Ausgabe 
1.7.1904
 
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Schmal und Stojentin wollten sich's nicht nehmen lassen, die erste Wache beim Toten zu halten.

Sie waren jetzt aufs Werk hinübergegangen, um Mit den Arbeitern zu sprechen. Die Nachtschicht ward natürlich unterbrochen, das Werk vorläufig geschlossen.

Wer weiß überhaupt, was nun aus Sakuthen werden tnag?' fragte der Buchhalter den Nachbar unterwegs. .,Es liegt doch das Geld von den beiden kleinen Pratjes mit im Geschäft. Wie kann Frau Franze allein die Verantwortung auf sich nehmen?"

Wenn wir uns zusammenschließen, Stojentin, Ihr Haus und das meine, und bilden eine Gesellschaft, dann kommt niemand zu kurz. Ich dachte schon oft daran. Aber dar­über wollen wir heute noch nicht mit Frau Fränze reden."

Fränze hatte Tirsell weggeschickt. Endlich war sie mit dem Toten allein.

Ein tiefer, tiefer Atemzug hob ihre Brust.

Sie trat mit gefalteten Händen an sein Lager.

Er war aus dem Leben geschieden, ohne eine Ahnung von dem Kampf zu haben, dein wilden, herzerschütternden, sinneverwirrenden Sturm, der über sie dahingebraust war.

Ein Gebet stieg aus ihrer Seele empor nicht in Worten, nur in stillen, inbrünstigen Gedanken ein heißes Dankgcbet: daß ein höheres Walten ihr die Kraft gegeben hatte, zu schweigen, vor ihm bis zu seinem letzten Atemzug zu schweigen, so grausam es an ihrem Herzen auch riß!

Für eine Sekunde schwankte und tanzte plötzlich alles rund um sie her sie tastete um sich dann brach sie neben dem Toten nieder.

Lange lag sie still da in tiefer Erschöpfung aber trockenen Auges.

Nun schwieg drüben das große Räderwerk, dessen Surren und Brummen die ganze Arbeitswoche hindurch Tag für Tag und Nacht für Nacht untrennbar vom Begriffe Sa­kuthen war.

Sie erhob sich und öffnete das Fenster.

Es schlug zehn Uhr.

In diesem Augenblick setzte sich in Ußditten der Eisen­bahnzug in Bewegung, der einen lieben Freund, den Ge­fährten ihrer lichtesten, aber auch ihrer düstersten Lebens­stunden, in langer, ermüdender Fahrt nach Hamburg brachte.

An Bord derLa Plata", die dort im Hafen auf ihn wartete, konnte ihn noch keine Kunde von ihr erreichen!

Sie lehnte sich ins Fenster und atmete die kühle Nacht­luft tief in die Lungen ein. Dabei preßte sie die Hände wie flehend ineinander.

Nein, sie wollte nicht an ihn denken sie durfte nicht!

Aber das Schiff verließ dann Hamburg ohne Botschaft von ihr, verließ den breiten Strom, verließ die Reede von Kuxhaven, durchschnitt den Kanal und trat die weite, weite Reise über den Ozean an.

. . . Und nahm das Liebste mit, was es für sie auf der Welt gab . . .

Sie streckte plötzlich die Arme aus, als wollte sie ihr Glück festhalten. Sie klammerte sich mit der ganzen Kraft ihrer Seele an das Bild und ihre Phantasie trug sie aus der Nähe des stillen Mannes weg weiter und weiter sie sah das blaue Meer die Sommersonne in den lauen Passaten und eine seltsame, fremde, wunderbare Küste in exotischer Pracht. . . . Und ein schmuckes Boot mit weißem Segel tanzte ans dem Wasser . .

O, sie wußte: solange noch die Sommersonne über ihrer Ausfahrt zum Glück strahlte, würde sie diesen lichten, in den lauen, schwelgerischen Passaten ihrer harrenden Segel ent­gegenziehen! Sie halte es ihm ja gelobt wenn sie frei war!

*

Die beiden Fremden traten ein, um die Totenwache zu beginnen.

Fränze stand noch lange in stumpfer Ergriffenheit am offenen Fenster.

Jetzt stahlen sich ein paar vereinzelte Tränen in ihre Augen und rannen langsam über ihre Wangen.

Sie sah die vielen Lichter im Zimmer und das feierliche

Bild des bleichen Mannes sich in den Tränen spiegeln, di« in ihren Wimpern zitterten.

Still weinte sie vor sich hin.

Aber es war kein Schmerz, keine Qual in ihrem Weinen es erhob, es erquickte, es erlöste sie.

Ende.

2>ie Kunst im «Leben des Kind s.

Unsere Zeit ist reich an Schlagworten wie jede Aufklärungs- Periode, die überall niederreißt, Neues aufbauen möchte, aber häufig in den Versuchen stecken bleibt. Darum wird das Neue, das in ihr entsteht, viel gescholten, viel belacht und ost ver­spottet von der rasch urteilenden Menge.

