Ausgabe 
31.12.1903
 
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Wieder nicht recht, wo und tote ich den Anfang machen soll."--

Fangen Sie mit der Hauptsache an", sagte er und versuchte ztt lächeln.

Tie Hauptsache, das ist für mich, daß ich Ihnen uurecyt getan habe. Nicht so, tote schon einmal. Sie lvissen wohl noch, als ich Sie um Verzeihung bat, da­mals am ersten Tage in Fasano. Nein, ganz allgemein, indetn ich mich zur Richterin über Sie auftvarf. Jetzt ist es mir klar geworden: kein Mensch soll über den anderen richten wollen; denn er kennt sich selbst viel zu wenig, als daß er den anderen an sich messen dürfte. Mas ich Ihnen vorgeworfen habe, das hätte ich an mir tadeln sollen; alles das habe ich in mir selbst gefunden, leider nur viel zu spät. Eitel und unwahr habe ich Sie gescholten, eitel und unwahr bin ich selbst gewesen."

Wie können Sie das sagen, Fräulein Edith!"

Weil es die Wahrheit ist. Lauge Zeit habe ich mir eingebildet, die Wahrheit zu lieben und bin eitel und stolz darauf gewesen ohne Grund. Tenn während ich es tat, habe ich mich wochenlang selbst belogen, mich, die Ehrliche, Aufrichtige, Wahrhaftige, tote ich mich in törichter Selbstherrlichkeit genannt habe. Wenn ich mir wieder und wieder vorsagte, daß ich Sie haßte und immer hassen würde, es war eine Lüge."

Und was oh, sagen Sie es mir, was ist die Wahrheit?"

Die gab keine direkte Antwort, sondern fuhr nach einem tiefen Atemzuge fort in dem, was sie als ihre Beichte bezeichnete.

Ich hatte mir vorgesetzt, nur einen vollkornmenen Menschen zu lieben, und hatte dabei vergessen, daß es keine vollkommenen Menschen gibt. Bor allem, daß ich selbst zu den allerschwächsten und unvollkommensten ge­höre."

Und haben Sie einen unvollkommenen Menschen lieben gelernt?"

Sie sah ihn an, von unten her, gebeugten Hauptes, Unt einem Lächeln, das um Verzeihung- zu bitten schien.

Seit ich ihn liebe, scheint er mir vollkommen."

Ist es derselbe, der Ihnen neulich geschrieben hat?" Ja, er ist es."

Oh, Fräulein Edith!"

Nein, lassen Sie noch meine Hand. Hören Sie mich erst bis zu Ende. Ganz frei muß die Seele sein für das Glück. Gewehrt habe ich mich gegen diese Liebe, wie gegen einen böseit Feind, und habe geglaubt, sie durch Hohn und Spott und Verleumdung bestegen zu können. Jetzt weiß ich- auch, daß icy Sie vielleicht niemals mehr geliebt habe, als in der Zeit, wo ich Sie am meisten zu hassen und zu verabscheuen glaubte."

Ich werde Tich lehren, mich noch mehr zu lieben", sagte er halblaut. Er hatte sein Gesicht dem ihren so nahe gebracht und sah ihr so tief in die Augen, daß sie in süßem Schauer die Lider sinken ließ. Sie lächelte mit zitternden Lippen und sagte, so leise redend wie er:Ich glaube nicht, daß Tir das möglich ist."

Mit einer gewaltsamen Anstrengung riß sie sich-aus der betäubenden Traumstimmung tos und sagte, einen Schritt zurücktreteud, mit verändertem Don:Das w-ar damals, als Tu mir den Brief geschrieben hattest, und als ich Tich gleich darauf mit der Sängerin sah, die Tu dann geküßt haben sollst vor allen Leuten. Ich- weiß auch heute nicht mehr von Tir und ihr, als ich damals wußte; aber ich glaube setzt an Tich, und nun könntest Tu sie auch vor meinen Augen küssen, ich- würde doch sagen:Er liebt sie nicht." Oh, Du kannst es nicht ahnen, tote schön und frei mir nun zu Mute ist. Ich glaube an Tich, ja, ich glaube an Tich!"

1" tfUtti> machst mich glücklich dadurch- Edith, so

Sieh, das ist alles seit dem Tage, an dem Du mich gerettet hast. Ich war so verzweifelt wie niemals vorher und lief in dem Sturm hinaus in die Berge und wußte nicht mehr, was ich- tat. Nur daß ich Dich liebte, das wußte ich schon damals. Wenn ich mich noch dagegen gewehrt hatte, der Schmerz in dem Augenblick, als ich Tich neben der Sängerin sah, der hatte mir's klar ge- Vtacht. Aber als ein Unglück empfand ich diese Liebe, nicht als Glück. Tenn die Zweifel an Tir und Deiner Wahrhaftigkeit wollten nicht schweigen, und so bin ich

umhergeirrt und habe zum Himmel gebetet nm einen Beweis für die Wahrheit Deiner Liebe zu mir. Ich sah nicht mehr um den Weg, ich sorgte nicht mehr um mein Leben, ich flehte nur immer von neuem:Gib mir ein Zeichen, daß er mich liebt!" Und indem ich betend nach oben sah, hat mein Fuß den Halt verloren; ich bin ge­stürzt und habe von Gebet und Liebe nichts mehr gewußt."

