Ausgabe 
1.10.1904
 
Einzelbild herunterladen

582

Hände:Daß jemand so schön sein kann!" Holla, jetzt erb­lich hatte der Fähnrich seinen Rittmeister verstanden.Be­fehl!" Er klappte die Haken aneinander, daß die seinge- stunipften Sporen leis erklangen: ,Lerr von Dörrenbach meinen die junge Frau von Uran?"

Der Rittmeister sah den Fähnrich an, als wollte er sagen: kann man denn überhaupt dann eine andere denken. Ter Fähnrich jedoch auf diesem Gebiete unentwegt, neigte den Kopf:Ja, Frau von Urau ist beinahe so reizend, wie Frau von Greditz."Donnerwetter!" Asmus von Dörrenbach blickte so wild, wie bei seinen beinahe schwer­mütig traurigen Augen möglich war:Können Sie denn wirklich was an der Greditz finden?"O", der Fähnrich vergaß diesmal jeden militärischen Drill, jeden Jargon, ja auch jeden Respekt vor dem GeschMack älterer Vorge­setzten.Die Greditz, die ist fein und chik", erklärte er Mit Kennermiene.Weiß der Teufel, was Ihr alle an dem Weibe habt", Brummte Dörrenbach der sich nichts ans' Ellinor machte.Fein, chik Worte ah" '

Angenehm in seinen Gedanken' unterbrochen, hielt der Fähnrich ein, denn Harro und Jutta waren eben, vom Tanz zurücktretend, gerade vor ihm zu stehen gekommen. Harro hielt den linken Arm in den Arm seiner Frau gehängt und fuhr sich mit dem Batisttuch über d.ie Stirn.Kanibalisch heiß. Was?" nickte DörrenbachWenn die verfluchten Kerls nur das Heizen lassen wollten. Dürfte gar kein Feuer gemacht werden für solchen Ball."

Und während er bann weiter über die verfluchten Kerls rmd das Heizen schatt, sah er die junge Frau mit einer so ehrlichen Bewunderung und einem zugleich so treu.- herzigen Wohlwollen an, daß auch sie ganz zutraulich zu chm aufblickte.Haben gnädigste Frau noch einen Tanz frei?" entschloß sich der Rittmeister endlich trotz der Hitze und der geliebten Ruhe seiner Knochen. Die junge Mau bedauerte aufrichtig. ,Ha, unsereiner kommt immer bei allem guten zu spät", knurrte Dörrenbach launisch. ,,O", nachte Jutta in einem so unverhohlen ungläubigen Ton, daß sich des Rittmeisters Stimmung schnell wieder um ein bedeutendes hob.Das haben Sie gut gemacht, lieber Leuttrant." Er klopfte Harro auf die Schulter.Jung ge- ftert, hat nicht gereut. Das einzig Richtige." Harro war ^erstaunt über diesen Erguß. Jutta meinte vergnügt:Das ist nett von Ihnen, Herr von Dörrenbachs daß Sie uns recht geben, denn " mit einem reizend neckischen Kdpf- schutteln fuhr sie fort,alle tun es nicht."Pah, dann lasten Sie sich nicht beirren durch diese diese klugen Leute, dre rmürer zu spät dahinter kommen, daß sie im Grunde Toren gewesen sind oder nach Ibsen nicht gelebt haben." '

Harro und Jutta waren abermals erstaunt über den lerdmütiaen Ton, den sein Rittmeister anschlug, noch mehr, daß er literarisckx Interessen unb Bekanntschaften verriet, feije er jedoch etwas entgegnen konnte, fuhr Dörrenbach wieder heiter fort da, wo er, wie es schien, in Gedanken stehen geblieben war.Ja, ja, heiraten ist besser. Es muß nur die Rechte sein."Demnach haben Sie immer diese-Rechte noch n icht gefunden" neckte Jutta zutraulich den alteren Herrn.Nee", erklärte der, nun wieder in einer gemütlichen Stimmung:Und was meinen Gnädigste wohl warum?"Wüil sie mir alle zu gut gefielen oder zu wenig", setzte er schneller hinzu. Mit einer entzückenden Miene kindlicherVerständnislosigkeit sah die jungeFrau drein. Dre Herren, der Fähnrich mitgercchjnet, lachten heiter auf.Wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen", ertönte jetzt eine wunderwar metallreiche, glockenartig klingende Stimme dazwischen. Ellinor Greditz war hinzugetreten:Wer hat denn solch kapitalen Mjitz. gemacht? Wieder mal §ierr von Dörrenbach?" Im Grunde waren alle, bis auf den Fähnrich, den sein Entzücken überkam von dieser Unter­brechung nicht gerade erbaut, Dörrenbach sogar ärgerlich. Gr hatte es so gemütlich gefunden.Miädigste Frau", gab er daher schlagfertig, noch mehr schlaglustig> zurück,wirken wie Lethe. Sie erscheine«, alles ist vergessen. Bleibt nur Ihre Gegenwart." Ellinor lachte mit prächtigem Klang eine kleine Tonleiter hinauf und hinunter:Wenn Sie galant werden, Rittmeister, dann steckt etwas dahinter." Und mit einem bestrickenden Neigen des Kopfes, einem nach bestrickenderen Aufschlag der dunklest Augen, welches beides unwillkürlich an eine Taube erinnerte und sichier einstudiert war, wandte sie sich gegen Harro:Apropos,

unser Herr Leutnant haben vergessen, daß Sie mich zum ersten Menuett auf dem ersten Kasinoball engagierten"