Feinere Geister, die noch Ideale haben, sehen aber in ihr neue Ansätze zu einer verfeinerten Kultur. Sie wissen, daß em Volk, das vorwärts schreiten will, das nicht nur in der Wissen­schaft, sondern auf allen anderen Gebieten eine führende Rolle zu übernehmen strebt, an der Vervollkommnung des einzelnen Individuums arbeiten muß. .Ta gilt es, Umschau zu halten, Ver­gleiche zu ziehen mit dein, was andere Völker errungen haben, und dadurch zur Erkenntnis der eigenen Mängel zu gelangen. Ms ein Mangel der Deutschen, der uns im Laufe der Zeiten zurttckbringcn könnte, wird der gering ausgeprägte Sinn für die Kunst empfunden. Tas Kunstempfinden will man stärken und kräftigen, daß mehr Menschen zu einem Kunstgenüsse gelangen. Zur Musik, zumkünstlerischen Hören", werden die Kinder der meisten gebildeten Familien geführt. Sie werden auch angelcitct, literarisch Gutes in sich aufzunehmen. Achtlos geht aber selbst der Gebildete an der Schönheit der Natur vorüber, wenn nicht gerade eine Reise in das Gebirge, an das Meer, auf das Land, die Augen öffnet. , Achtlos geht man an den Bauwerken, an den Künsten der Bildhauerei und an der wirksamsten Kunst, an der Malerei, vorüber. Jeder sieht sich hier und da einmal ein Bild an. Er fragt sich, was es darstellt, hat er den Inhalt, das, was es erzählt, erfaßt, .so hat es ihm nichts mehr zu sagen. Tas soll anders werden. Ter Mensch sollkünstlerisch sehen" lernen, das heißt, er soll so weit gebracht werden, Formen und Farben zu genießen, sie mit der Natur zu vergleichen, und die Seele soll sich freuen, soll erzittern beim Anblick des Schönen in Natur und Kunst!

Ten Kindern will man die Pforten zur Welt des Schönen auftun. Sie werden den Reiz einer Schneeflocke, den Zauber einer Blume, die oft phantastische Form der jagenden Wolken, bas Leuchten des blauen Aethers in seinen wunderbaren Farben, die Formen der Tiere und Menschen und nicht zuletzt die der sie umgebenden Gegenstände erkennen.

Wichtig bei dieser Bewegung ist das Bestreben, nicht den Schüler mit einem neuen llnterrichtsgegenstande zu belasten, ihm nichts, was nicht in ihm wurzelt, von außen aufzupfropscn. Tas in allen Menschen Schlummernde soll entfaltet werden. Darum verfolgen die künstlerisch empfindenden Jugendlciter die Lebens­äußerungen der Kinder mit Sorgfalt, knüpfen an diese an, ohne die Denk- und Empfindungsweise der Erwachsenen zum Maßstabe für des Kindes Vermögen zu nehmen. Wie die Religion, so soll die Kunst das Tun und Trachten der Menschen durchdringen, die Erkenntnis und das Ausgestalten des Schönen fein Leben regeln. Man wirst ein, daß in der Volksschule dem Kultus des Schönen kein Altar errichtet werden kann, weil dem, der nicht richtig zu schreiben vermag, sich die Schönheit nicht offenbaren kann. .Gibt es nicht sehr viele Menschen, die ganz ungelernt sind, und trotzdem erfüllt sind von Glauben, und allein durch die Macht ihres Glaubens tiefer wirken, mehr Persönlichkeit darstellen, als manche Hochgebildeten? Geradeso verhält es sich mit der Kunst!

Den Kindern aller Schichten der Bevölkerung sollen die Augen geöffnet werden! Denn die Kunst hat im Leben der Kinder einen Boden. Des Kindes Empfinden ist künstlerisch, wird nur all­mählich durch die übermäßige Betonung der Gedächtnis- und Berstandesarbeit in der Schule unterdrückt. Die Beweise für diese Behauptung sind die Zeichnungen von Kindern, die man sammelt. Tiefe Kritzeleien und unfertigen Hinwürfe werden nur deshalb als Erzeugnisse vonKünstlern" angesehen, weil sie aus der Seele, aus dem Empfinden, .aus der Phantasie, aus der Anschauüngswelt, aus dem Geistesleben der Kinder unmittel­bar entsprungen sind; wenn natürlich auch das Wollen, die Kritik, .das beim Künstler unerläßliche Können fehlt. Es erhellt aus den Zeichnungen, daß die Kinder Formensinn in sich tragen und bei richtiger Anleitung Beobachtetes auszcichnen können.

Als ein leichtes, erfreuliches Spiel, nicht als eine mühevolle, langweilige Arbeit, von der man sich am liebsten drückt, sollen die Zeichnungen der Kinder entstehen. Wer ein Kind beobachtet, nimmt wahr, daß es Tiere, Menschen, Blumen und Gebrauchs­gegenstände fesseln, und daß es diese Tinge freiwillig zu Papier bringt. Diese Neigung macht man zur Basis für die Zeichen­versuche der Kinder in den Schulen. Kurz vor Schluß einer be­liebigen Unterrichtsstunde werden die Kinder aufgefordert, irgend etwas zu zeichnen. Bei freier Wahl des Stoffes wissen sie z:r- gleich, .was sie darstellen wollen. Ueberall tritt das Bestreben her-