat je das Rätsel des Todes gelöst, daß er agen könnte: „Tas ist, und jenes ist nicht!?" Unser Wissen ist nichts, denn schon ost mußten wir bekennen, daß wir uns irrten, da wir zu wissen glaubten.
lieber das Tunket des Nichtwissens hebt uns der Glaube empor in die Sphären des Lichts, aus denen uns der Trost kommt und die Kraft zum Tragen und Entsagen und die Freudigkeit der Hoffnung in finsteren Stunden.
„Welt lag in Banden, Christ ist erstanden!" Das lehrt uns der Osterglaube, das bekunden die Jünger und das jubelt die ganze Natur um uns her.
Nein, wir wollen nicht hoffnungslos verzagen in der dunklen Nacht, die uns umgibt. Ter Himmel rötet sich und der Hauch des Frühlings weht brausend über die Erde. Was
entschlummert und gestorben schien, reckt sich empor, dem Licht entgegen, und wie ein einziger Siegessang rauscht es durch den erwachenden Wald und über die grünen Felder: „Auferstehn!" Auch in unsere Herzen dringt der Rus der Schöpfung, uns zu wecken aus dem Schlummer, der uns gefangen hält. Schütteln wir die bösen Träume ab, die uns umgeben! Wenn wir hinaustreten in die schöne, jubelnde Welt, dann wird auck uns sein wie den Genesenden und freudig werden wir einstimmen in den Siegesruf aller Kreatur: „Ter Tod ist überwunden, das Leben siegt.
Ostern, Ostern ist da!"
Erich zu Schirfeld.
Wein Wlumengköckcherr.
Ein Oster-Märchen von Carmen Sylva. (Königin Elisabeth von Rumänien.)
(Nachdruck verboten.)
Ich habe eine kleine Blütenglocke, die hat gar reizenden Don, so weich, so tief, so süß, wie nie eine eherne Glocke geklungen, sie ist eben aus einer Blüte gemacht, sie klingt mir zu jeder Zeit, am allermeisten aber, wenn die Märchen mich besuchen. Tie Märcken kommen aber wie niedliche Kinder hinter der Fee hergetrippelt, die jeden Morgen mich weckt, und mit voller Kunkel an meinem Bette steht und mit der Hand winkt, ich solle nur zuhören, sie werde ihre Haare über mich hinivehen und schwenken, und dann würden die Märchen in Scharen herausfallen. Und da höre ich das Glöckchen ganz leise, ganz leise und dann lauter, und dann klingt es in meinem Herzen die ganze Zeit, während mir die Fee erzählt, und das ist so wunderschön, daß ich gar nicht mehr weiß, ob ich nochauf der Erde bin. Und dies Blumenglöckchen ist wie aus Marmor so weiß, wie Alabaster so durchsichtig, wie Maiglöckchen so duftig, und an seinen feinen Spitzen ist es rosenrot gefärbt, wie Maßliebchen und Wildröschen, und sein Ton ist so zart itne Nachtigallenschlag, wie Unkenruf, wie Silber, nein, viel zarter als Silber und Gold, und ist doch weithin vernehmbar. Menn ich traurig bin, so berge ich meinen Kopf in mein Glöckchen und es beschützt mich und flüstert mir Trost zu; wenn ich eine Freude habe, so schlägt das Glöckchen in meiner Brust die Stunde, damit ich sie nie mehr vergesse, wenn ich beten will, fo tönt es wie eine Kirchenglocke und ruft zur stillen Andacht und breitet seinen Tust aus wie Weihrauch durch meines Herzens Heiligtum.
Tas Blumenglöckchen hat in meinem Leben einmal eine andere Gestalt angenommen, damit ich es immer kennen und ernennen sollte, da hieß es Jtty, und sah auf meinem Schoß und hatte goldene Locken und einen Rofenmund, und Himmelsaugen, und mit Himmelsstimme nannte es mich Mutter! Tamals war der ganze Himmel und die ganze Erde für mich voller Glocken, da war die ganze Luft ein einzig Blumen glockenspiel. Und als ich es ganz gut kannte, sodaß ich es immer sehen und immer erkennen und immer hören konnte, da hat es der liebe Gott mir wieder entrückt, immer höher und höher und höher, daß es an feinem Himmel läuten könne, und nun läutet es am Himmel, und in meinem Herzen, den ganzen Tag, die ganze Nacht, zu aller Arbeit, zu allen Gedanken! Es hat mir geholfen, wenn mir niemand half, es hat mich getröstet, da mich; keiner tröstete, das Glöckchen war da, das Glöckchen war nah, das hat mir den Himmel ersetzt und den Himmel nahe gebracht, als ich meinte, der Himmel sei mir für immer verschlossen.
Tas Glöckchen, das Glöckchen, das ist mein Himmel, denn es wölbt sich über meinen Haaren und weht ihnen die schönsten Gedanken zu und erzählt mir die Wunder, die im Himmel sind, denn es sieht immer hinein und dann freuen wir uns fo zusammen, das Blumenglöckchen und ich, und warten darauf, daß ich auch vom lieben Gott würdig befunden werde, zu steigen, zu steigen, bis ich bei meinem Glöckchen bin! Ich brauche auch gar keine Kirche, da meine Kirche sich über mir wölbt, zu jeder Stunde, ich brauche nur tief in den Blumenkelch hineinzusehen, dann wölbt er sich in unermeßlicher Höhe, und dann höre ich die Chöre darin singen und die Orgel erschallen, und dann bete ich in meinem hohen Tome, so tief, so still, daß mich gar nichts stören kann!
Ich höre die Geräusche der Welt gar nicht, feit das Blumenglöckchen über mir hängt. Tas war an Ostern, daß der liebe Gott es holen kam, und so ist es immer