Harro erschrak, daß er so unhöflich gewesen sein sollte. Er konnte sich jedoch mit dem besten Willen eines Engage­ments nicht entsinnen, durfte das aber natürlich erst recht nicht sagen. Schon, daß er überhaupt seine Rittmeisterist heute noch nicht engagiert hatte, war gerade unhöflich genug. Er nttirmelte also etwas von untröstlich usw. Ellinor lachte abermals mit hem gleich prächtigen Sttmmenklang und meinte, die Sache datiere schon vor seiner Verlobung, vom letzten Winter her. Dann, mit ihrem bekannten bestrickenden Neigen des Kopfes und dem gleichen Angenaufschlag, nur um eine kleine Schattierung weniger schmeichelnd, wandte sie sich gegen die junge Frau:JUr Glück vergißt man alte Versprechen. Bei mir gibt es keine solchen Veränderungen. Darum hatte ich das Menuett für Ihren Herrn Gemahl aufgehoben." Harro hatte das Menuett mit seinem jungen Weibe tanzen wollen, wie er am liebsten immer nur mit ihr getanzt hätte. Er erklärte es jetzt für ein Glück, sich bei der gnädigen Frau einstellen zu dürfen. Jutta mjachte ein Mäulchen, doch, ausgewachsen in der Gesellschaft, wo das Militär den Ausschjlag gibt, sagte sie weiter nichts.Dann Wiedersehen. Trüben sehe ich endlich meinen Mann auftauchen," Harro bot Ellinor seinen 'Arm, um sie hinüber zu führen.Danke, nein." Wieder mit dem bekannten Neigen des schmalen, hohen Kopfes' und dem bekannten Aufschlag ihrer faszinierenden Augen: Das wäre grausam. Bleiben Sie bei Ihrer jungen Frau, lieber Herr von llrait, Herr von Otternberg bringt mich schon."

Selig stürzte der Fähnrich vor. Ellinor nahm seinen Arm, und mit einer leichten Verneigung gegen alle ging sie ab. Dabei, toar es Zufall oder Geschick, der Fächer, den sie über die Schulter hielt, tat sich auseinander, und die roten Federn streiften Harros Wange.Puh" machte der Rittmeister, während Harros Nasenflügel vibrierten, als könnten sie nicht genug haben von dem eigentümlich be­rauschenden Duft, der dem Spiele des roten Gekräuselt entströmte. Einen Moment blieben die drei still und sähest Ellinor nach, als sie dahin schjritt.Doch eine schöne, ele­gante Dame, unsere Rittmeisterin", begann Harro.Dame parfümiert nicht so stark", knurrte Dörrenbach. Much Jutta schüttelte das Köpfchen:Ist doch nur eine Petroleüms- tante."Was?" fragte DörrenbachsPetroleumstante", wiederholte das junge Geschöpfchen arglos, wenn auch zu­gleich viel instinktiver, angeborener Hochjmut und eine in­stinktive, feine Kritik aus der Bemerkung sprach Der! Rittmeister lachte laut:Petroleumstante! Famos! Da muß ich sie mir nochmal extra darauf angucken." Und er nahm die Mtfineisterin aufs Korn.

Die Rittmeisterin war groß, sehr groß und mager. Ihre Glieder waren fein, aber leicht und beweglich. Ellinor hatte von Kindheit an Gymnastik getrieben und befleißiate sich noch täglich darin, um schlank und geschmeidig' zu' bleiben. So waren denn ihre Haltung, ihrs Bewegungen, wie sie eben neben bem, Gatten eine kleine Cour cntgegennahm auch tadellos. Die flammenden Augen, die nachtschwarzen Wimpern und Brauen, die leicht brünett getonte Haut liehen, ihr etwas Eigenartiges, sodaß Man sofort die Aus­länderin in ihr erkannte. Das ttefschwarzie Haar war neueste Mode ü la gamin frisiert. Eine Agraffe von Rubinen und Perlen hielt den Schopf, der aus den ringt sich um ben Kopf türmenden stark tusnerten Wellen hervor­schaute. Ein Tuff roter Federn hob sich darüber. Um den langen, schlanken Hals schlang sich ein breites Band von Rubinen und Perlen; ein reichM Gehäng fiel weit über die magere, doch gut gebaute Büste bis zu dem tiefest Ausschnitt des roten Samtkleides hinunter. Und das Spiel der roten Federn, das Funkeln der roten Steine, dat Schillern des roten Samts, der sich in einer meterlangest Schleppe über $ett Boden zog, webten in der Tat eine Ahmosphäre um die Gestalt der Rittmeisterin, die, wie ihr ganzes Wesen, ob es sich auch nur durch einest Hauch von den anderen hier schied, inmitten der befriedigt vor­nehmen Atmosphäre, dem vornehmen kühlweißen Licht der elektrischen Fla'rmnen ganz gut an das Petroleum' ihres Vaters Pankee erinnern konnte.

Famos, famos!" Dörrenbach freute sich aufs neue. Was meinen Sie, Herr von Urau, wenn die Greditz bat bon mot Ihrer Frau Gemahlin gehört Hütte?"Um Gottes- willen!" Harro erschrak.Jutta, wie konntest Du lo kindlich