Ausgabe 
2.3.1904
 
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Ter verabredete Tag kam. Es kam die Stunde. Ich hatte bereits mein Mantelet umgeworfen.

Ich glaube, ich schrieb Tir einmal, daß ich fähig sei, bei dem Begräbnis meines allerbeliebtesten Menschen laut aufzulachen, wenn plötzlick irgend eine lebhafte, sehr lächer­liche Vorstellung in mir erweckt würde. Etwas Aehnliches geschah jetzt. Ich sah mich plötzlich selbst, wie ich als Verliebte in die Arme eines romantischen Ritters flüchte eines alternden Ritters! Plötzlich sah ich, daß er, im Grunde genommen, doch schon ein alter Mann war! Ich sah jede Falte um seine Augen, seinen Mund. Ich hörte ihn mit pathetischer Stimme aus seinemFrühling" deklamieren und sah uns beide nach Neapel fliehen; hörte, wie im Grand Hotel die Kellner ihn mir gegenüber monsieur votre mari" nannten.

CS war zu ridicul, zu geschmacklos!

Und Tn weißt, Geschmacklosigkeit ist für mich nun einmal der Tod jeder Empfindung.

Anstatt also mit dem Grafen nach Neapel zu reisen, fuhr ich mit meiner sehr enttäuschten Pariserin nach Rom ins Palais Sora. Von hier depeschierte ich nach der Villa Falconieri eine Phrase und schickte meine Pariserin in meiner Equipage nach einem gewissen Villino vor der Porta Pia.

Ter Prinz kam sofort.

Ich sagte ihm auf französisch:

Hören Sie, mein Lieber! Ich stand soeben im Begriffe, eine grenzenlose Geschmacklosigkeit zu begehen. Haben Sie die Gefälligkeit, mich in dem nächsten Schnellzuge an die Riviera zu begleiten, ganz gleich, wohin."

Und da sind wir!

Tie hübsche Geschichte von der großen Leidenschaft war ein Experiment.

Experimente mißglücken bisweilen.

(Fortsetzung folgt.)

Japanisches Spiouagesystem.

Von * * * Nachdruck verboten.

Spion klingt häßlich, Spione hängt man aus! Das sind veraltete Anschauungen, und was heute alsveraltet" gilt, gehört in die Rumpelkammer. Ueber moderne Spio­nage ist sehr viel geschrieben worden. Es liest sich so interessant von den intriganten Agenten und Agentinnen an den Höfen fremder Mächte, die mit den raffiniertesten Mitteln die Geheimnisse der Diplomatie zu erforschen suchen. Tas steht in Romanen. Aber andererseits steht es fest, daß bedeutende Summen für Spionage ausgegeben werden, es ist unbestreitbar, daß beispielsweise die Mi- litär-Attachees der Botschaften die Aufgabe haben, sich möglichst gut mit den Militärverhältnissen des Landes, in das sie gesandt werden, bekannt zu machen. Hätte Frank­reich im Jahre 1870 den Meldungen seines Attachees zu Berlin, des elsässischen Oberst Stoffel, mehr Gehör geschenkt, wäre das Kaiserreich vielleicht heute noch vorhanden, wahr- scheinlich zur Wonne der Franzosen. Und in frischer Erinnerung ist noch der Treyfus-Prozeß, der ja, wie man sagt, wieder ausgenommen werden soll, gerade zu einer Zeit, in der nach den Ausführungen des preußischen Kriegsministers vor dem Bundesrat, Teutschland auch be­absichtigt bei seiner Artillerie das Rohrrücklauf-Geschütz nach- dem Borbilde Frankreichs, um das sich der Trehsus- Prozeß drehte, einzuführen. Auch ist noch kein unüber­sehbarer Zeitraum verflossen, als zu Kiel in der Pacht ,Lnsekt", welche die britische Flagge führte, zwei fran­zösische Marine-Offiziere gefaßt wurden, welche, als man ihre Persönlichkeiten festgestellt Hatte, unumwunden vor dem Kriegsgericht zu Magdeburg einräumten, die deutschen Küstenbefestigungen mit allen Mitteln der Neuzeit aufge- Uommen zu haben.

Man hängte diese Leute nicht auf, sondern verurteilte sie zu Festungshaft in Glatz, von der sie Kaiser Wilhelm II. sehr bald auf dem Gnadenwege befreite, in der richtigen Auffassung, daß wenn man alle Spione auf den Fest­ungen unterbringen wollte, eigene Plätze erbaut werden müßten, ohne daß eine Hoffnung auf wirksame Bekämpf­ung der Spionage vorhanden ist.

