Ausgabe 
2.1.1904
 
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Früher saß ich tagelang wie festgeschmiedet am Schreibtisch; jetzt sitze ich tagelang wie angebunden auf dem Rücken meines Pferdes. Gestern stürmte ich nach Tusculum und bis zum Kreuz hinauf. Es war ein toller Ritt, den mir nur ein Kunstreiter nachmacht, und ein solcher hätte sich dabei den Hals brechen können. Beim Kreuz, gerade unter dem an.iken Trav r inblock und dem eingemeißelten, jetzt fast verwaschenen R. V. pflückte ich die ersten Veilchen.

Ich möchte Frau Melanie bald wieder mit tusculaui- schen Veilchen geschmückt sehen. Also:

Kommt! Kommt!

Ta ich nichts, gar nichts zu tun habe; nicht arbeiten kann, nie mehr arbeiten werde.--Und da ich trotz

meines übermütigen Tons wieder einmal recht von Herzen trübselig bin . . . Kurzum: ich sehne mich nach Euch!

Kommt! Kommt! Kommt!

*

Tiefer Sehusuchtsschrei nach Eurer Gegenwart sollte durch Rosa eben zur Post befördert werden, als man uns Eure Briefe brachte: Ihr kommt dieses Jahr nicht? Tie beiden Menschen, die für uns die Menschheit bedeuten, kommen nicht!

Mir werden also nock einsamer sein als wir es scbon sind.

War werden sehr einsam sein.

*

Tu arbeitest? Du kannst arbeiten? Tu Glücklicyer, Tu dreifaa) Gesegneter! Und Du hast Erfolge gehabt? Tie Erfolge gönne ich Dir, die Erfolge will ich nicht. Aber Teine Arbeit, die Möglichkeit zu arbeiten, die Kraft zu arbeiten . . .

Ich kann nicht arbeiten, nie mehr kann ich arbeiten!

Vermagst Tu Dir vorzustellen, was das heißt: nie mehr arbertcn können?

Nicht können!

Tu hast sehr viel Phantasie, eine berüchtigte Ein­bildungskraft. Nimm davon, so viel Tu hast, und stelle Dir dann vor: einen Maler, der nicht malen; einen Sänger, der nicht singen; einen Dichter, der nicht dichten einen Lebenden, der nicht leben kann.

Es läßt sich aber nicht vorstellen.

Ich lebe. Ich gehe, stehe, bewege mich. Ich sehe, höre, rede. Ich esse, schlafe ein, erwache wieder. Jeden­falls bin ich weder todkrank noch blödsinnig; doch würde ich mir eher den Glauben geben können und damit Berge versetzen, als int stände zu sein, zu denken, zu ar­beiten, zu dichten.

So ist es seit Jahren und Jahren. Ich zähle die Zeit langst nicht mehr. Mein Herz ist leer, mein Herz ist matt. Ich bin wie ein vertrockneter Brunnen, wie ein verdorrter Daum, eine ausgesogene Ackerscholle.

Nimm mich als warnendes Beispiel:

Hüte Dich!

Denn Du arbeitest zu viel und zu sehr mit dem Herzen viel zu sehr! Mit Deinem Herzen schreibst Du Tragödien. Das ist früher oder später sicherer Untergang: entweder so, oder so! Entweder ist es geistig.s Siechtum, oder das Irrenhaus. Und beides ist noch nicht das Schlimmste. Tenn es kann auch so kommen: entweder Verzweiflung an Tir selbst, oder Verzweiflung an der Menschheit. Enttveder Größenwahn, oder Verbitterung.

Und das ist das Schlimmste.

Hüte Dich!

Ich weiß, wie es ist, wenn man seine Seele nimmt: seine ganze Seele, und sie auf den litterarischen Trödelmarkt zum Verkauf bringt. Es mordet! Allmählich, langsam: Gedanke für Gedanke, Nerv für Nerv, Herzschlag für Herzschlag.

Es mordet den ganzen Menschen.

Mit dem Herzen beginnt es, mit dem Geist endet es.

Tie Bühne ist eine Mörderin. Mer sich ihr mit Leib und Seele ergibt, der kann nicht mehr los von der Sirene, der wird vergiftet, erwürgt, totgeschlagen.

Hüte Dich!

Maria geht noch verschlossener und ernsthafter umher als sonst; denn: Ihr kommt nicht! Wie ich Dich liebe, so liebt sie Teine Frau, diese immer gleich Heitere, immer gleich Milde, diese alles Verstehende und altes Vergebende, diese Gerechte und Gütige.

