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unvorsichtig sein?" brach er aus. „Herr Rittmeister, ich darf Sie wohl im Namen meiner Frau um strengste Diskretion bitten?" „Unbesorgt", lachte Dörrenbach!. „Immer diskret, sobald Damen im Spiel. Ist zjwar schade hier." Jöitte, Herr von Dörrenbach", bat nun auch Jutta, „ich hatte nicht bedacht, daß ich der Dame weh tun könnte." Harro sah seine junge Frau an, dann den Rittmeister, als wollte er sagen: Ist sie nicht entzückend gerade in ihrer Kindlichkeit und Güte? Der Rittmeister blickte drein, als ob er das ganz selbstjverständlich sande. „Unbesorgt, meine Gnädigste", versicherte er noch einmal. „Und da wir nun ein Geheimnis zusammen haben, müssen wir doch auch gute Freunde werden." Treuherzig bot er ihr seine Rechne.
„Aber gern!" Jütta legte ihre Hand hinein.
Er lächelte über das kleine, feine Händchen, das sich aus der seinen ausnahm wie eine Blume auf einem Teller. „Nr. 51/2 und Nr. 9." Er deutete darauf. „Wer das schadet nichts. Wenn es nur sonst stimmt." Much! Jütta nickte. Ihr war so seltsam wohl zu Sinn, als habe sie zu ihrem g'ogen Glück nun auch noch einen treuen Freund bekornmen.
Pater irrt Kotillon brachte Frau von Urau dem Rittmeister den schönsten Orden, welcher Scherz ntit dem sich bereits als bequemen Junggesellen auffpielenden Dörrenbach unter allgemeiner Herterkeit ausgenommen ward. Der Rittmeister revanchierte sich indem er seines Regi- nieuts jüngster Frau dre schönste Bonbonniere aus dem Schatze der für die Damen bestimmten Geschenke überreichte. Mus diese Weise kam er denn noch wirklich wie er gewollt, und zwar mehrmals zum Tanzen, indem die junge Mädchenwelt, sich ein Beispiel an Jutta nehmend, sehr liebenswürdig gegen den Rittmeister wurde, was er —> Noblesse oblige — erwidern müßch i
Auch der Fähnrich stürzte sich in die Reihen, indem er sich ermannte, der Fran seines Eskadronchefs einen extra hierfür von Schmidt in Erfurt verschriebenen Strauß Orchideen zu überreichen!. Harro und Jutta aber kamen mit dem nicht zu unterschätzenden Bewußtsein nach Hause, daß sie eine „brillante EntrSe" gemacht hatten. Sie waren noch glücklicher, liebten sich womöglich noch mehr, über .alles.
(Fortsetzung folgt.)
Plaudereien aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Von der „Großen Berliner". — Die modernsten unserer Verkehrsmittel. — Aus der Sänftenzeit.
