3 —
Ich bin sicher mit einem melancholischen Geist und einer müden Seele geboren worden, geriet also schon durch meine natürlichen Anlagen in einen beständigen schweren Konflikt mit dein Leben. Bereits in meiner Kindheit wußte ich nicht, was ich mit mir anfangen sollte, da ich so ganz anders war als die andern, sogenannten normalen Menschen, da diese meine Absonderlichkeit mich immerfort fühlen ließen, da ich dadurch scheu und mißtrauisch wurde: nicht nur gegen die Menschen, sondern auch gegen mich selbst.
Letzteres war das größte Unglück, welches mir geschehen konnte. Tenn wer an sia> selbst zweifelt, der verziveiselt. Und das ist der Anfang vom Ende.
Meine früheste Umgebung und das lieblose, prunkhafte, kalte, rein äußerliche Milieu meiner ganzen Existenz arbeiteten beständig daran, solche gefährlichen Anlagen und Neigungen zu entwickeln und zu üppiger Entsaltung zu bringen. So geschah es, daß auf durchaus natürliche Meise aus einem verschlossenen phantastischen Knaben ein verträumter verworrener Jüngling wn.rde.
Zugleich beseelte mich eine unbändige Sehnsucht nach allem Guten, Großen und Schönen.
Weil ich überaus verlassen und einsam war, von keinem mich verstanden fühlte, daher auch zu keinem sprechen konnte; und weil ich doch beständig einen dunklen Trang in mir verspürte, zu sprechen und mich womöglich allen verständlich zu machen, begann ich in einer Art von ekstatischem Traumleben meine Gedanken und Empfindungen, meine Stimmungen und Eindrücke, mein Sehnen und Leiden, so gut es eben ging, auf dem Papier zu erklären.
Und siehe! Ohne mein besonderes Hinzutun gestalteten sich plötzlich Reime, Verse, Gedichte.
Es erschien mir als etwas höchst Wunderbares.
Turch einen brutalen Zufall wurden bie(e bedenklich jugendlichen Poesien gedruckt, veröffentlicht, gelesen.
Und plötzlich hörte ich von allen Seiten:
„Tu bist ein Dichter!"
Ein Tichter! Ich konnte es lange gar nicht begreifen . . . Es hieß sogar: icq> wäre ein Genie.
Ihr kennt Italien und die Italiener; Ihr wißt, was Talent und Ruhm im Vaterlande Petrarcas und Tantes bedeuten: bei uns gehört der Tichter seiner Nation. Es ist etwas Großes davon. Aber die Menschen hatten mich zu früh gelehrt, mir zu mißtrauen; und als Italien ansing, an mich zu glauben, hatte ich den Glauben an mich bereits fast verloren.
Ich sage Euch: die Kämpfe und Leiden eines Künstlerlebens, welches aus Zweifeln besteht, lassen sich nicht ausdenken. Tas Dasein wird zur Qual, Qual ist jede Stunde. Man möchte einen Flammenbrand entzünden und ist nicht fähig, der Asche seines Unvermögens auch nur einen Funken zu entlocken.
So wenigstens glaubt man selbst. Und was man selbst glaubt, ist schließlich maßgebend.
Kommt zu solchem Mißverhältnis zwischen Wollen und Können, zwischen Erstrebtem und Vollbrachtem eine völlige Un erfahrenheit in Mensch en und T in gen, eilt ewiges Bedürfnis, Menschen und Tinge sich anders zu nialen als sie sind: die ganze Welt in bengalischer Beleuchtung zu erblicken, so ist der Konflikt zwischen einer phantastischen hyperempfindsamen Künstlernatur und einer von banaler Gesundheit strotzenden Menschheit beinahe eine Notwendigkeit.
Ter Künstler muß zusehen, wie er mit sich selbst und 8er Welt fertig wird, ohne an der Welt und sich selbst zu Grunde zu gehen.
Es mögen eingebildete Leiden sein. Gut! aber sie werden gelitten. Bisweilen ist der eingebildete Patient eilt viel hoffnungsloserer Kranker als der Schwindsüchtige.
Für gewisse Künstlernaturen ist das Leben das verschleierte Bild von Sais.
Auch ich war der wißbegierige Jüngling, der, entgegen dem Gebote, die Hand ausstreckt, um vor dem geheimnisvollen Bildnis die Hüllen zu heben: jeden Tag um ein weniges mehr. Und jeden Tag mehr ward das Gesicht, das aus den Schleiern mich anblickte, zum Haupt der Meduse.
Ich schrieb, was ich sah — was ich zu sehen glaubte. Ich sah Trauerspiele, nichts als Trauerspiele. Und ich dichtete nichts anderes. Tie Stücke wurden aufgeführt und gefielen. Jetzt packte mich ein Fieber. Ich wollte die mich vernichtenden Zweifel künstlich betäuben, wollte mich
durch narkotische Mittel berauschen, daß ich wenigstens im Rausch an mich glaub e. Mein Opiat war die Äi beit. Wie im Delirium schrieb ich und schrieb. Werk um Werk entstand, Tragödie auf Tragödie.
