— 383 —
vor, das Charakteristische des Tinges zum Ausdruck zu bringen. Die Kinder zeichnen mit dem Gefühl, nicht mit dem Verstände, so, tote sie das Ting sehen. Sie schreiben nicht mehr von einer Vorlage ab, und es stellt sich schnell die größere oder geringere Begabung, der Grad der Beobachtungsschärfe, die regere oder trägere Phantasie des Kindes heraus. Die Mehrzahl der Kinder sind aber fähig, Erschautes freihändig darzustellen. Durch diese Tatsache werden Eltern erzogen, die Zeichnungen der eigenen Kinder nicht sogleich als etwas Wunderbares, Außergewöhnliches anzuschaucn, das den kleinen Erdenbürger für die Künstlerlaufbahn bestimmt.
Tas Besehen der Bilder macht die Lieblingsbeschäftigung der Kleinen aus. .Tie Farbe, weniger der Inhalt der Bilder übt einen Reiz guf seine Seele aus. Daher gibt man ihnen im Zeichenunterricht gleichzeitig mit dem Stift den Pinsel in die Hand, und läßt sie mit Farben schalten und walten. Bedeutsam ist es, wie die Kinder allmählich selbst zur Klarheit über Licht und Schatten gelangen.
Tie Verbesserung des Zeichen- und Malunterrichts hat sich bereits in den meisten Schulen vollzogen. Dabei bleibt man nicht stehen. Man gibt den Kindern in Schule und Haus Plastilina in die Hände, und die Kleinen und Großen widmen sich mit Vergnügen und Lust der Kunstarbeit, die so trefflich das Auge erzieht. Tie Frauentzestalten und Tiere, die ein vierzehnjähriges Mädchen aus der Erinnerung .nachgebildet hat, riefen lüngst auf einer Ausstellung: „Tie Kunst im Leben des Kindes" Staunen wach. Aber nicht nur talentvolle Kinder sind befähigt, mit Plastilina zu modellieren. .In der Jdiotenanstalt zu Dalldorf kneten Schwachsinnige und Imbezille mit recht vielem Geschick allerlei Tiere, Körbe, Früchte und andere Dinge. Sie freilich bringen die Weintraube, den Hammer in sehr großem Format heraus, weil sie alles, auch die Schrift, viel gröber gestalten.
Alles, was das Kind anrührt, was es umgibt, soll schön sein. So gibt man ihm Bücher in die Hand, deren Bilder und Text von Künstlern herrühren. An Kindern haben die Künstler studiert, was den Kleinen frommt, und so ist es möglich, daß sie zu ihnen herbsteigen und ihnen die lebhaften Farben darbringen, an denen sie Freude haben. Tos Spielzeug wird nach neuen Gesichtspunkten gefertigt; man gibt den Kindern einfache Spieldinge, die ihre Phantasie nicht mehr ausschalten, wie alle die anderen komplizierten Eisenbahnen und kunstvollen Imitationen des Lebens. Man weiß, daß ein Kind das Verlangen hat, einsam zu sein. Am liebsten spielt es unter der Decke, verborgen hinter einer Gardine. Es läßt sich nicht gern belauschen. Daher hat man eine neue Idee für eine Puppenstube verwirklicht. Mit der Puppenstube, und mag sie noch so geräumig sein, läßt sich eigentlich gar nicht spielen. Jetzt fitzt oder bewegt sich das Kind selbst mit seinen Puppen in der Stube, die im Zimmer durch Ausstellung eines vierteiligen Wandschirmes entstanden ist. Ter eine Teil dieses zusammenlegbaren, rotbespannten Schirmes hot ein richtiges Fenster, mit einer Gardine und richtigen Blumentöpfen auf dem Sims. Die andere Seite hat eine richtige Tür, die ein Schild mit dem Namen der glücklichen Besitzerin der Stube trägt. .Durch die Tür tritt man in den Raum ein. Am Fenster steht diu Stuhl für das Kind selbst, an der Wand eine Bank, ein Tisch und noch zwei Stühle. Alles kann in der Stube untergebracht werden, was die Kleine für sich und ihre. Puppen braucht. An der Wand hängt eine Schwarzwälder Uhr. Außerdem sind noch hübsche Bilder angebracht.