Tenn Spionage ist heute nichts anderes alsInfor­mation". Dennoch ist der Wert dieser Spionage oder Information" r- wenn man will durchaus derselbe

geblieben wie in grauen Zeiten, als die Italiener mit den großen Trauben zu den Germanen kamen und sie auf­forderten, in das sonnige Land zu ziehen, wie zu Zeiten der größten Eroberer das wären nämlich die Mongolen unter Tschingis Khan und seinen Nachfolgern, die ganz Asien mit Ausnahme Indiens, dazu Südrußland unter­warfen und bis nach Liegnitz und Talmatien drangen. Tschingis Khan zog, bevor er ein Land mit Krieg zu über­ziehen gedachte, ja auch über ein solches, mit welchem er nur in Verbindung trat, genaue Nachrichten ein, durch Gesandtschaften, durch Unzufriedene, die er an sich lockte, durch' Händler und Kaufleute. Immer ist der Wert einer richtigen und umfangreichen Spionage von den einsichts­vollen Regierungen aller Nationen voll gewürdigt, und sicher hat jede geglaubt, diesem notwendigen Fach ge­nügend Aufmerksamkeit gewidmet zu haben.

Und da kommt der Japaner und zeigt allen Völkern, daß er ihnen auf diesem Gebiet ganz gewaltig über­legen ist, daß er ein Spionage- oderInformations­system" anwendet, das an Einfachheit, Exaktheit und Um­fang alle andern in Schatten stellt und das außerdem den Vorteil besitzt, nicht nur in anscheinend vollster Offen­heit betrieben zu werden, sondern dem mau noch dazu große Sympathieen entgegenträgt. Tenn alle die Tausende von Japanern, welche von der Regierung nach den Län­dern Europas und Amerikas gesandt wurden und werden, haben lediglich die Aufgabe, sich in den einzelnen, ihnen genau zugeteilten Feldern der Länder auf das genaueste zu informieren, das heißt auf Teutsch: sie auszukundschaf- ten. Keiner dieser Japaner kommt des Erwerbes wegen her oder mit ideellen Absichten, keiner hat die Absicht, sich bis an sein Ende niederzulassen oder die Nationalität des Landes zu erwerben, alle kommen zur Information, und es ist ein ganz gewaltiges Spiouenheer, das Japan seit nunmehr gut drei Jahrzehnten in alle Lande gesandt hat, und das aus allen den ihm überwiesenen Gebieten das herausschleppt, von dem man glaubt, daß es Japan frommt. Alle drei Jahre ist dieses Heer, das einige Tausend zählen mag, gewechselt, sodaß gegenwärtig Japan über eine statt­liche Zahl verfügt, welche in allen den Ländern, die für Japan in Betracht kommen, anscheinend trefflich Bescheid wissenanscheinend!" denn das ganze System hat, wie gezeigt werden wird, einen großen Haken in Bezug auf Zuverlässigkeit. Aber es ist großartig angelegt, mit einer verblüffenden Einfachheit und Unverfrorenheit. Man kommt den japanischen Männchen, die sich mit liebens­würdigen Bücklingen in alle Getriebe, deren Kenntnis ihnen nützlich erscheint, eindrängen, mit größter Zuvor­kommenheit überall entgegen, ja man freut sich noch dazu, sie doch recht genau zu informieren. Man ist geschmeichelt, mit seinen Erzeugnissen oder dergleichen sogar die Auf­merksamkeit der Söhne des Reiches der ausgehenden Sonne auf sich gelenkt zu haben. Und wenn, der Japaner auf diese offene, gerade Weise erfahren hat, was er wollte dem macht er seine Diener und zieht ab. Auf diese Meise hat der Japaner sich Kenntnisse aller Verhältnisse zu verschaffen gewußt. In Heeren und Flotten aller der Nationen, welche über nennenswerte Kräfte gebieten, hat er gedient auch in der deutschen Armee. In allen Län­dern haben viele Japaner Volkswirtschaft, Finanz und Statistik studiert und das Ergebnis ihrer Studien sorgsam nach Hause getragen. In alle Fabriken haben Japaner ihre Näschen gesteckt mit solchem Erfolg, daß sie, zu Hause augelangt, selbst Fabrikanten geworden sind. Während man in Japan ein Paar hundert Russen, die sich zu Jn- formationszwecken dorthin begeben hätten, schön hinaus­geworfen haben würde, halten sich auch nach' dem Kriege Tausende von Japanern in von Russen besetzten Gebieten aus, jeder einInformator". Während die Fremden in Japan, mit ganz wenigen Ausnahmen, Handelsinterefsen verfolgen, geht der Japaner, den die Regierung ins Aus­land sendet, fast niemals gleiche Wege, sondern er soll lernen, lernen uno nochmals lernen, d. h. alle Fort­schritte des Landes, in däs er kommandiert ist, sorgsam an sich bringen und sie dann, zurückgekehrt, in Japan ausbeuten.

Und es scheint, als ob dieses System großartigen Erfolg haben muß; beimoa) trügt der Schein sehr.

Ter Japaner mit dem ganzen Stolz der Asiaten von Rasse auf die Europäer und ihre sogenannte Kultur, die er nur teilweise als der seinigen überlegen anerkennt.