Unsere ganze Heerschar dienender Geister teilt unfern

Kummer; und der kleine schwarze Eiserne steht so trüb­selig da wie ein echter Pessimist, der iticht weiß, was er auf dieser kältesten aller Welten zu schaffen hat. Tenn Maria hat ihre Kohlenbecken und die andern frieren, jeder auf feine Weise, den lieben langen Tag im Hause umher, wenn es draußen am Brunnen nicht gerade etivas zu waschen, auf der Wiese unter den Steineichen nicht etwas zu trocknen, oder im Portikus nichts zu schwatzen gibt. Zum Glück sind diese drei guten Tinge bei uns stets im Ucberfluß vorhanden.

Rosa läßt Dich sehr ernstlich fragen: für wen sie wohl so viele Erdbeeren von Nemi und Aprikosen aus der Villa Muti eingekocht hätte? Für wen die endlosen Schnüre Caldarelli, diesen Pilz aller Pilze, getrocknet? Für wen das kleine, schwarze herzige Schwein gemästet, das Rosa so zärtlich liebt, und das sie, mit Rosmarin und Salbei gefüllt, L la Vater Hamer, zum Grotta-ferrata- Fest am Spieße für Euch braten wollte? Vitto, die sich immer junonischer entwickelt, verlangt energisch zu wissen, wer jetzt abends mit ihr Briscola spielt, ihr Nummern für die Tombola sagt, und vom Schinkenfest rote Papier­nelken, Haselnüsse und Ciambelli mitbringt?

Als ich heute der gesamten Villa mitteilie: Ihr kämt dieses Jahr nicht, erhob sich ein Geschrei, als bräche eine Palastrevolution aus. Ihr werdet hoffentlich keine Nacht ruhig schlafen; denn ein gutes Gewissen könnt Ihrun­möglich mehr haben, nachdem über dem leuchtenden Hause durch Eure Schuld solche schwarze Wolke" aufzog.

Ta ich Euch, Ihr Unentbehrlichen, sobald n.cht Wieder­sehen soll, will ich wenigstens auf dem Papier bei Euch sein.

Ich habe ja niemanden, zu dem ich reden darf! So reden, als spräche ich mit mir selbst; denn meine arme Maria, meine schöne blasse, unnahbare h.mmlifche Li.be

Es liegt etwas zwischen uns.

Was? Es ist etivas Geheimnisvolles, Dunkles, Unheil«- volles. Ich finde nicht, was es ist, so sehr ich auch

Nein, ich finde es nicht. . .

Ich durchschaue Cure gute Absicht, wenn Ihr mit aller Eurer Liebesgeduld, Herzenswärme und eindringlichen Be­redsamkeit immer wieder und wieder in mich dringt, den Versuch zu machen nur den Versuch! einmal aufzuschreiben: wie ich in die Villa Falconieri, dieser reinsten und zugleich leidenschaftlichsten Liebe meines Lebens, gekommen, wie ich in dieser gesegneten Villa Fal­conieri geblieben bin? Ich soll es für Euch aufschreiben: einfach und wahrhaftig, nicht anders. . . als fpräche ich zu mir selbst.

Ich erkenne Euch ganz!

Ihr hofft: es soll mir durch dieses schlichte, möglichst sachliche Aussprechen klar werden, daß ich in Wirklichkeit gar kein verdorbener Mensch und verdorbener Poet sei, daß ich diese beiden tragischen Gestalten nur darstellen wolle, daß mir sehr gut geholfen werden könne so­bald ich nur ernstlich, sehr ernstlich wünsche, mir selber zu helfen.

Ich weiß: auch Ihr haltet mich für einen, den jene große allgemeine Krankheit unseres zu Ende schleichenden Jahrhunderts befiel: für einen in der Einbildung Leiden­den, für einen Neurastheniker wie solcher modernster Patient heißt. Selbst Ihr meint: es komme lediglich aus eine Gewaltkur an, um meinen todkranken Willen zum Leben und zur Arbeit wieder gesund zu machen.

Ihr möchtet mich meiner geliebten Einsamkeit entreißen, mich noch einmal in die Welt zurückführen. Ihr wollt mich wieder zu einem nützlichen Mitgliede der Gesellschaft machen.

Seht! Ich liebe Euch so innig, daß ich Euch zuliebe mein Möglichstes tun werde, um mich selbst zu über­zeugen, wie sehr Ihr im Rechte seid.

Angenommen also: alles sei Selbsttäuschung, mein ganzes Leiden sei imaginär, nur eine Ermattung der Nerven. Tann hätte ich volle zwanzig Jahre vergeudet und verloren.

Zu dieser Erkenntnis, wollt Ihr, soll ich gelangen?

Und wenn ich mich von der unerbittlichen Wahrheit Eurer Ansicht überzeugt haben werde was dann?

Was dann mit dem öden Rest eines verfehlten Lebens beginnen?

Doch zunächst will ich ausschreiben, wie alles sich zu­getragen hat. Und ich will in diesen Blättern so wahrhaftig sein wie ein Mensch in seiner Todesstunde.