Damit wären wir zu dem dritten Abschnitt der Bestrebungen der „Kunst im Leben des Kindes" gelangt: Die Ausschmückung der Klassen- und Kinderzimmer mit farbigen Bildern. Von den neuesten Friesen sind der sonnige „Frühlingsreigen" und „Feierabend" von Volkmann, .„Wer will unter die Soldaten" von Leo Putonnh, „Entengeschnatter" von Hans C. Ullrich und ^Fischerboote" von Ad. Luntz mit Recht sehr begehrt. Tie bekannten englischen Friese von Aldin führt man jetzt aus farbigem Stoss aus. Sie wirken sehr lebhaft und die Kinder verharren höchst interessiert vor ihnen.
Vor allem müssen wir das Vorurteil beseitigen, daß glle diese Einflüsse nur Zeichen Kindern zugute kommen können. Und dann gilt es noch, die Frage zu beantworten: Welchen praktischen Zweck hat die Erziehung zur Kunst? Tie Kinder sollen mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen, daß sie genau die Farben kennen, daß sich die Formen der Dinge ihrem Gedächtnis einprägen. Wie unsicher die Erinnerungen der Erwachsenen in dieser Hinsicht sind, lehren die Zeugenaussagen vor Gericht und bei den Versuchen in den juristischen und psychologischen Seminaren. Durch die Erziehung der Jugend zur Kunst soll aber der.Geschmack des deutschen Volkes und das Niveau der Kunst.erhoben werden. Emma Reiche
(im „Hannov. Cour.")
„per Wezauöerer der Saalöurg."
Der Bezauberer der Saalburg, lautet der Titel einer interessanten Plauderei Paul Hamelles im „Gil Blas", der das G o r - don Bennett-Rennen behandelt und, nach der „Rh. Wests. Ztg.", besonders die Haltung. Kaiser Wilhelms bei rhm charakterisiert. .„Aus einem kleinen Seitenwege sprengt
ArrH Meuter-
Am 12. Juli sind dreißig Jahre verstossen, daß der größte plattdeutsche Schriftsteller, Fritz Reuter, in seiner Villa zu Eisenach starb. .Tie Zeit hat seiner Volkstümlichkeit keinen Abbruch getan, denn seine sämtlichen Werke, .Bei Hinstorff in Wismar erschienen, erleben noch immer eine«, Auslage nach der anderen und werden nach Ablauf der Schutzfrist sich über den Erdball verbreiten. ..Zu dem prusten Gedenktage seines Heimganges vor nun drei Dezennien wird in dem Universitätsgebäude der ältesten Hochschule Preußens, zu Greifswald, eine Fritz Reuter- Ausstellung von dem als Reuter-Forscher bekannten Professor Tr. Karl Theodor Gaedertz veranstaltet.
Bekanntlich hat der Burschenschafter Reuter nach seiner Fest- ungs- und Landmannzeit sich in der Provinz Pommern als Schulmeister uitd Poet aufgetan. Anno 1850 siedelte er sich in Treptow an der Tollense an, wo er ein Jahr daraus seine Braut Luise Kuntze, feine „Suifing", als treue, .aufopfernde Lebensgefährtin an den bescheidenen häuslichen Herd führte, Unterricht in den Sprachen, int Rechnen, Turnen und Zeichnen erteilte und „Läuschen un.Rimels" zu fcfyreiBen begann, „plattdeutsche Gedichte heiteren Inhalts in meckleuburgisch-vorpommer- scher Mundart", deren erster Teil dem „besten Freunde" Fritz Peters auf Thalberg, später Siedenbollentin „zum Andenken an frohverlebte Stunden" gewidmet wurde, die neue Folge seinem Gönner, dem das Geld zum Truck vorschießenden Justizrat Schröder in Treptow „zur Kräftigung seiner gemütlichen Laune".
