Nr. 49.
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(Nachdruck verboten.)
Das Gasthaus am Strande.
Roman in zwei Bänden von Florence Warden.
Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.
(Fortsetzung.)
„Es ist sehr hübsch für Ihren Onkel", fügte er nach einer Pause hinzu, „aber —" er zögerte, fürchtend, zudrmg- lich zu erscheinen — „ist es ebenso angenehm für Sie selbst, hier draußen zu leben, ich meine, so weit weg von — nun von —"
„Der gebildeten Welt?" fragte Nell lächelnd. „Gewiß bringt dies manche Nachteile mit sich Natürlich weiß ich, was Sie damit wirklich meinen und was Sie nur nicht gern sagen wollen. Wenn aber die Wahl nur zwischen dem liegt, mit meinem alten Onkel zu leben und ihm behilflich zu sein, oder von hier zu gehen und mir selbst zu genügen, kann ich da zweifeln, was ich zu tun habe? Miß Theodora, die das beste weibliche Wesen der Welt ist, sagte, ich müsse hier bleiben, ich täte recht, wenn ich bliebe."
Clifsord zögerte einen Augenblick, ehe er antwortete..
„Mir scheint, daß noch jemand außer Ihrem Onkel hier in Betracht zu ziehen ist. Dies ist doch für Sie ein schreckliches Leben. Alles muß Sie verletzen — das, was Sie an einem Orte, wie diesem, sowohl sehen wie hören, jede Einzelheit seines Lebens. O, sagen Sie mir nicht, daß es nicht so ist. Es ist natürlich sehr liebenswürdig von Ihnen, es zu leugnen, doch werde ich Ihnen nicht glauben."
Doch Nell lächelte frei heraus und schüttelte nut einer Miene fester Ueberzeugung den Kopf.
„Cs ist eigentlich schrecklich", sagte sie, „gestehen zu müssen, daß Sie zu hoch von mir denken. Mer es ist so. Nicht, daß ich sagen will, es gäbe in meinem Leben nichts, das ich nicht ändern möchte, wenn ich es könnte. Doch ist nicht in jeder Art Leben etwas, das man über sich ergehen lassen muß? Wie? Wenn man die frische Luft und das Meer hat — und ich liebe das Meer! — und den alten Onkel George — ich hätte ihn beiläufig zuerst genannt haben sollen, statt zuletzt — so kann man sicher zufrieden sein, auch ohne einige Dinge, an die mau gewohnt war, ans- zukommen."
„Doch die Dinge, ohne die Sie hier auskommen müssen, sind doch so wichtig", sagte Clifsord ernst, „Der Umgang mit — nun mit —"
Er wollte sagen: „mit Leuten von Erziehung und Bildung", brach aber kurz ab, damit das Mädchen nicht dächte, er würfe einen Makel auf ihren Onkel. Sie verstand jedoch seine Zurückhaltung, denn sie sah ihn bescheiden mit einem vergnüglichen Blicke an.
„Ich weiß, was Sie gu sagen beabsichtigen", rief sie fröhlich, „Sie wagen es nur nicht, sich zu äußern. Und Sje haben, es nicht M wagen, ganz recht. Hab' W doch!
gleichwohl den Umgang von — von — von —" und sie begleitete jedes „von" mit einem nachdrücklichen Nicken des Kopfes. „Miß Bostal ist so gütig, mich, als ihresgleichen zu behandeln."
„Als ihresgleichen? Das könnt' ich mir denken!" er-, widerte Clifsord entrüstet. „Das verdrießt mich nun eben, daß Sie jemandes Güte betnen müssen, der sie als seinesgleichen behandelt. Das ist widersinnig! Mir scheint, daß da die Güte ganz nur auf Ihrer Seite liegt. Sie bringen etwas Jugend und Leben und — und —" Er blickte sie verlegen an und, seinen Satz unvollendet lassend, fing er einen andern an: „Ich sollte denken, daß sie Ihren Besuchen mit mehr Verlangen entgegensehen muß, als Sie den ihren."
Nell lächelte über seinen entrüsteten Don.
„O, Miß Bostal möchte nicht, daß man sie hierher- kommen sähe!" fiel sie rasch ein. „Das würde doch etwas ganz anderes sein. Miß Bostal hat, wissen Sie, Ahnen gehabt, und das legt Rücksichten auf, die einen in der Tat in eine sehr enge Lebensbahn drängen. Gleichviel wie arm man auch sein möchte, man hat immer an sie zu denken und darüber nachzusinuen, welches ihre Gefühle wohl sein würden, wenn man Dinge beginge, die nicht ganz in Ordnung wären. Und Sie wissen, es ist nicht streng in Ordnung, die Nichte eines Gastwirts aus seiner Besuchsliste zu haben. Miß Bostal mildert die Regel soweit, daß sie meine Besuche empfängt, sie erwidert jedoch diese Besuche nicht."
„Welcher Unsinn!" rief Clifford. „Ich halte alle diese kleinen Ansprüche der Mittelklasse auf hohe Abstammung für so abgeschmackt!"
„Ich bin duldsamer", sagte Nell. „Liegt es nicht in der menschlichen Natur, stolz auf etwas zu sein. Meinen Sie nicht?"
„Ja, ich vermute es."
„Dann scheint es mir eine schöne Bescheidenheit an den Tag zu legen, daß man auf nichts an sich selbst stolz ist, sondern dafür auf die Eigenschaften des Stammbaumes zurückgreift!"
„Das ist eine sehr gutmütige Art, es zurechtzulegen", sagte Clifford.
Er war über die Maßen entzückt, zu finden, daß Nell ebenso glänzend im Gespräch, als ihr Gesicht schön war. Und da es nicht schien, als ob sie darauf verlangte, ihn loszuwerden, so blieb er fort und fort da, mit ihr plaudernd und lachend, ihrem Geschwätz über ihren Onkel und dessen Güte, über Miß Theodora und ihre Güte lauschend, bis die Sonne sich senkte.
Als er sich zögernd erhob, um Wschied zu nehmen, bemerkte er, daß schwere Regentropfen zu fallen anfingen, und er ließ sich gern von dem Wirt und seiner Dochter überreden, bis zur Aufklärung des Wetters zu warten. Als aber das Wetter, statt sich, aufzuklären, nach und nach schlechter wurde, bis der Tag in einem furchtbaren Regenguß endete, der stundenlang anzuhalten drohte, erkundigte


