Ausgabe 
2.3.1904
 
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(Nachdruck verboten.)

Wssa Kalcsnieri.

Bon Richard Voß.

Zweiter Band.

(Fortsetzung.)

Die Prinzessin von Sora an die

Herzogin Vere de Bere

Daly-Castle, Dufide-Highlands, England.

Cannes, Villa Edelweiß, im Dezember 1893.

Eine Ewigkeit, geliebte Madame Charme, daß ich Dir nicht beichtete, daß Du mich nicht schaltest, straftest, ver­urteiltest absolviertest.

Oder darf ich Dir nie mehr bekennen, willst Du mir Nie mehr verzeihen?

Sagst Du Dich los von mir, weil meiner Sünden zu viele geworden, weil meine maxima culpa eine von den sieben Todsünden ist?

O, Madame Charme

Muß ich zu einem Priester der alleinseligmachenden Kirche gehen? Muß ich diesem beichten, von diesem mir vergeben lassen? Tenn der gute Mann wird mir ver­geben! Ich versichere Dich: wenn ich ihm mit meiner leisesten, süßesten Stimme so recht zerknirscht alle meine Sünden bekanne, macht er's gnädiglich mit mir ab. Ein paar Dutzend Rosenkränze abbeten, genügt als Pönitenz für eine Sünderin meines Schlages.

Du bist der viel strengere Richter!

Wenn ich also meine Sünden zu Dir trage, so unter­werfe ich mich einer viel schärferen Buße. Allein dieser gute Wille sollte mir vom Himmel und von Dir angerechnet werden.

Ich verspüre jedoch zum Sakrament der Beichte nicht die mindeste Lust; denn seit einigen Monaten habe ich mich mit Leib und Seele einem andern Sakramente hingegeben, das um nichts weniger heilig ist.

Es heißt: Lebensfreude!

'Oder in die hübsche Sprache des high ltfe übertragen: Amüsements, Zerstreuungen, Sensationen.

Uebrigens habe ich in der Kultur meiner Mondainität einen Riesenschritt rückwärts getan. Ich bin weniger blasiert und apathisch. Ich langweile mich weniger. Ich finde die Welt angenehmer, die Menschen erträglicher, das Leben vergnüglicher.

Enfin

Auch mußt Du wissen, daß ich bis zur Brutalität ge­sund bin. Die Herren Aerzte täuschen sich wieder einmal gründlichst; denn es ergibt sich bei mir keine Spur von

Auszehrung oder Schwindsucht. Wir haben uns also ein wenig lächerlich gemacht.

Ich habe entsetzlich viel zu tun! Bitte, lächle nicht so boshaft kühl und hoheitsvoll.

Tu mußt nämlich wissen, daß ich dieSeele" der Ge­sellschaft von Cannes bin. Und da diese Gesellschaft sehr international ist, so muß ich eine sehr kosmopolitische Seele sein. Tas strengt an. Ich kann mich daher auf meine eigene Seele gar nicht mehr besinnen.

Vielleicht auch daß ich gar keine eigene Seele besitze . . .

Du kennst Cannes, was mir erspart, es Dir zu schil­dern. Sei froh! Meine Naturschilderungen würden gewiß kläglich ausfallen. Ich kann nicht mehr schildern. Wenig­stens nicht die Natur. Die Natur ist mir ein Buch mit sieben Siegeln geworden. Ich begreife nicht mehr, wie sie jemals ein offenes Buch für mich sein konnte.

Tas muß lange her sein!

Ueberhaupt

Ueberhaupt bin ich jetzt recht abgeblaßt. Ich höre aus, ein Individuum zu sein, und werde allmählich ein Typus was sehr bequem ist, versichere ich Dich ! Tie Erfindung einer neuen Toilette, die Sensation macht; eines neuen Parfüms, das Sensation macht; einer neuen Modeblume, die Sensation macht . . . Dazwischen die Lektüre eines fran­zösischen Romans, der Sensation gemacht hat; die Entdeck­ung einer exotischen Schönheit, eines jungen Mnstlers oder Musikers, der Sensation machen dürfte das ist jetzt so mein Leben.

Tas ist jetzt mein Leben heute, morgen, übermorgen.

Es gefällt mir recht gut.

Das wird mein Leben sein bis zu meinem letzten Tage.

Auch das macht mir nichts!

Wie recht Du doch hattest!

Weißt Du noch, als Tu mich damals eine unverbesserliche Mondaine nanntest!

Tu warft eine große Prophetin!

Tie größte Sensation von Cannes in dieser Saison ist die Wiederbelebung des uralten Golfspieles; und der Schöpfer dieser neuen Welt bin ich!

Ich sage es mit Stolz.

Wir denken Golf, wir träumen Golf, wir sind Golf. Wir sind Golf mit Leib und mit Seele. Wir haben Golf­toiletten, machen Golfwetten, geben Golsdejeuners, Golffeste. Wir verlieben uns beim Golf, machen uns dabei Deklara­tionen, knüpfen dabei Verhältnisse an. Glückliche Verlob­ungen werden durch das himmlische Golfspiel gelöst, die besten Ehen zerstört, alle menschlichen Leidenschaften ent­fesselt. Es gibt durch das liebe hübsche Golfspiel häusliche Szenen, Tränen, Jammer, Verzweiflung, Duelle, Mord und Totschlag. Jeden Tag pilgern wir hinaus auf die Golfwiese.

Mir haben alle wirklich ganz entsetzlich viel zu tun!