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Sollten einige von uns sterben, so werden sie erst im Grabe vom Golf ausruhen können.
Du begreifst, daff ich jetzt unmöglich für irgend etwas anderes Interesse haben kann.
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Der Prinz ist noch immer rasend in mich verliebt. Ich versichere Dich: rasend! Da er jedoch damit um kein Haar breit weiter kommt, wird er Wohl nächstens ganz toll werden. Früher war er mir widerwärtig, jetzt ist er mir nur noch lächerlich. Bisweilen amüsiere ich mich geradezu köstlich über ihn.
Ich lade die entzückendsten Frauen ins Haus, nur damit er von allen wenigstens eine charmanter finden soll als seine eigene Frau. Es hilft aber nichts. Ich gebe ihm zu verstehen, daß er die am elegantesten möblierte Villa von ganz Cannes zum ungehinderten Privatgebrauch mieten dürfe.
Und auch das hilft nichts! Ich finde diesen Anfall von Tugeirdduselei einfach geschmacklos.
Wir bewohnen hier eine Villa, die nach einer seltenen Alpenblume „Edelweiß" heißt.
Das Edelweiß wächst nur auf freien, lichten Höhen, und ist oft nur mit Lebensgefahr zu pflücken. Um dieser bleichen Blume willen sollen sich mehr Männer den Hals brechen als wegen einer schönen Frau.
„Auf freien lichten Höhen —"
Mir ist's, als wäre einstmals auch ich über freie, lichte Höhen hingeschritten und hätte dabei weitoffenen Auges in die Sonne geschaut. Auch ich wollte dort einstmals eine seltene Blume pflücken, die am Rande eines Abgrundes wächst. Ich sah sie leuchtend stehen! Tief, tief beugte ich mich hinab, streckte beide Arme danach aus, und — wäre fast hinunter gestürzt. Es hätte nur eines Rucks, eines Hauchs bedurft, und ich läge jetzt zerschmettert im Abgrunde.
Aber ich war klug!
Ich rettete mich
„Auf freien lichten Höhen —"
Ich gehöre nicht hinauf! Ich bin eilte unverbesserliche Mond am e; und eine solche gehört in ihre Salons, wo sie sicher ist, keinen Sturz in einen Wgrund tun zu können.
„Auf freien lichten Höhen!"
Ich vergaß fast, daß auch ich einst dort oben stand. Aber bisweilen träume ich davon. Dann ziehe ich, mir im Tranme Schuhe und Strünipfe aus und fange an, mit bloßen Füßen zu wandern und zu wandern, zu klettern, und zu klettern. Mit bloßen Füßen wandere ich durch Msteln und Dornen, klettere ich senkrechte fürchterliche Felswände empor, um mit blutig zerrissenen Füßen, aber jauchzender Seele hinauf zu gelangen:
„Auf freien lichten Höhen!" *
Hier befindet sich ein junges Paar, welches Sensation macht wie meine Toiletten, meine Parfüms, meine Blumenarrangements, meine kleinen Diners, Golfpartieen und fetes champstres. Es ist der Prinz und seine
Gemahlin, die Gräfin L. . . .
Er!
Stelle Dir vor: ein Gesicht von dem Oval eines bhzan- tinrschen Heiligen mit dem bronzefarbenen Teint, den wilden Nüstern, den glühenden Augen eines Tatarenfürsten. An diesem Mann ist alles königlich Und zugleich alles durch das Köuigsblut gebändigte Leidenschaft. Er hat etwas — wie nenne ich's gleich? — etwas Exotisches!
Sie!
Sie gehört zu den Frauen, derentwillen Männer, um die es weiter nicht schade ist, den Verstand verlieren und zu Selbstmördern werden. Sie ist groß, schlank, blond, weiß, weich, lächelnd, klug, marmorkalt. Niemals sah ich schönere Haare, schönere Zähne, schönere Arme und Hände. Niemals einen reizenderen Hals. Dazu ein wahres Genie, sich anzuziehen.
Und diese beiden jungen wundervollen Menschen empfinden füreinander eine große Leidenschaft.
Schon wieder dieses Wort!
Da sie ihm nicht ebenbürtig ist, so hat er sie gegen den Willen seines Souveräns geheiratet, so ward er rhret- willen aus seinem Vaterlande verbannt. Statt des Lebens am Kaiserhofe, das Exil in einer kleinen französischen Stadt!