Unter der „Großen Berliner" möchte sich mancher liebe Leser vielleicht jenes Glasbafsrn dorstellen, das ein Normalmensch nur mit zwei Händen zum Mund zu führen im stände ist, jenes henkellose Trinkgefäh, aus dem der im Aussterben begriffene Urberliner das ihn: köstlichste aller Getränke, das Berliner Weißbier schlürft. Um diesem Mißverständnisse vorzubeugen, bemerke ich, daß man hierzulande unter der „Großen Berliner" niemals etwas anderes als die Straßeneisenbahngesellschüst versteht, die mit ihren Schienennetzen ixb> Verkehrsleben Berlins und seiner Vororte beherrscht. Denn die paar Linien, die der Magistrat in eigener Verwaltung hat, haben nur geringfügige Bedeutung und sind als Konkurrenz ohne jeden Einfluß, wenn die Direktion der „Großen Berliner" irgend welche Maßregeln trifft, die dem Publikum nicht zusagen. Und dergleichen Maßregeln sind nicht gerade selten. Bald sind es Linienänderungen, bald Fahrplan- kürzungen. Alle Augenblicke ist irgend ettoas los. Und es gibt in Berlin kaunr ein Institut, das sich dauernd einer so großen Mißliebigkeit erfreut, als die Direktion der „Großen Berliner". Deutlich genug hat sie es damals erfahren, als ihre Beamten der ungenügenden Besoldungsverhältnisse wegen streikten. Die Sympatien des Publikums waren in auffallendem Maße auf Seiten der Fahrer und Schaffner, und die wenigen in Betrieb gebliebenen Wagen fuhren oft leer. Aber man darf dieser Direktion nachrühmen, daß sie um die Gunst der Massen nicht buhlt; daß ihr am Beifall weniger Edeln viel mehr gelegen ist. Diese wenigen Mein fütb nämlich ihre Aktionäre, die mit schmunzelndem Behagen alljährlich die fette Dividende einstreichen. Offenbar schwebte diese Dividende in der grauenerregenden Gefahr ihre löbliche Tendenz nach oben einzubüßen. Tie Direktion fah sich daher schleunigst nach einem. Aufbesserungsmittel nm, das es in der Erhöhung der Abonnements auch alsbald gefunden zu haben glaubte. Nun kanik man just nickst behaupten, daß die Straßenbahnabonnements allzubillig sind. Wer auf alle Linien abonniert, hat beinahe eine Mark pro Tag aufzuwenden; und auch die Beträge für einen geringen Teil der Linien sind um ein bedeutendes höher, als die Abonnements der Stadt- und Ringbahn. Aber die Mathematiker der „Großen Berliner" haben trotz alledem ihre Berechnungen anaestelü. die Direktion bat
verfügt und der Abonnent muß bezahlen. Ganz so glatt, wie man sich das gedacht hat, geht die Geschichte indessen diesmal nicht <S>. Am Geldbeutel ist man auch hier sehr empfindlich,, obgleich die Mark auf dem Pflaster Berlins noch lange nicht soviel gilt, wie 50 Pfennig in Stallupönen oder Treuenbrietzen. Und so werden vom 1. Oktober ab eine große Menge der bisherigen Abonnenten streiken. Protestversammlungen in allen Stadtteilen haben Stimmung gemacht und die Parole ausgegeben, die „Große Berliner" nach Möglichkeit zu meiden und sich den Omnibussen usw. anzuvertrauen. Nicht unmöglich, daß das Quecksilber im Tividenden-Barometer nun erst recht nach unten geht, wenn die Direktion in dieser Frage nicht nachgibt. Ten Droschkenkutschern ist dieser Krieg sehr willkommen. Die „Große Berliner" ist ihre erklärte Feindin, die ihnen die besten Fahrgäste wegschnappt. Ist doch seinerzeit sogar unser Kronprinz in Potsdam mit der Straßenbahn gefahren! Für ihre Kollegen auf dem Bock der Automobildroschken haben sie, nebenbei bemerkt, auch nicht gerade Schmeichelnamen. Tenn diese weitaus schnelleren Vehikel bürgern sich, zumal für Nachtfahrten, immer mehr ein. Es fährt sich auf den asphaltierten Straßen ausgezeichnet darin, wenn die Möglichkeiten des Zusammeustoßens nicht vorhanden sind, wie das in den späten Nachtstnn.dcn ja der Fall ift Man kommt dann mindestens in der Hälfte der § eit ans, Ziel. Auch die zweirädrigen Hansomdroschken, vom