In Pommern kamen ebenfalls heraus „Polterabendgedichte", „De st" T nach Völligen", „Der 1. April 1836 oder Onkel Jakob und Jochen", „Blücher in Teterow", „Kein Hüsung", die letzteren in Greifswald bei C. A. Koch (Theodor Knuike).' Das von Reuter begründete und ein Jahr lang (1855/56) redigierte „Unterhaltungsblatt" war bestimmt, wie der Titel besagt, „für beide Mecklenburg und Pommern". In Pommern spielt der Anfang seiner Hauptschöpfung „Ut mitte Stromtid": — „Hawermann fin Pachtgaud lagg an de Peen twischen Anklam un Demmin".
„Ja, viele persönlichen Beziehungen verkitüpsten den bald berühmt gewordenen Schriftsteller, auch nachdem er .1856 sich,
eine Gruppe Reiter. .Ein Mann in Husarenoberstuniform springt leicht vom Pferde. Er geht dicht bei uns vorbei, während ihm einige Personen folgen, die viel mehr Orden tragen, als er selbst Ein respektvolles Geflüster summt bei seinem Vorübergehen und die Häupter entblößen sich. Dieser Oberst im himmelblauen Tolman, der mit sorgloser Miene vorüberschreitet, dieser jugendlich aussehende Mann ist der, dessen geringste Laune in der ganzen Welt eine Erregung hervorzurufen vermag, der, von dem jedes Stirnrunzeln und jedes Lächeln täglich in allen Sprachen kommentiert wird: es ist her Hervorzauberer dieser bestrickenden Dekorierung .der lauschigen Saalburg, Seine Majestät Wilhelm II. Alle Gläser sind auf ihn gerichtet, während die gewaltigen Eisenrosse pfauchend daherstürmen. Das scheint ihn nicht im geringsten zu genieren. Wenn diese Einfachheit teilweise auch erkünstelt sein mag, so erscheint sie doch durchaus natürlich. Dieser .Husarenoberst spielt seine Rolle vorzüglich und das Publikum ist mit ihm zufrieden. Ich spreche nicht von seinem eigenen Publikum, das er seit langer Zeit bezaubert, wie man das schon merkt, wenn ein Deutscher nur den Namen ' seines Kaisers nennt. Ich spreche von dem fremden Publikum, besonders von dem französischen. Auch auf dieses wirkt der erste Eindruck nicht ungünstig. Man ist überrascht, überrascht darüber, daß dieser Kaiser, von dem man schon so lange spricht, noch so jung ist, darüber, daß er so dinfach austritt, daß er so wenig den Kaiser herauskehrt. Alle Chauffeurs fühlen sich im Grunde ihres Herzens durch die Ehre seiner Gegenwart geschmeichelt. Besonders die französischen, die von den Machthabern ihres Landes nicht gerade verwöhnt werden . . . Thäry hat den Vorsprung vor Jenatzy gewonnen. Der Kaiser läßt nichts von der Enttäuschung merken, die er empfinden muß, er bleibt lächelnd und zuvorkommend, und läßt sich die Delegierten des französischen Automobilklubs vorstellen. . . Die Wettfahrt ist zu Ende. Der Kaiser erscheint vorne in seiner Loge, um als guter Sportsmanu dem Sieger Beifall zu spenden. Mehr noch! Er läßt j>en Ingenieur Brasier kommen und beglückwünscht ihn. durch den die ehrenvolle Trophäe aus Deutschland nach Frankreich zurückgeholt worden ist. Dem Komplimente des Kaisers fügt die Kaiserin das ihrige hinzu, was ihm doppelten Wert gibt. Und auf französischer Seite weiß man den Wert eines solch graziösen Auftretens zu schätzen. Die^von Anfang an nicht feindselige Ueberraschnng ist direkt zur Sympathie geworden. Der blaue Husarenoberst hat mit seinen Liebenswürdigkeiten die nicht fühllos gelassen, denen sie galten. Jules Lemaitre sagte ja bereits vor geraunter Zeit: „Der deutsche Kaiser mißfällt jtnferen Frauen keineswegs", und er wurde dafür gehörig getadelt. Ich habe aber am 17. Juni auf den Lippen und in den Augen mehr als einer Pariserin einen Ausdruck an die Adresse des Husarenoberst bemerkt, der Lemaitre Recht gibt. Der Kaiser hat den Gordon Bennett-Pokal verloren, aber seinen Vorsatz erreicht: „Er hat gefallen".