Aber meine Seele wurde müder und müder. Mein Geist begann zu ermatten.
Eine erste Liebe, die tragisch begann und tragisch endete, kam über mich wie ein Sturm. Jetzt erlebte ich das Große und Schöne. Aber es war eine schreckliche, eine vernichtende Schönheit. Mit einer Kraft, bie stärker war als ich selbst, überwand ich die Krisis, ganz als wäre ich eine jener vollblütigen, robusten und normalen Naturen. Bon dem Tvdesübel der Leidenschaft blieb indessen etwas in mir zurück. Nur ein winziger Nest. Der genügte. Es war keine Krankheit mehr; doch ward es ein Siechtum.
Mit fünfundzwanzig Jahren hatte ich erst einen Atemzug vollen Menschenlebens getan. Im übrigen lag in fiebernder Arbeit ein Dasein bereits hinter mir.
Wenigstens darin war ich ein treuer Sohn meiner Zeit.
*
(Fortsetzung folgt.)
ZAS d<M A«»ßkeSnr.
— Ter „Dichter unter den Goldschmieden". Rens Lalique, der Pariser Meister des Frauen- Schmuckes, eröffnet mit einer wundervollen Kollektion seiner bedeutendsten und jüngsten Schöpfungen das soeben erschienene Tezemberheft der von Alexander Koch in Tarm- stadt herausgegebenen Monatsschrift „Deutsche Kunst und Dekoration". Tie Reproduktionen sind, wie man es bei diesem Organe ja auch gar nicht anders gewöhnt ist, derart vorzüglich und mit so überaus stimmungsvoller Farbenwahl gedruckt, daß man ein ganz vorzügliches und überzeugendes Bild von der fantaftereichen Tätigkeit Laliques gewinnt. Anschließend an die im Oktober und November im Hohenzollern-Kunstgewerbehaus zu Berlin (Hirschwald) veranstaltete Ausstellung Laliquescher Schmuck-Stücke und unter Heranziehung, der im Besitze der Museen zu Berlin, Hamburg und Pforzheim befindlichen Kollektionen ist es gelungen, in diesem Hefte erstmalig eine umfassende Ge- samt-Uebersicht über das Schaffen dieses in feiner Eigenart einzig dastehenden Künstlers zu geben, die geeignet ist, allenthalten, namentlich aber bei unseren Tarnen, Entzücken und Bewunderung hervorzurufen. Mit Recht nennt die Verfasserin des begleitenden Textes, H. Vollmar, Lalique ein dekoratives Genie, einen Dichter, der Gold, Edelsteine und Perlen reiht und zu zarten Gesängen verbindet. Sie schildert fesselnd sein erstes Auftreten im Pariser Salon und das Ungeheure Aufsehen, welches die berauschende Pracht seiner Arbeiten erregte und fährt fort: „Lalique, der Poet, welcher such mit Hingabe seiner Persönlichkeit in die Natur versenkte, nannte in der Tat eine Technik jein eigen, welche ihm die Macht gab, jene zarten Wunder- Merke der Natur, an die sich bisher nur der Maler und Zeichner gewagt, durch die Kunst des Juweliers darzu- stellen. Er gab in sich geschlossene Kunstwerke, die in keinen Stil einzuschalten waren, sondern einzig und allein den Stil Lalique repräsentierten, den ihr Erfinder scheinbar mühelos durchgesetzt hatte und nun glorreich weiterführte". Daß Laliques Geist der französischen Gold- schmiedekunst von heute ihr Gepräge gab, ist eine unumstößliche Tatsache, Laliques Weise, zu formen, hat Schule gemacht; aber seine Art, zu denken, zu gestalten, seine souveräne Beherrschung der Technik fand noch keinen Rb- valen. Eines seiner großartigsten Werke, den Brust- schinnck der „Hydra", finden wir in dem Hefte in Form einer dreiteiligen Beilage, welche so fein und sorgfältig gedruckt ist, daß sie den Eindruck des Originales mit sehr lebhafter Wirkung ahnen läßt. Tas, was ein Maler, wie Moreau, nur mühsam und oft mit störendem Zuviel auf die Leinwand brachte: die träumerische, gleißende Pracht orientalischen Schmuckes, wie ihn eine Salome, Salambo oder Kleopatra trug, hat Lalique in seinem Schlangen- Knoten zur sieghaftesten Erscheinung zu bringen gewußt. Tas dekorativste aller Tiere, die Schlange, hat er in neun blau-grün schillernden Exemplaren verkörpert. Und diese wundervolle Hydra hat nichts Unästhetisches, sie gibt nur den Eindruck gleißender Schönheit; die aus timen geöffneten Mäulern berabhängenden Perlenschnüre gleichen