erliner ironisch „Promenadenschunkeln" genannt, erfreuen sich besonders in der Tiergartengegend jetzt lebhafteren Zuspruchs. Wenn übrigens die schöne Polizeiverordnung aus den Zeiten des „alten Fritz" noch Giltigkeit hätte, würde es manchem unserer ungeduldigen Rosselenker, die von den Fußgängern nur sehr ungern Notiz nehmen, sehr übel ergehen. Ter damalige Gouverneur von Berlin,. General von Ramin, hatte nämlich noch ein Hexz fiir Leute, die sich per pedes apostoloram im Weich- bilde der Metropole bewegteu. Jeder Kutscher, der zu schnell fuhr, und dadurch ev. Unglück anrichten konnte, wurde ohne Rücksicht auf seinen Passagier angehalteu, vom Bock herunter nach der Wache gebracht und dort mit 25 kräftigen Stockschlägen daran erinnert, daß Fußgänger doch schließlich auch Menschen sind. Noch um hundertfünfzig Jahre früher brauchte man in Berlin überhaupt keinen Kutscher, wenn man die Straßen der Stadt nicht zu Fuß durchwandern wollte. Man bediente sich nämlich, wie heute noch in Japan, der Sänften. Tie aus Frankreich vertriebenen und unter dem großen Kurfürsten in Berlin ansässig gewordenen Hugenotten hatten diese Art der Beförderung ans Frankreich mit herübergebracht. Auf dem Werderfchen Markt und am Schloßplatz beim Berliner Rat- Hause standen etwa 12, späterhin sogar 24 numerierte Sänften mit der doppelten Anzahl von Trägern, die sich zunächst aus den ärmeren Elementen der Refugie's rekrutierten. Eine Sänfte kostete fiir eine Stunde 4, für einen ganzen Tag 20 Groschen. Und sicherlich nicht ohne Würde kletterte der Berliner jener Tage in die kleine schon gepolsterte Kabine um sich seine seidenen Strümpfe und blanken Schnallenschuhe auf dem von Kultur nock unbeleckten Pflaster der Königlich Preußischen Haupt- und Residenzstadt nicht zu- beschmutzen. Tamals lag auch noch der Nachbar mit der Zipfelmütze im Fenster und Hühner, Gänse und Schweinchen liefen vergnügt aus den Straßen herum. Wenn einer jener Porte-Chaisengäste heute aus seiner Gruft heraussteigen könnte und sich den Trubel der Tausende von Droschken, Omnibussen und Straßenbahnwagen ansähe, die Stadtbahn donnern hörte und die Hochbahn vorüberflitzen sähe — ich glaube, er würde sich sehr, sehr ängstlich nach einer der zwölf Sänften umsehn, um sich eiligst aus dieser offenbar verrückt gelvvrdeucu Welt zu retten. A. 8L
Wie soll man schläfert?
Im Hochsommer hört man oft die Frage: Soll man bei offenen oder bei geschloffenen Fenstern schlafen? In diesem Jahre, in dem wir unter den Qualen der Hitze so sehr zu leiden hatten, wie lange nickt, ist die Frage besonders aktuell, und so hat der Pariser „Matin" verschiedene medizinische Berühmtheiten gefragt, wie sie darüber denken.
Professor Debove, der Präsident des Comite d'Hygiene nnd der Doyen der Pariser medizinischen Fakultät, erklärte sich als ein unbedingter^ Anhänger des Offenhaltens der Fenster. Sie sollen in den Schlafzimmern auch im Winter geöffnet bleiben; Erkältungen sind nicht zu befürchten, es wäre denn, daß der Schlafende sich Zugluft aussetzt. Professor Brouardel ist derselben Meinung, nur bemerkt er, daß man sich davor hüten müsse, daß die eindringende friste Lust direkt auf den Schlafenden gelange. Dann Müsse man auch die Gewähr haben, daß wirklich gute Lust ins Schlafzimmer bringe; das Fenster, das geöffnet jverden soll, dürfe also nicot in einem engen Hof oder in eine schmale Gasse münden. . Im Winter sind einige Vorsichtsmaßregeln anzuwenden, wenn man das Fenster geöffnet haben will, vor allem muß der Schlafende warm eingehüllt fein.
Professor Dieulafoy meinte: Man muß sich planmäßig daran gewöhnen, bei offenem Fenster zu schlafen. In der warmen Jahreszeit ist damit zu beginnen, und wer einmal den Anfang gemacht hat, wird überhaupt nicht mehr bei gefchlossenem Fenster schlafen wollen, so trefflich wird er stets die Nächte verbracht


