Ausgabe 
1.7.1904
 
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Areitag den 1 Juli.

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(Nachdruck verboten.)

IruHtingsstürme.

Roman von Paul Oskar Höcker.

(S chluß.)

Aber Zupitza war nicht mehr in seiner Wohnung. Der Knecht des Posthalters behauptete: mit der vorletzten Fähre sei er über den Strom hinüber.

Der Gemeindevorsteher wurde benachrichtigt, der Gen­darm, man telegraphierte nach Ußditten an den Kreisarzt, endlich kehrte auch Krappe von seinem Ortstermin zurück: aufgeregt lief und fuhr und radelte halb Gill nach Sch- kuthen.

Dort herrschte eine unbeschreibliche Aufregung. Lorenz war noch der Vernünftigste von allen. Er hatte überall Licht gemacht, duldete aber nicht, daß die Arbeiter, die neugierig vom Werk herübergelausen kamen, ins Haus ein­traten.

Den Höhepunkt erreichte das aufgeregte Durcheinander, als der Wagen einfuhr, der die Herrin brachte.

Sie wußte noch von nichts ohne jede schonende Vorbereitung rief man ihr die Botschaft von allen Seiten zu.

In diesem Augenblick traf atemlos Stojentin ein. Der nahm sich feiner im ersten Schreck fast zusammenbrechenden Prrnzipalin an.

Im Z: tmer des Toten gab es dann aber noch tüte schreckliche Szene mit Tirsill, eine Szene, iiber die der Buchhalter und die Magd hernach noch oftmals machen: wie der arme Bursche beim Anblick der Herrin sich halb wahnsinnig vor Aufregung vor ihr in die Knies warf und n seinem gebrochenen Deutsch seine Unschuld beteuerte, mmer wieder unter Schluchzen den Hergang erzählte, chließlich auf die Leiche zustürzte, den krampfhaft er- tarrten Fingern beit Revolver entwinden wollte viel­eicht gar, um sich selbst eine Kugel durch den Kopf ;agen!

Sie führten ihn endlich mit Gewalt weg.

Inzwischen war Schmal ins Sterbezimmer seines Kon­kurrenten, der ihm immer ein ehrlicher Nachbar und guter Freund gewesen war, eingetreten.

Er suchte mit herzlichen Worten die junge Witwe zu trösten, die in tiefer Ergriffenheit regungslos dasaß, dabei fast angstvoll immerzu die Leiche anstarrend, ohne Worte oder Tränen finden zu könne,n.

Leben kam erst wieder in sie, als Stojentin dre Nach­richt brachte, Tirsell sage aus, der Herr habe noch kurz vor dem Unglücksfalle mit Bleistift ein paar Zeilen ge­schrieben.

Nun suchten sie das Blatt und fanden es auf der Erde, wenige Schritte von der Leiche entfernt am Fenster.

Danach war Dietzer Lotz freiwillig und mit vollem, klarem Bewußtsein aus dem Leben geschieden.

Liebe Fräuze, dies ist der Scheidegruß Deines sterben­den Mannes. Ich habe soeben durch Gamerings Vetter erfahren, welches Ende mir bevorsteht. Zupitza hat es mir bisher verschwiegen und wohl auch Dir um uns zu schonen. Ich sage ihm Dank für seine ehrliche Freundschaft Dir für Deine Liebe, Deine Treue, Tein Ausharren, Deine Geduld! Verzeihe mir diese letzte Qual, die ich über Dich bringe. Aber ein Leben ohne Hoffnung kann ich nicht ertragen: ich ziehe dem langsamen Martertod die rasche Erlösung mit eigener Hand vor. Gott mag mich dafür richten. Wer als Mensch int Staub geboren ist wie ich, kann meine Tat nicht verdammen. Lebe wohl. Fränze!^ *

Eine halbe Stunde später war der Amtsrichter da. Fast gleichzeitig trafen die beiden Gamerings ein, voller Angst und Erschütterung.

Fränze war während der Verhandlung, die Krappe mit Tirsell aufnahm und bei der der junge Arzt, der Gemeinde­vorsteher, der Gendarm und ein Schreiber assistierten, ins Bureau gegangen. Hier suchten Schmal und Stojentin be- rubigend auf sie einwirken. Sie saß still an ihrem Pult, sprach nicht, weinte nicht, nur manchmal wehrte sie ihnen mit einer müden Gebärde.

Nach Beendigung des Termins mochte sie von den anderen, die sie sprechen zu dürfen baten, niemand sehen, empfing auch Gamering und den jungen Arzt nicht, der sich verteidtgen, ihr erklären wollte.

Schwere, langsame Männerschritte, die durchs still ge­wordene Haus hallten, zeigten an, daß man die Leiche aus ihrer zusammengcsunkenen Lage im Rollstuhl nun end­lich entfernt hatte, um sie bis zur Ankunft eines Sarges in dem kleinen Ecksalon aufzubahren.

Man hörte das Rücken von Möbeln, ein Klingen in den Saiten des Stutzflügels, der zur Seite geschoben ward, dann vernahtn man einen dumpfen Fall und ein lautes, ungebärdiges Aufschluchzen: es war Tirsell, der sich zit Füßen des Toten niederwarf.

Als das Haus durch Lorenz und den Gendarmen von allen lästigen Neugierigen und unbefugten Eindringlingen gesäubert war, ging Stojentin hinüber, um auch den jam­mernden Burschen wegzufchicken.

Aber Fränze folgte ihm und wehrte ihm. Sie klopfte Tirsell auf die Schulter und tröstete ihn: es treffe ihn ja keine Schuld. Er blieb auf den Knien liegen und küßte schluchzend ihre Hände.

Dann mußte er ihr alles noch einmal erzähleni vom Besuch der beiden Herren an bis zum tragischen Ab­schluß von Dieters Leidensgeschichte.

Ihm ist jetzt Wohler, Tirsell", sagte sie, auf den still Taliegenden zeigend,als wenn Dir's gelungen wäre, ihm zu wehren. Ja, wer weiß", setzte sie müde hinzu, ,,08 man ein Recht besaß, ihm zu wehren?"

Als Tirsell seine Herrin so ruhig sah, faßte er sich allmählich gleichfalls.