Glaubst Tu, daß die famose „große Leidenschaft" diese Prüfung bestehen wird?
Ich bin neugierig . . .
Tann ist hier noch ein zweites interessantes Pärlein, welches eine „große Leidenschaft" zusammengeschmiedet hat.
Errätst Tu, wen?
Es sind keine «anderen als mein junger Held vom verflossenen Sommer und seine junge reizende Herzogin.
In Rom gab's einen entsetzlichen Skandal. Tie Herzogin konnte die gerichtliche Trennung von ihrem Manne nicht durchsetzen und lief mit meinem jungen Helden fort. Man kann die Herzogin unmöglich mehr bei sich empfangen!
Ter Marchese kommt natürlich zu uns. Gr konimt sehr oft. . .
Glaubst Tu, daß auch diese große herrliche Leidenschaft die Prüfung bestehen wird?
Mein Gott, wie neugierig ich bin! *
Wenn ich jetzt die Menschen von einer großen Leidenschaft reden — vielmehr Konversation machen höre, so sehe ich mir die Leute immer darauf hin an: ob sie nicht einander wie die alten Auguren ins Gesicht lachen.
Ich lache, meine verehrten Herrschaften!
Ter junge, exotische Prinz flößt mir ganze exotische Phantasieen ein. . . Meine Imagination zeigt ihn mir, wie er einer treulosen Geliebten seine schlanken blassen Königshände als Schlinge um den weißen Hals legt und sie erwürgt. Er spricht kein Wort dabei. Er erdrosselt das falsche Weib, als wäre es eine selbstverständliche Sache.
Siehst Tu, solcher Mann — erwürgen sollte der Mann eine treulose Frau, nicht um sie weinen.
Tiefer junge exotische Prinz könnte mir gefährlich werden — nur in der Phantasie natürlich!.
*
Neulich wurde ich« gefragt, wofür ich mich begeistern könnte?
Für nichts!
Für nichts auf der Welt kann ich mich mehr begeistern; nichts auf der Welt kann id); mehr bewundern; oder verehren; oder lieben.
Ich kann nur mich selbst lieben!
Findest Tu das sehr traurig?
Ich gar nicht'.
Und nicht einmal, daß ich Ekel empfinde: weder vor der ganzen Welt, noch vor mir selbst. Wenn ich vor mir selbst Ekel empfinden könnte: nur einen einzigen Augenblick; dann —
*
Also gut! Heute ntagst Tu die Katastrophe erfahren. Ich kann sie Dir heute erzählen, wie etwas vollkommen Gleichgiltiges und Fremdes, wie etwas, was mich selbst gar nichts angeht. Und wenn Tu Dich darüber entsetzen solltest, so denke daran, daß ich mich nun einmal nicht anders machen kann, als ich bin; und daß ich wenigstens noch immer den Mut besitze, mein eigenes Ich zu sein.
Cs kam so:
Plötzlich, ganz plötzlich überfiel mich eine Erschöpfung, eine Ermüdung, ein Widerwillen — es waren Qualen über jede Vorstellung hinaus. Ich wehrte und wehrte mich, kämpfte und kämpfte. Ich wollte empfinden, wollte ihn lieben, wollte meine große Leidenschaft nicht hingeben, mein neues Leben nicht lassen. Es war Todesangst und Todespein.
Anfangs dauerte er mich so maßlos, daß ich seine Füße mit meinem Herzblut hätte baden können. ' Zuletzt empfand ich nur noch mit mir selbst Mitleid. Zuletzt haßte ich ihn, als wäre er mein Todfeind.
Und er merkte noch immer nichts!
Es ist nicht zu glauben, mit welcher Virtuosität wir Frauen heucheln und lügen können. Auf der Bühne des Lebens ist jede Frau eine Assunta Neri.
Er wollte mit mir fliehen, der Phantast! Und stelle Dir vor: trotz allem war ick zu dieser Dummheit bereit. Weswegen? Aus keinem anderen Grunde, als aus bloßer Freude am Skandal, aus wütender Gier nach Sensation, aus teuflischer Bosheit gegen den Prinzen, aus kindischer Angst wegen einer Erklärung, aus Haß gegen alle Szenen, aus Bequemlichkeit, Gleichgiltigkeit, Frivolität — nenne es, wie Tu willst.
Ich hatte meine Kammerfrau eingeweiht. Tie Person war entzückt über die Romantik der Sache und packte meine Juwelen.


