Ausgabe 
31.10.1903
 
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hielt. Wir wahrten die Hoffnung, den Glauben und die Liebe, diese drei, die uns emp or g eholfen haben über alle Not des Lebens, die uns zu besseren Menschen machten und uns selbst den Tod überwinden ließen. Es sind die drei Säulen, auf denen sich die Zivilisation erheben konnte. Sie bildeten den Stab, der uns stützte in der Zeit der Not und nie versagte. Auf dem Felsen, des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung wohnten wir sicher in der Brandung des Meeres, und schuldlos konnten wir des Le­bens heitere Stunden genießen. Nun aber braust aus den dunkelsten Tiefen und von den lichtesten Höhen der Menschl- heit der Rus zum Kampfe wider das Alte. Was uns so lange Kraft und Trost gewährte nun wird es zur lästigen Kette oder zu törichtem Aberglauben. Strahlend leuchtet des Verstandes kaltes Licht, das die Augen blendet und uns doch nicht den Weg zeigt, der zum Leben führt. Aus der Tiefe aber züngeln die Leidenschaften wilder Begierden, die kein erhabenes Gefühl mehr zügelt, keine Schranke mehr dämmt. Wenn es wahr wäre, daß unser Glaube eitel, unser Hoffen Wahn, unsere Liebe Trug ist, wenn der Glaube an Gott und der Menschen unsterblichen Teil nichts wäre als ein alter Aberglaube, was bliebe dann? Nichts als die Materie, die schon im Leben ein geistloses Produkt der mechanisch wirkenden Natur ist und zu seiner Zeit vermodert und vergeht. Lohnte es da noch, ein Leben zu erhalten, das sich Selbstzweck ist, oder um Verlorenes zu trauern, das nicht mehr Wert hatte, als der Wurm zu Teinen Füßen? Müssen wir ohne den inneren Halt nicht untergehen in des Lebens Not? Oder wär' es nicht Torheit, aus ein Glück zu verzichten, nach dem man nur die Hand auszustrecken braucht? Was soll uns noch die Tugend der Entsagung, der Rechtschaffenheit und Treue? Wozu noch Pslichten, toi.) wir nur Rechte zu rauben brauchen? Media vita in morte! Mitten in dem Empor- streben der Völker ist dem Geiste der Tod geschworen, und an einem weiten Grabe weinen wir um Verlorenes, für das uns niemand Ersatz bietet.

Aber wie laut auch immer die neue Lehre gepredigt werden möge: sie übertönt doch nicht die leise Stimme in der Menschenbrust. Die Liebe hört nimmer auf, und was sie gibt und, was sie nimurt, das sind die Zeugen ihres Daseins. Wenn wir heilte audEj1 die Blicke tränen­schwer auf die Gräber senkeu: unsere Seelen fühlen sich emporgezogen zu der eivigen Macht, die in uns lebendig ist,' ilnd die uns auch heute wieder zurust:Kommt, wie­der, Menschenkinder!"

Nein, wir wollen nicht verkümmern und verkommen in der Ocde der Hoffnungslosigkeit, die unsere Kraft bricht und uns untauglich rnacht zu den Werken, die wir llvch zu verrichten haben, so lange wir noch auf Erden wandeln. Wir wollen kämpfen den güten Kampf, eingedenk der Pflich­ten gegenüber denen, zu denen wir nun zurückkehren: unfern Lebenden. Dämmernd schwindet der Tag, und der Fittig der Nacht senkt sich leise herab aus die Stätte des Friedens. Wenn aufs neue die Sonne emporsteigt aus dem Schatten der Nacht, dann soll auch das Dunkel weichen, das unsere Seelen vielleicht noch umhüllt. Bald erwacht wieder das Leben, und des Lebens Kampf ruft uns in die Schranken. Das ist die Weihe des heutigen Tages und der Segen, den wir mit heimnehmen von der geweihten Stätte, daß sich die verzagenden Herzen von neuem aufrichten können an der Hoffnung und dem Glau­ben, fähig zu neu eit Werken der Liebe. Unfern teuren Entschlafenen unsere Blumen, unsere Tränen, unsere Ge­danken. Unfern Lebenden aber die schiaffende, bauende Kraft bis zu der Stunde, wo auch !vir, müde vom heißen Tage­werk, das Haupt senken zur letzten Ruhe.

Die Abendglocken läuten zum stillen Gebet.

In ihren Kammern schlafen alle, die vor uns heim­gegangen sind, und sacht ziehen die goldenen Sterne empor im weiten Kreise der Unendlichkeit. Durch die Bäume weht ein leiser Wind. Dürre Blätter senken sich lautlos hernieder, und einer weichen Stimme Klang tönt über die nächtliche Erde:

Friede sei mit Euch!"

