Ausgabe 
2.4.1904
 
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1904.

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Astern

(Nachdruck verboten.) Ostern! r'

Wie ein Siegesruf tönt es durch die Welt, in den wir einsttmmen möchten aus voller Brust. Ein neues Leben ist erwacht zu einem neuen Sein. Alle Kreatur fühlt das Erwachen einer neuen Zeit, fühlt, daß das Alte ver­gangen ist. Ist es uns nickt wie einem Genesenden, der nach langer Krankheit hinanstritt in die alte und doch so neue Welt? Ter Frühlingswind umiveht uns die Stirn mit seinem linden, kosenden Hauch und das erste zarte Grün der Weiden lächelt uns freudig entgegen. Und wie die jungen Saaten leuchten, wie blau der Himmel strahlt! Wie das Wasser perlend glänzt im Wiesenbach und wie die Quellen so fröhlich plätschern! Welch eine Fülle des Lebens, welch eine Auferstehungsfreude! Und wie waren wir fo traurig und verzagt! Ach, was hatte uns der Winter doch alles genommen. Wohl beschenkte er uns mit den Freuden seiner Art. Aber es waren doch nicht die Freuden, nach denen wir uns sehnten in unserem Herzen. Wir täuschten uns über die dunkele Zeit hinweg und wir ertrugen sie leicht, denn wir wußten, daß es ja endlich doch.Frühling werden muß.

Ja, das wußten wir, und darum harrten wir mut­voll aus bis auf den Tag, der alles aus dem Schlummer wecken sollte mit dem Geläut seiner Osterglocken, mit feinen Osterliedern und dem Ostergebraus des Frühlingswindes. Und wenn uns' dennoch die Hoffnung, einmal verlassen wollte, dann klang es uns wohl ermutigend entgegen:

Hoff', 0 du arme Seele!

Hoff' und sei unverzagt!"

Toch woher wußten wir, daß unser Ostern kommen mußte? Nun, aus der Erfahrung, die uns ja jedes Jahr das Erwachen des Frühlings zeigte. Hat uns doch noch! in jedem Jahr der Winter verlassen zur rechten Zeit, und ist doch der Lenz in jedem Jahr erschienen zur rechten Zeit!

Aber es gibt eine schlimmere Nacht als die des Erden­winters, eine Nacht, in der uns nicht die Gewißheit eines nahen Frühlings tröstend und helfend zur Seite steht: das ist die Nacht der Trübsal, die oft so unvermutet rasche herein­bricht, uns so plötzlich überfällt, daß wir den .Heimweg nicht mehr finden können. Und wie leicht, geht da der Mut verloren! Wenn wir wüßten, wie nahe uns oft der neue Tag ist! Wenn wir zu sehen vermöchten, wie das neue Grün des Frühlings bereits sprießt! Wenn wir die Quellen rieseln hören könnten, deren Wasser uns erquicken soll! Aber wir sind so leicht entmutigt und vergraben uns so schnell in unser Leid. Ta sehen wir nicht, was um uns her vorgeht, nicht das Schwinden der Dunkelheit, nicht den Glanz der aufgehenden Sonne. Plötzlich aber, noch ehe wir es dachten, war die Nacht herum und der Lichtglanz eines neuen, schöneren Tages schien durch das Fenster, in das vor kurzem noch so dunkele Kämmerlein hinein.

Warum hatten ivir denn nun so lange getrauert? Warum konnten wir unseres Lebens nicht froh werden? Weil niemand uns tröstete, weil uns keiner den Mut stärkte, weil uns keiner den Strahl der Hoffnung und des Glau­bens in die umdüsterte Seele senkte. In dieser Not der Finsternis verbitterte sich die Seele und das Herz ward voll Groll. Vielleicht Hütten wir es einem milden Zu­spruch geöffnet. Vielleicht hätten wir den Tröster verlacht in bitterem Hohn, und die Seele dem Licht verschlossen, sodaß es darin dunkel bleiben mußte, allen Lehren, jeder Mahnung zum Trotz.

Ja, wenn wir Gewißheit hätten! Aber wer gibt uns die? Welche Erfahrung fleht uns hier zur Seite? Niemand garantiert uns die Erfüllung der geweckten Hoffnungen und so ist schließlich doch alles nur ein leerer Wahn.

Hoff', 0 du arme Seele, hoff' und sei unverzagt!" Ja, das kann der sagen, der dem Glück im Schoße sitzt und nie des Leidens Not am eigenen Leibe kennen lernte. Laß ihn aber erst selber einmal den Kelch des Lebens leeren, dann ivollen wir sehen, ob er noch sich und andere trösten mag!"

Wie? Ist es denn mir das? Würde nicht eine Seele, die des Trostes nicht zu bedürfen glaubt, sich auch dem Wort dessen verschließen, der an sich des Leids genug erfahren hat? Oder würde ein Herz dem andern glauben, nur weil es ihm voll freudiger Hoffnung erzählte von eigener Trübsal und Not?

Ach, das menschliche Herz ist ein verzagtes, eigen­sinniges Ting, das sich nur zu oft hartnäckig einwühlt in seinen Schmerz und sich nicht trösten lassen will. Ta wandert es seinen Weg durch des Lebens Tunkel einsam dahin und verliert sich allmählich mehr und mehr in der Irre. Und irre ward es an sich selbst, an seinen Mit­menschen, an seinem Geschick und an seinem Schöpfer.i ' Ach, wie manches Leben endet an einem dunklen Punkte, während ringsherum die Blumen blühten und die Vögel über ihm sangen. Warum öffnete der Arme nicht die Augen, zu. sehen, was so hell vor ihm lag? Warum streckte er nicht die Hände aus nach den Blumen, die zu seinen Füßen blühten? Warum wanderte er nicht noch ein Stückchen seines Weges, der ihn zum Glück, zum Siege geführt haben würde? Weil er nicht hoffen konnte, weil er nicht glauben mochte an die Macht und den endlichen Sieg des Guten.

Was für eine Welt wäre das, die keinen Wechsel kennte zwischen Tag und Nacht, Minter und Lenz, Unglück und Glück? Mas für ein Leben wäre das, dein nach den Tagen der Trauer und Trübsal nicht wieder die Sonne der Freude lächelte? Sollte nicht dies allein das Herz erfüllen mit Hoffnung und neuem'Lebensmut? Allerdings gehört dazu eine gewisse Kraft, die Kraft des Glaubens und der Ge­duld. Ta heißt es ausharren und still sein. Wer aber ausharrt, der wird gekrönt. Tenn zu seiner Zeit öffnet sich