Jetzt aber weißt Tu wieder von ihr, nicht wahr?"

Ja, jetzt und für immer. In dem Augenblick, als ich erfuhr, daß Du mich gerettet hattest, da wußte ich, daß Tu mich liebtest. Etwas der Art tut man ja nur für einen Menschen, den man liebt. Aber nun weiß ich, was Tu mir in Wahrheit geopfert hast, kommt mir mein Gebet von damals fast tote ein Frevel vor. Was bin ich denn, daß der Himmel um meinetwillen Tir diese Prüfung auf­erlegt hat? Um mich ist Tein Lebert, Deine Zukunft zerstört worden, nud ich kann ja nichts tun, um Tir das zu ersetzen."

Mich lieb haben kannst Tu, gibt es denn besseren Ersatz? Tn bist nun mein Leben, mein Glück und meine Zukunft. Tas alles halte ich im Arm, ganz fest, so wie Tich, und küsse es, Edith, küsse es, so tote Dich."

Er hatte sie an sich gezogen und geküßt, und eng aneinander geschmiegt gingen sie jetzt bis zu dem äußersten Rand des Gemäuers, too sie hoch über den blauen Fluten dastanden tote die Beherrscher dieser wundervollen Wasser- und Felsenwelt. Eine Weile blieben sie schweigend, Auge in Auge. Tann löste Edith den Blick von dem Geliebten, schaute weit hinaus in die blau verdämmernde Ferne und endlich- mit dankbaren Augen zum Himmel enipor.

Wie schön", sagte sie,tote schön! Tie Welt und das Leben, und die Liebe, wie sind sie schön!"

Gut, daß Tu die Schönste nicht vergessen hast. Hier hat Catull ihr gedient, und hier dienen auch wir heute. Komm, Edith, küsse mich-, daß sie sich über uits freuen."

Edith gehorchte ihm gern, doch blieb ihr Mick jetzt offen für die Welt umher.

Tu hast von Catull gesprochen", sagte sie.Kennst Tu den Vers von ihm, den er hier gedichtet hat, vielleicht auf dieser selben Stelle hier:Jauchz' auf, v See, mit freud'gem Wogenschäumeu-" sieh, als ich den Vers! vorhin las in dem Buche hier, da hab' ich mir im stillen gewünscht, mit Tir hier zu stehen, wie wir es jetzt tun, und es mit Dir hinauszurufen auf den See, auf diesen schönen Zeugen unseres Glückes: Jauchz' auf o See, mit freud'gem Wo gen schäumen!"

Es war, als wollte die Natur ihr Antwort geben. Ein Windstoß ging über die Wasserfläche dahin, und von ihm gepeitscht, hoben die weißen Wellenpferde ihre Häupter höher empor. Zugleich aber kam ein Laut von oben, ein erster, ferner Tonnerton, in den weißgrauen Massen der Wetterwolken.

Siehst Tn es, hörst Du's?" rief Edith lebhaft.Der See jauchzt auf, er will uns Glück wünschen zu unserem Freudentage. Und auch der Himmel ruft einen Glückwunsch herunter."

Für seinen Wotan, meinst Tu?" Er fragte es mit wehmütigem Lächeln trotz seines Glücks.

Für Wotan, v, verzeih'!"

Nein, es tut mir nicht mehr weh, kein Wotan mehr ztt fein. Bin ich doch heute der glücklichste Mensch."

Für mich-, sag' mir, war Wotan nicht der oberste der Götter?"

Ich glaube wohl."

So bleibst Tu es heute und immer. Mein Gott bist Tu, und ich bin Dein Geschöpf."

Seine Lippen gaben ihr Antwort, wenn auch ohne Morte. Ein Kuß in den Grotten des Dichters der Liebe, ein erneuter, stärkerer Tounerlaut ans den Wolken,i das war nun Wotans wirkliche Verlobung.

Ende.t

Zum neuen Iüyre.

TOM,

Nun sind alle Kerzen erloschen.

Hier und dort flammen sie wohl heute noch einmal auf, und dann heißt es: vorüber! Hastig werden die Bäumchen ihrer Herrlichkeiten entkleidet, und dann wan­dert der noch vor kurzem so sehnsüchtig erwartete, so