Erich zu Schirfeld.

Vermischtes.

* G. v. Mosers Stiefelsammlung. Aus' de«. Hinterlassenschaft Gustav v. Mosers wird nach denM. N. N." eine der merkwürdigsten Privatsammlungen zur Ver­steigerung kommen H* an 200 Paare Stiesel aller! Arten und Abarten, die der tantiömengesegnete Autor mit derselben Leidenschaft samtnelte, wie Masoaani Kravatten, Sämtliche Schnhmachermeister der Stadt Görlitz kannten die Marotte des alten Herrn, besonders feine oder historisch interessante Stiefel auszukundschaften und mit schönem Geld zu bezahlen; sie luden ihn infolgedessen von Zeit zu Zeit zu einer Besichtigung ihrer Lagerbestände ein und Moser ließ lieber eine seiner zahlreichen Premitzren links liegen,; um nur nicht eine Bereicherung seiner Sammlung zu ver­säumen. Wenn ergeschäftlich" in Berlin zu tun hatte> pflegte er die Auslagefenster großer Schuhtoarengeschäfte mit derselben Gründlichkeit zu besichtigen, wie ein Kunst­freund die Galerien, und mit dem obligaten Lorbeer wan­derte regelmäßig eine Partie Schuhe in seine Behausung, um dort in einem bibliotheksaalartigen Raum aufbewahrt zu werden. Soweit es die Mode zuließ, vertraute Moser auch seine Füße den verschiedenen Objekten der Sammlung an, schonte diese indessen nach aller Möglichkeit. Dre glän­zendsten Reitstiefel, die feinsten Stiefletten, die elegantesten Lackschuhe und massive Bergstiefel konnten sich bei dem alten Herrn der gleichen Beliebtheit erfreuen, wie ein Paar Sandalen Frundsbergscher Landsknechte oder ehrwürdig zer­rissene Stiefelungeheuer aus der Zeit des russischen Feld­zuges Napoleons. Chacun a son gout! Gustav v. Moser hat mit seiner Stiefelfammlung weder Reklame gemacht,; noch seine Tantiemen dadurch; erhöht. (DieM. N. 91" scheinen nicht zu wissen, daß O t t o Rv q u e t t e, der einstige Darmstädter Professor, .eine niedliche Novelle geschrieben hat, in der er diese wimderliche Marotte Mosers hulhch glossiert. rr "

Literarisches.

Die Rose, ihre Anzucht und Pflege. Prak­tisches Handbuch für Rosenfreunde von RoÜ ert Betten. Zweite verbesserte und vermehrte Auflage. Mit 138 Ab­bildungen. Preis geb. 4 Mk. Verlag von Tro w r tz s ch u. Sohn in Frankfurt a. O. - Der Verfasser will dem Rosenfreunde zeigen, was die Rose liebt und wre sie be­handelt sein will. Da merkt man, daß der Verfasser mit dem großen Publikum enge Fühlung hält. Er weiß genau, welche Klippen sich dem Laien in den Weg stellen, und tn klarer, verständlicher Weise lehrt er, tote diese Klippen zu umschiffen sind. Wie seineBlumen am Fenster , so ist auch dieses Büchlein aus der Praxis für die Praxis ge­schrieben. Es ist ein guter, gewissenhafter Ratgeber, auf den man sich verlassen kann. Jeder Rosenfreund, der bisher nicht Glück mit der Rosenzucht hatte, und deren, gtebts l« unzählige, wird in diesem Buche die Gründe für ferne Miß­erfolge finden, zugleich aber auch; die nötigen Wrnke, wre er seine Rosen behandeln muß. Me neue Auflage bringt neben einer eingehenden Umänderung verschiedener ~etle( eine kurze Uebersicht über die wertvollen Neuheiten. Da­neben ist sie bestrebt, in einem umfassenden Kapitel dr« Zucht neuer Rosen zu schildern, um zu veranlassen, daß fleh immer weitere Meise mit der Zucht deutscher Neuheiten^ be­schäftigen. Deutsche Neuheiten haben ja rm allgemeinen bnr französischen den Vorzug größerer Unempfindlichkeit gsgm' Ä« »ntek »ovti V

h{efpr Anleitung zur Neuheitenzucht ist also einmal, tine Winterhärte deutsche Rose nach und nach hervorzu> bÄngw^daiM aber allmählich einen deutschen Rosentyp zu schaffen. ------------

Scherzrätsel.

(Nachdruck verboten.)

Es braucht's die Kuh zum Leben;

Wir tragens im Gewand

Zwei Zeichen dran gegeben: Nun birgt es allerhand.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r

Aluminium.

Redaktion: August Götz. Rotationsdruck und Terlag der Brnbl'schen UniversitätS-Tnch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen.