Ausgabe 
31.12.1903
 
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Wir erwarten von dem neuen Jahre alles Gute, wie wir cs tron dem alten erwartet und erhofft haben. Ta müssen wir uns aber doch auch fragen, was wir dazu getan haben und fernerhin dazu tun werden. Ohne Saat keine Ernte, und ohne Arbeit fallen uns die goldenen Früchte nicht in den Schoß.

Mir haben gearbeitet und unsere Pflicht getan. Aber hätten wir nicht vielleicht noch mehr tun können? Und wenn wir gearbeitet haben, tatm wir das nicht vielleicht ausschließlich für uns? Wenn dies der Fall ist was ist dann Großes dabei? Gewiß ist es gut und lobenswert, sein Tagewerk zu verrichten mit Lup und Fleiß, und recht und billig ist es, die Früchte seines Fleißes zu ernten. Aber der Mensch lebt nicht für sich allein, er ist ein Glied der Gesamtheit, der er auch etwas schuldet, wie die Gesamt­heit dem einzelnen. Ter Egoismus erscheint ja vielen als der einzige gesunde Trieb im Menschen, und danach handeln sie. Aber das ist ein schlimmer Irrtum, der keinen Segen bringt. Wahrlich, es stünde wohl besser um die ganze Menschheit, toemt jeder einzelne durchdrungen wäre von dem Bewußtsein, daß er auch für seine Mitmenschen zu wirken berufen ist, soviel in seinen Kräften steht. Tas ist cs, was wir im neuen Jahre bedenken, und wonach wir handeln wollen: in der Sorge um das eigene Wohl das Wohl des Ganzen nicht vergessen.

"So treten wir denn ein in das neue Jahr fröhlich in Hoffnung» stark durch den Glauber:, voll Vertrauen auf die eigene Kraft, mit dem festen Willen, mutig zu schaffen zum wohlverdienten eigenen Nutzen, aber auch zum Wohl und Heil des Vaterlandes. Dazu aber schenke uns der Vater im Himmel ein gesegnetes und fröhlichesneues Jahr! " Erich zu Schirfeld.

vernrißehres.

* D i e Abnahme derHeiratslust, besonders i der Großstadt, ist nicht allein den schlechten-Zerten zuz schreiben. Bon Jahr zu Jahr mindert sich die Zahl d Eheschließungen im Verhältnis zu derjenigen der Buvolkc ung, ganz gleich ob die Geschäfte gut ober schlecht geh< Bei dieser allgemeinen Unlust fallen einzelne Proben re beträchtlicher Heiratslust um so mehr auf. Eine v Berliner Stalistischey Amt zusammengestelite Statistik ü die Eheschließungen in Berlin ergibt, daß im Jahre lyu^ von 19 138 heiratenden Männern 2092 zum zweiten Mal, 166 zum dritten Mal, 11 zum vierten Mal, 2 zum fünften Mal eine Che eingingen. Bon den 19 138 Frauen heirateten 1368 zum zweiten Mal, 87 zum dritten Mal, 7 zum vierten Mal. Bon den heiratenden Männern hatten vier noch nicht das 20. Lebensjahr und einer von diesen noch nicht einmal das 19. Lebensjahr vollendet. Andererseits hatten 19 bei der Eheschließung bereits das 70. Lebensjahr hinter sich, und der älteste von diesen war 78 Jahre alt, als er noch einmal heiratete. Bon den Frauen waren 158 noch nicht 18 und davon 23 noch, nicht 17 Jahre alt, als sie zur Hausfrauenwürde aufrückten. Im Alter von mehr als 60 Jahren heirateten nocv 20, meist zum zweiten oder dritten Mal. Die älteste hatte das 71. Lebensjahr vollendet. In uech recht jungen Jahren befanden sich manchmal die wiederheiratenden Männer bezw. Frauen. Bei den Mänuern war der jüngste der zum zweiten Mal heiraten­der: Jahre alt, der zirm dritten Mal heiratenden 28

Iah der zum vierten heiratenden 45 Jahre, und der jiii.ß, ' d.'r zum fünften Mal heiratenden Männer hatte es erst 5.3 Jahre gebracht. Bei den Frauen war die

jüngste der zum zweiten, dritten Mal heiratenden erst 20, 27, 35 Jahre alt. Trotz dieser wunderlichen Heiraten nahm wie gesagt, die Zahl der Eheschließungen im ver­gangenen Jahre wiederum ab, die Zahl der Ehescheidungen dagegen zu. Man sieht darin eine Art Wechselwirkung. Im Jahre 1892 wurden 1227 Ehen geschieden. Tie jüngsten der Geschiedenen standen in dem zarten Alter von 25 (Mann) bezw. 18 Jahren. Unter den Ehestandsveteranen befinden sich diesmal 68 bis 72 jährige Männer, deren Gattinnen 64, 42 bezw. 23 Jahre zählten. Zwei der geschiedenen Frauen (53 und 58 Jahre alt) besaßen Nicht weniger als sechs Kinder. Kinderlose Ehen wurden 513 durch richterlichen Ausspruch getrennt. Zwei Eheleute ent­schlossen sich erst nach 40jährigcm Zusammenleben zur

