1903.
MU
Äsibgy
(Nachdruck verboten.)
Wotans Werloöung.
Novelle von Robert Kohlrausch.
(Schluß.)
Rauchmann hatte vielleicht eine Viertelstunde gesessen. Da war es ihm plötzlich, als hätte sich etwas um ihn her geändert, als wäre etwas Bedeutendes ihm uahe gekommen, ein Gluck oder ein Unglück, er wußte es nicht. Unklar, traumhaft war das Gefühl. Aber als er den Kopf nun zur Seite wandte, da sah er tn Wahrheit Edith vor sich, nicht mehr als zwanzig Schritte von ihm entfernt; sie stand gerade unter einem blühenden Mandelbaum, der sich wie frohes, junges Leben unter die Schar der ehrwürdig-ernsten Oliven gemischt hatte. Sie hielt sich mit der linken Hand an den Stamm des Baumes, die rechte gegen Rauchmann ausgestreckt, in einem schwarzen Kleide, sich scharf und ernsthaft abhebcnd von der Flache des Wassers. Einen Augenblick blieb sie regunes- los, wie gebannt, gleich, ihm; dann aber, als er emvorsprana, riß auch sie sich los, warf die Erstarrung von sich und kam auf ihn zu, — nicht ganz so fesb und sicher, wie sie sonst äh schreiten P.legte. Etwas Demütiges, Geläutertes war in ihrer Erscheinung, das bleiche Gesicht von schärferen Formeik, die Augen scheinbar größer geworden, von Schatten umlagert.
So trat sie vor ihn hin, faßte die Hand, die er ihr entgegenhielt, und sah ihn schweigend, um Worte ringend, einen Augenblick an.
„Sie sind es wirklich? Es ivar mir, — eben, als ich Sre sah, — es war mir wie ein Traum. Aber nun sehe ich Sie ja in Wahrheit vor mir, und ich kann Ihnen danken, endlich, endlich kann ich Ihnen danken!"
Er wollte ihr Antwort geben, abwehrend, bescheiden; aber die Rede gehorchte ihm nicht, er vermochte nur, den Kopf zu schütteln und ihr in die Augen zu sehen, in diese ge- liebten Augen, die gestern um ihn geweint hatten. Auch sie schien daran zu denken, als sie jetzt weiter sprach.
„Sie haben mir das Leben gerettet, — aber um welchen Preis! Ihre Stimme, — sagen Sie mir, — vH, bitte, bitte, jagen Sie mir —"
„Sie ist verloren."
„Verloren?"
„ . »Siir immer. Ter Arzt hat fein Urteil gesprochen. Und wrr haben es ja geftern beide gehört, was aus meiner Stimme geworden ist."
„Unrettbar, — wirklich unrettbar verloren?"
Mit unsäglicher Angst in ihren Mienen blickte sie ihn an, als er noch einmal wortlos bejahte, da füllten sich ihre Augen abermals mit Tränen.
„Oh, warum haben Sie mich nicht sterben lassen? Um solchen Preis mag ich nicht gerettet sein. Das bin ich
nicht wert, das nicht! Ihre Stimme, Ihre Kunst, eine Welt konnten Sie damit erfreuen und beglücken, und um meinetwillen soll das vernichtet sein? Ich kann es Nicht glauben, ich kann, icy will es nicht glauben!"
„ »Und wenn der Verlust nun nicht fd - groß für mich Ware, wie Sie denken? Sie müssen mich verstehen: ich leide, ich suhle ihn, aber trotzdem, ich bin ein anderer geworden tn dieser letzten Zeit. Eine Welt zu beglücken, war schon, aber ich habe jetzt empfinden gelernt, daß es noch unendlich viel schöner fein muß, einen einzelnen Men;cheii zu beglücken, wenn man —"
, Er stockte, er sah auf einen kleinen Zweig von blühenden Mandeln, den Edith in der Hand hielt, und verstummte tm An;chauen dieses rötlich leuchtenden Frühlingszeichens.
„Wenn man, was wollten Sie sagen?"
, Ähre Frage gab ihm den Mut für die Antwort. Sich em wenig zu ihr hinüberbeugend, entgegnete er leise- „Wenn man den Menschen liebt, das hatte ich gemeint." ■r e nickte und lächelte, und unter diesem Lächeln verlor ihr Gejicht den traurigen Stempel von Leiden und Gram, den die letzten Wochen ihm ausgeprägt hatten.
„Einen Meilscheii zu beglücken, den man liebt, ja, das muß wunderschön sein." Sie sprach es träiimerisch vor sich hm, mehr mit sich selber redend, als mit ihm.
Er wartete noch einen Augenblick, ob sie nichts hinzufügen würde, doch als sie schwieg, begann er von neuem. Seine Lippen zuckten nervös, iind feine Finger zerbröckelten ent Erdstück, das er beim Aiifspriiigeii gedankenlos gefaßt hatte, doch zwang er die Stimme zu ruhigem Ton.
Bor einiger Zeit habe ich Ihnen einen Brief qe- schrieben, Fräulein Edith. Sie haben mir bis jetzt keine Antwort gegeben, und ich habe voll Unruhe darauf gewartet bis heute. Gewartet noch immer, wenn auch kaum mehr gehofft. Soll ich ganz ohne Antwort darauf bletben?"
„Nein, das sollen Sie nicht."
Etwas von der früheren Energie war in der Art, wie sie jetzt den Kopf zurückwarf und ihm gerade in die Augen sah. Gleich aber schwand dieser Ausdruck wieder, und tn ihrer neuen, demütigen Weise richtete sie die Blicke zu Boden. Ter sanfteren Faltung entsprach auch der Ton ihrer Worte.
„Ich will Ihnen Antwort auf alles geben, was Sie mich fragen, und auch auf anderes noch, was Sie mich nicht fragen köniten. Ich habe ja nur auf diesen Augenblick gewartet und habe gezittert, daß er vielleicht nicht kommen würde. Darum habe ich auch in meinem Briefe nicht davon gesprochen, weil ich die Freude haben wollte, es Ihnen selbst zu sagen. Alles, alles, zum Schreiben war es ja zu viel. Sie wissen schon, ich muß die Seele frei haben von jeder Last, wenn ich zufrieden fein soll. Hundertmal wohl habe ich Ihnen tn Gedanken eine Art von Beichte abgelegt, eine Beichte über mich selbst, über mein Inneres, und nun es soweit ist, da weiß icl), doch