Trennung. Die Silberhochzeit hatten schon 45 Paare hinter sich, als sie einsahcist daß sie nicht mehr zu einander paßten. 18 Ehen wurden sürnichtig" erklärt. Auffallend ist hier die große Zahl der geschiedenen kinderlosen Ehen; sie gibt zu denken.

* Rauchen ist die erste Bürgerpflicht, das war der Grundsatz, der im Jahre 1851 die päpstliche Re- giernng zu einigen seltsamen Verfügungen veranlaßte, in denen das Rauchen ausdrücklich a.s eine gesetzliche Hand­lung bezeichnet wird. So erließ der bekannte Kardinal­staatssekretär Antonelli am 16. Mai 1851 eine amtliche Be­kanntmachung, in der es u. a. heißt:Tie vielen fried­lichen Einwohnern zugefügtcn Beschimpfungen, um dadurch das Tabakrauchen zu verhindern, haben Vie Aufmerksam­keit der Regierung auf sich gezogen. Diese will indessen die vom Gesetz gestattete Fretheit durch geeignete Mittel garantieren und darum über die Schuldigen auf der Stelle die von ihnen verwirkte Strafe verhängen. Auf ausdrück­lichen Befehl Sr. Heiligkeit des Papstes verordnen wir zu dem Ende Folgendes: Wer sich erdreistet, gesetzliche Handlungen zu verhindern, oder ihre Verhinderung zu begünstigen, und solcherweise die öffentliche Ruhe zu stören, soll vor ein Summargericht (d. h. vor ein Ziml- Stcmdgericht) gebracht werden und die vom Gesetz be­stimmte Strafe erleiden" usw. Aus Verbreitung von Schriften antiraucherischen Inhalts wurde u. a. eine Zucht­hausstrafe bis zu drei Jahren gesetzt. Tie päpstliche Re­gierung hatte guten Grund zu diesem strengen Vorgehen, bei dem sie zartfühlende, tabakfeindliche Hausfrauen ge­wiß nicht auf ihrer Seite hatte. Tenn im Patrimonium Petri war der Tabakverkauf Staatsmonopol, und um den Racker Staat zu ärgern, hatten die Republikaner eine eifrige Propaganda zu Gunsten der Tabakenthaltung er­öffnet, die den Erfolg hatte, daß niemand mehr öffentlich zu rauchen wagte, daß aus den Kaffeehäusern der Tabak­rauch verschwand und die Einnahmen der Regie um Tau- nde von Scudi wöchentlich zurückgingen. In jenen agen, als die Raucher die Schwarzen, die Nichtraucher ie Roten waren, entstanü auch der heute noch in Rom ekannte Spottname für die Mitglieder der päpstlichen Karde, sigoro scclto (Quackiätszigarre), weil diese wackern Schlüsselsoldaten natürlich ihre whule Gesinnung durch Rauchen der teuersten päpstlichen Glimmstengel mit Todes­verachtung zu erkennen gaben.

Kleine praktische Zlalsch äge.

S ch w e d i s ch e r Punsch zum Aufbewa h r e n. In 12 bis 13 Liter siedendem Wasser löst man 4 Kilo Zucker völlig auf, gießt dann 14 bis 15 Liter feinen, echten Arrak zu, setzt alles in einem Kessel aufs Feuer und läßt die Mischung unter fortdauerndem Umrühren, Aufschöpfen und Zurückgießen mir einem silbernen Schöpflöffel (Vorlege- töffel) leise kochen, bis sic wie ein dünner Syrup ist, worauf man den Punsch in Porzellantcrriueu ausschüttet, auskühlen läßt, auf Flaschen füllt und int Keller aufbewahrt. Er ge­winnt durch längeres Lagern noch bedeutend an Feinheit und wird beim Gebrauch mit Weißwein oder Champagner verdünnt und nach Bedürfnis versüßt.

Bilderrätsel.

9?nrfibrutf verboten.

Auflösung in ntictjuer Nummer.

C>r..io;

Auflösung des Zahlcnräiscls in vor. Nr.:

Dezember. (Meer, Rebe, Erde, Erz, Beere, Rede, Erbe,)

Redaktion: August Götz. Rotationsdruck und Derlaa der L richt'scheu llniversttütL-Auch- und Ltemdruäerei. R. Lauge, Gießen.